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26. Mai 2014

Thomas Held über die Finanzkrise und den Migrationsdruck aus Afrika

Nicht die guten Bergler-Gene sind dafür verantwortlich, dass wir die Finanzkrise so problemlos überstanden haben, sondern günstige Umstände, sagt Thomas Held. Der Soziologe plädiert ausserdem dafür, ägyptische Kartoffeln in der Migros zu verkaufen – nur so könne der Migrationsdruck aus dem Süden reduziert werden.

Thomas Held
Thomas Held nimmt im Gespräch speziell Stellung zu den Themen Finanzkrise und Migration.

Thomas Held, ein grosses Thema der letzten zehn Jahre war die Finanzkrise. Wieso hat da niemand rechtzeitig reagiert? Es gab ja schon Vorahnungen.

Man hat tatsächlich erst reagiert, als sie schon ausgebrochen war. Allerdings wurden grundsätzliche Fragen dabei verdrängt, man hat stattdessen einfach alles getan, um das System zu stabilisieren, teils auch mit Mitteln, die mit freiem Markt wenig zu tun haben. An vielen Orten sitzt nun der Staat als neuer Akteur am Tisch, und den behandelt man so wie alle anderen Akteure, man versucht, ihn über den Tisch zu ziehen, das gehört zum Spiel. All das wirft grosse Fragen für die Systemlegitimation auf, die noch unbeantwortet sind. Immerhin behaupten wir, eine freie Marktwirtschaft zu haben, die auf den Prinzipien von Eigenverantwortlichkeit und Wettbewerb aufbaut – doch das ist mittlerweile stark in Frage gestellt. Völlig unbewältigt ist auch der Umgang mit dem enormen Schuldenberg, der ja immer noch da ist. Im Grunde können sich die Wohlfahrtsstaaten schon lange nur noch über Schulden finanzieren. Und es ist allen klar, dass es so nicht weitergehen kann und es in 100 Jahren auch nicht mehr so sein wird. Nur der Weg dorthin, der ist noch nicht erkennbar.

Thomas Held im Interview
Thomas Held im Interview mit Chefredaktor Hans Schneeberger und Redaktor Ralf Kaminski.

Ist das Finanzsystem heute stabiler als vor der Krise?

Das schon. Aber die zugrunde liegenden Ungleichgewichte wurden bisher nicht angegangen.

Es ist allen klar, dass es so nicht weitergehen kann und es in 100 Jahren auch nicht mehr so sein wird.

Die Schweiz hat die Finanzkrise ohnehin recht problemlos überstanden.

Ja, und es gibt Leute, die glauben, das liege an unserer Einmaligkeit, unseren guten Bergler-Genen. Aber wenn man genauer hinschaut, stellt man fest, dass es sich vor allem um günstige Umstände handelt. Wir sind historisch mehrfach verschont worden und konnten deshalb einen Puffer aufbauen. Und wir haben das Glück, dass viele Lasten andere tragen, etwa den Migrationsdruck aus dem Süden. Mit dem müssen sich vor allem die Mittelmeerstaaten auseinander setzen. Dort sterben Menschen regelmässig.

Held unterscheidet zwischen der Arbeitsmigration und armen Kerlen
Thomas Held unterscheidet zwischen der Arbeitsmigration und armen Kerlen, die ihr Leben riskieren.

Der Migrationsdruck auf Europa ist enorm. Wie können wir damit umgehen?

Es gibt ja zwei Sorten: einerseits die Arbeitsmigration, andererseits die armen Kerle, die auf dem Weg ins vermeintliche Paradies ihr Leben aufs Spiel setzen. Von letzteren gibt es bisher noch relativ wenig, aber es werden mehr, und es sterben auch mehr.

Scheitert da Europa an seinen eigenen moralischen Ansprüchen? Wie kann man jenes Elend und die Hunderten von Toten zulassen und sich dennoch als moralische Instanz für Menschenrechte aufspielen?

Die Frage ist, was können wir dagegen tun? Wenn der Wohlstand in Afrika ein wenig steigen würde, wenn es mehr Länder mit einer Mittelschicht gäbe, würde dieser Strom schnell kleiner werden. Nur wer auch sonst keine Chance und den Tod vor Augen hat, nimmt diese Reise ans Mittelmeer auf sich. Was wir tun können, ist versuchen, den Wohlstand in Afrika zu fördern. Zum Beispiel indem wir ägyptische Kartoffeln ins Land lassen und in der Migros verkaufen – das würde tatsächlich helfen. Wir müssen unsere Märkte öffnen für jene Produkte, die Afrika anbieten kann.

Fotograf: Tanja Demarmels