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26. Januar 2015

This-Priis 2015

Claudia Hartmann ist stark sehbehindert, Olcay Dagdelen leidet unter einer Störung der Hirnanhangsdrüse. Beide hätten im Arbeitsmarkt keine Chance. Ausser bei Firmen wie Sawi und Louis Widmer: Die beiden Unternehmen werden für ihre Integration von Handicapierten mit dem diesjährigen Zürcher This-Priis prämiert. Rechts finden Sie in der Checkliste, worauf Firmen achten sollten («Tipps für Arbeitgeber von Behinderten»). Unten ein Film der Fachstelle Wintegra zum Thema – in Kürze finden Sie hier auch Porträtfilme zu den Preisträgern 2015.

Die sehbehinderte Claudia Hartmann
Die sehbehinderte Claudia Hartmann beim Testen von Temperaturfühlern. Die Gerätesoftware wurde extra für sie entwickelt.

Stapelweise liegen kabelähnliche Teile mit grünen, gelben und pinkfarbenen Plastikhüllen auf der Werkbank von Claudia Hartmann (62). «Das sind Temperaturfühler, die muss ich alle heute noch machen», sagt Hartmann, zieht die Augenbrauen hoch und steckt das erste Bündel in ein Gerät mit kleinen Öffnungen. Sofort erscheint am Bildschirm nebenan ein riesiger grüner Button. Das heisst: Der Fühler funktioniert.

Mein Leben ist im Vergleich zu damals wie Tag und Nacht. Jetzt stimmts einfach.

Seit drei Jahren ist Hartmann in einem 50-Prozent-Pensum beim Winterthurer Unternehmen Sawi Mess- und Regeltechnik angestellt, das sich auf die Herstellung von Temperaturfühlern spezialisiert hat. Die Software, die den grünen Okay-Knopf am Bildschirm auch aus zehn Meter Entfernung sichtbar macht, hat die Firma speziell für Hartmann entwickeln lassen. Mit ihrer Sehschwäche könnte sie nicht mit normal grossen Bildschirmanzeigen arbeiten. Für diese und andere Bemühungen hat die Sawi dieses Jahr den This-Priis erhalten (siehe rechts) – eine Auszeichnung für Arbeitgeber, die Menschen mit Behinderungen einstellen.

Handicapierte schaffen oft ein besonderes Wir-Gefühl

Menschen wie Claudia Hartmann. Sie ist ausgebildete Informatikerin, hat das KV und das Konservatorium absolviert, als Buchhalterin und in einer Druckerei gearbeitet, Akkordeonkonzerte gespielt und zuletzt einen Kiosk geführt. Bis vor 14 Jahren die Probleme mit den Augen begonnen haben. Eine angeborene Hornhautverkrümmung verschlimmerte sich plötzlich und führte zu regelmässigen Anfällen von Augenmigräne. «Diese Attacken raubten mir unheimlich viel Energie», erklärt Hartmann. Wegen einer ebenfalls angeborenen Immunschwäche wurde Hartmann schliesslich zum Fall für die Invalidenversicherung. Dann entdeckte man auch noch einen Herzklappenfehler. Sie verdiente sich einen Zustupf mit gelegentlichen Akkordeonauftritten und machte ehrenamtlich die Buchhaltung für einen Fair-Trade-Shop. Dennoch, eine Struktur im Alltagsleben fehlte ihr. «Keinen Boden unter den Füssen, so fühlte es sich an», sagt Hartmann. Mit 59 war sie so weit, trotz grosser finanzieller Einbussen in Frühpension zu gehen. Doch dann wurde ihr der heutige Job beim Winterthurer KMU angeboten. Ihr Leben heute und damals: «Wie Tag und Nacht», sagt Hartmann und strahlt: «Jetzt stimmts einfach.»

Claudia Hartmann trägt massgeblich zur Produktequalität bei.

Marco Inhelder, Teamchef Sawi
Marco Inhelder, Teamchef Sawi.

Es stimmt auch für ihren Arbeitgeber. «Sie trägt massgeblich zur Qualität unserer Produkte bei», sagt Hartmanns Chef Marco Inhelder (33). Der Leiter der Produktionsabteilung ist jedoch gefordert, denn Claudia Hartmann ist nicht die einzige Handicapierte in seinem Team. Er muss die Arbeitsabläufe an die reduzierten Pensen anpassen und den geforderten Output auch bei Leistungsschwankungen garantieren. Ausserdem wurde für jeden der vier behinderten Mitarbeiter der Arbeitsplatz individuell eingerichtet. Für einen Angestellten, der wegen eines Unfalls eine Hand nur reduziert benützen kann, wurde sogar eine neue Stelle geschaffen, die es so noch nicht gab.
Es ist dieses Möglichmachen, das die Jury des This-Priis' dazu bewogen hat, die Auszeichnung dieses Jahr an die Sawi zu geben. Die Firma profitiere allerdings auch von ihren besonderen Mitarbeitern, sagt Marco Inhelder: «Das ganze Team identifiziert sich überdurchschnittlich stark mit dem Arbeitgeber.»

Vom IV-Bezüger zum Maschinenchef: Olcay Dagdelen
Vom IV-Bezüger zum Maschinenchef: Olcay Dagdelen wird bei Louis Widmer geschätzt und gefördert.

Das beobachtet man auch beim Kosmetikhersteller Louis Widmer SA in Schlieren ZH, dem anderen diesjährigen This-Priis-Gewinner. Betriebsleiter Heinz Bösch: «Kollegen mit Behinderungen einzugliedern ist eine Herausforderung für alle Beteiligten.» Bei seinen Mitarbeitern habe das die Loyalität gesteigert und die Arbeitsmoral verbessert. Die neueste gelungene Integration ist Olcay Dagdelen (24). Der gelernte Industriepraktiker kam vor zwei Jahren über eine Vermittlungsstelle zu Louis Widmer. Wegen einer angeborenen Störung produziert Dagdelens Hirnanhangsdrüse zu wenig Hormone, was unter anderem die Anfälligkeit auf Krankheiten und Allergien massiv erhöht. Vor ein paar Jahren musste er sich komplizierten Kieferoperationen unterziehen, die ihn beruflich komplett ausser Gefecht gesetzt haben. Kaum älter als 20, war er bereits Bezüger einer vollen IV-Rente. «Aber ich wollte arbeiten und nicht zu Hause rumsitzen», sagt der junge Mann. Bei Louis Widmer bekam er die Chance, sich zu beweisen – und die nutzte er. Er stieg nach kurzer Zeit vom Verpackungsangestellten zum Maschinenchef auf und trägt heute die organisatorische Verantwortung für ein vierköpfiges Team, das in einer sterilen Halle Cremen und Salben abfüllt. Seit Anfang Januar arbeitet Dagdelen 100 Prozent und bezieht null IV.

Die Integration von Handicapierten kostet Geld

Bei Louis Widmer begann das Engagement für Behinderte 2006. Damals erkrankte ein Mitarbeiter an Multipler Sklerose und wurde intern an eine geeignete 50-Prozent-Stelle platziert. Dann suchte die IV eine Stelle für einen Teilinvaliden – Louis Widmer fand eine Beschäftigung für ihn. Seit ein paar Wochen arbeitet ein weiterer handicapierter Mitarbeiter versuchsweise im Betrieb. Auch beim Kosmetikhersteller spricht man gerne von der besonderen Motivation der integrierten Mitarbeiter, der positiveren Geisteshaltung im ganzen Team. Doch Tatsache ist: Das Schaffen von geeigneten Arbeitsplätzen kostet Geld. Heinz Bösch sagt, ohne Zahlen zu nennen: «Die Integration von handicapierten Mitarbeitern bedeutet einen finanziellen Mehraufwand.»

Heinz Bösch, Betriebsleiter bei Louis Widmer
Heinz Bösch, Betriebsleiter bei Louis Widmer.

Auch die Sawi in Winterthur lässt sich das etwas kosten – selbst wenn die Gewinnmarge zuweilen bis an die Schmerzgrenze schrumpft. Vor ein paar Jahren schrammte die Firma sogar haarscharf am Konkurs vorbei und konnte nur gerettet werden, weil die Belegschaft auf einen Teil des Lohnes verzichtete. Doch Firmeninhaber André Schäppi würde nie auf handicapierte Mitarbeiter verzichten wollen. Er ist überzeugt, dass jeder Betrieb passende Arbeit anbieten kann. Er ist bereit, wenn nötig auch eine 100-Prozent-Stelle in mehrere kleine aufzuspalten. Und neben dem 13. auch einen 14. Monatslohn auszuzahlen – wann immer es das Geschäftsergebnis zulässt.

DIE GEWINNER IM FILM
Ab 26. Januar finden Sie auf www.this-priis.ch/movies das Video über die This-Priis-Preisträger Sawi und Louis Widmer.

Ein Kurzfilm von Wintegra, der Fachstelle Arbeitsintegration für Menschen mit einer Beeinträchtigung.

Autor: Yvette Hettinger

Fotograf: Paolo Dutto