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04. Juni 2012

Therapierte Kinder

In vielen Kinderstuben grassiert die Abkläritis. Wer von der Norm abweicht, wird behandelt. Sinnvoll oder nicht? In vielen Fällen ist dieser Schritt angebracht, etwa bei der vierjährigen Fiona aus Basel.

Fiona Gersbach mit Mutter Miriam und Therapeutin Claudia Giordano (rechts).
Am Ende der Förderstunde sitzt Fiona Gersbach zusammen mit Mutter Miriam (links) und Therapeutin Claudia Giordano 
im Schlusskreis und lässt die Therapie musikalisch ausklingen.

Im Online-Special: Wie man die Entwicklung ohne Druck fördert und Defizite eher erkennen kann.

Blonde Haare, blaue Augen und ein schelmischer Gesichtsausdruck. Das ist Fiona Gersbach aus Basel. Die Vierjährige lärmt und zwirbelt wie ein Wirbelwind mit ihrer älteren Schwester Diana durchs Haus. Nebenbei erklärt sie selbstbewusst: «Ich freue mich auf den Chindsgi, wo ich zusammen mit meiner Freundin Leyla hingehen werde.» Im August ist es so weit.

Das war nicht immer so klar, wie es heute ist. Denn Fiona spricht für ihr Alter schlecht. «Sie verschluckt Silben», sagt Mutter Miriam (29). Statt «weiss nicht» sagt sie «eiss icht». Statt «spielen» spricht sie von «ielen». Fiona hatte als Kleinkind Wasser in den Innenohren und hörte sehr schecht. «Es muss sich so angehört haben, wie wenn sie dauernd unter Wasser wäre», erklärt Miriam Gersbach. Das bemerkten die Ärzte aber erst, als sie zwei Jahre alt war. Das Mädchen reagierte auch schlecht, wenn jemand es ansprach. So wusste Mutter Miriam nie, ob Fiona sie einfach ignorierte, weil sie gerade keine Lust hatte, oder ob sie sie wirklich nicht gehört hatte. Statt zu artikulieren, begann Fiona mit den Fingern zu gestikulieren. «Mama und Papa klappte, aber sonst sagte sie nichts.»

Fiona war auch tapsiger als andere Kinder und fiel häufig hin. So hatte sie mit 14 Monaten einen gebrochenen Arm, mit 16 Monaten eine erste Platzwunde am Kopf. «Mittlerweile sind wir bei der vierten solchen Verletzung», so Miriam Gersbach. Durch das Wasser im Ohr war ihr Gleichgewichtssinn beeinträchtigt. Erst nachdem das Wasser beseitigt war, besserte sich die Lage für die vorlaute junge Dame. Doch wegen ihres bisherigen Handicaps wies sie bereits einige Entwicklungsdefizite auf. Die Lösung für Fionas Manko hiess heilpädagogische Früherziehung.

Manche Eltern glauben, sie hätten etwas falsch gemacht

Fiona lernt spielerisch die Farben.
Die Farben zu benennen und dabei auf einem Bein zu hüpfen, ist gar nicht so leicht. Fiona lernt so spielerisch die Farben.

Mama Gersbach war nicht begeistert. «Ich war nie ein Fan dieser Frühförderungsgeschichten, in deren Verlauf ich mir sagen lassen muss, was ich alles falsch gemacht habe», sagt sie, lacht und fügt an: «Ich musste mir zuerst den Unterschied zwischen Früherziehung und Frühförderung erklären lassen.» So geht es vermutlich vielen. Unter heilpädagogischer Früherziehung versteht man eine therapeutische Massnahme, um zum Beispiel sprachliche oder motorische Defizite auszugleichen. Unter dem Sammelbegriff Frühförderung werden hingegen im Volksmund oft Förderangebote für Kleinkinder zusammengefasst, wie zum Beispiel Klavierunterricht, Frühenglisch oder Tenniskurse. «Also etwas, das nicht darauf abzielt, ein bestehendes Problem anzugehen, sondern etwas, das meist von den Eltern initiiert wird, um dem Kind einen vermeintlich besseren Start ins Leben zu ermöglichen», wie die Entwicklungspsychologin Gabi Müller vom Basler Zentrum für Frühförderung sagt. Das Zentrum bietet neben heilpädagogischer Früherziehung auch logopädische Therapie und Beratung für Eltern und Fachpersonen an. Hier wurde auch Fiona abgeklärt.

«Es besteht eine Tendenz, Kinder wegen allem zum Therapeuten zu zerren.»

Jedem Kind einen guten Start ins Leben zu ermöglichen, das ist ein Ziel, das sich neuerdings auch die Bildungsdirektion des Kantons Zürich auf die Fahne geschrieben hat. Denn der Mensch lernt nie mehr so viel wie in den ersten paar Lebensjahren. Was er in dieser Zeit verpasst, holt er nur schwer wieder auf. Doch es gibt auch Kritiker dieser Förderung-auf-Teufel-komm-raus-Strategie. So ist zum Beispiel Stephan Oetiker, Stiftungsdirektor der Pro Juventute, davon überzeugt, dass es auch zu viel des Guten sein kann. «Wenn ich das Kind überfordere, hat es sicher einen schlechteren Start, als wenn ich es einfach machen lasse.»

In Deutschland hat jedes dritte Kind eine Sprachstörung

Auch wenn der Pro-Juventute-Chef es in gewissen Fällen als sinnvoll erachtet, ein Kind abklären zu lassen, macht er sich Sorgen: «Es besteht eine Tendenz, Kinder wegen allem zu einem Therapeuten zu zerren.» Mit Zahlen lässt sich diese Tendenz nicht belegen — zumindest nicht für die Schweiz. In Deutschland hingegen sei es laut einer Studie der grössten deutschen Krankenkasse, Barmer GEK, inzwischen so weit, dass jedes dritte Kind im Vorschulalter eine Sprachstörung habe. 2010 waren deshalb 1,1 Millionen Kinder bis 14 Jahren in Behandlung. Seit 2004 hat dieses Krankheitsbild um 20 Prozent zugenommen. Deutsche Krankenkassen geben jährlich rund eine Milliarde Euro für Therapien bei Logopäden aus.

Fiona muss der Therapeutin erzählen, was sie sieht.
Und immer wieder sprechen: Fiona muss der Therapeutin erzählen, was sie sieht.

Die Förderung ist auch stressig für das Kind

Damit es in der Schweiz gar nicht erst so weit kommt, ruft Stephan Oetiker Eltern zur Besonnenheit auf. «Lassen Sie sich durch all die Fachleute nicht nervös machen und räumen Sie Kindern nicht jeden Stein aus dem Weg.» Denn was als normal gilt, ist abhängig vom Umfeld und den aktuellen gesellschaftlichen Wertvorstellungen. Die Bewertung «normal» oder «auffällig» hat auch viel mit der eigenen Toleranzgrenze zu tun. So empfinden Eltern, die sehr lärmempfindlich sind, ein lebhaftes Kind schneller als auffällig. «Wichtig in diesem Zusammenhang ist», so Oetiker, «dass Eltern sich an ihrem eigenen Kind und am Verlauf seiner Entwicklung orientieren und nicht am Vergleich mit anderen Kindern.» Denn die ganze Erziehung und Förderung ist auch stressig für das Kind.

«Fiona rannte praktisch von Termin zu Termin», erzählt Miriam Gersbach. Doch der Erfolg gibt der Entwicklungspsychologin Gabi Müller recht: «Fiona machte enorme Fortschritte und wird ohne Probleme in den Kindergarten eintreten können.» Für Miriam Gersbach hingegen zählt nur eines: «Es geht nicht darum, dass sie dereinst die UBS übernehmen soll, sondern dass sie ein normales Leben führen kann.» Und Fiona? Ihr ist es egal, ob sie nun Frühförderung oder Früherziehung genossen hat. Sie möchte nun einfach raus: «Ill use!»

Autor: Thomas Vogel

Fotograf: Matthias Willi