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01. Dezember 2014

Therapieren mit Tieren

Ein Königreich für ein Pferd: Die Unpaarhufer gehören neben Hunden zu den beliebtesten Tierarten bei Menschen mit Therapiebedarf – häufig Unfall-, Handicap- oder Demenzbetroffene. Wo liegen ihre Einsatzgebiete? Dazu die Reportage über Therapiehunde in der Schule («Lernhilfe auf vier Pfoten»).

Trainierte Therapiehunde
Trainierte Therapiehunde wecken Vertrauen und animieren zur Interaktion.

Es scheint einleuchtend: Sucht der Mensch nach Tieren, die sich für soziale und Verhaltenstherapien oder für Aktivierungs- und Regenerationsprogramme eignen, landet er meist bei denselben Begleitern, die ihm seit Jahrhunderten entweder als Nutz- oder Haustiere dienen.
Die sind an mit dem Menschen geteilte Lebensräume gewohnt und bereit, diesen meist als Leitfigur und Entscheidungsträger zu akzeptieren. Weiter haben sie kaum ausgeprägte Aggressions- oder Fluchttriebe – beziehungsweise haben diese durch genetische Anpassung weitgehend verloren. Und zu guter Letzt können ihnen besser bestimmte Abläufe und Verhaltensmuster antrainiert werden, die der Einsatz nötig macht.

Daneben existieren aber aus mitteleuropäischer Sicht durchaus auch Therapieansätze mit exotischeren Partnern aus dem Tierreich, die oft weniger unmittelbar auf den Menschen reagieren als unsere domestizierten Haus- und Nutztierarten, aber auch etwas in ihm auslösen.
Allerdings setzen unabhängige Experten zum Beispiel bei den bekannten Delfinprogrammen mit mental oder körperlich behinderten Kindern grössere Fragezeichen in Sachen Nutzen.
Vorauszuschicken wäre auch noch, dass bei Altersheimen oder Kindergärten angebrachte Tiergehege (zumeist mit Nutzieren: Ziegen, Schafe, Hasen usw.) hier nicht Betracht gezogen werden. Sie verschaffen zwar wertvolle Kontakte mit der Tierwelt, doch wirken diese ohne strukturierte Programme und Begleitung nur am Rand therapeutisch.
Pferde: Die Physiotherapeuten
Die Unpaarhufer sind vermutlich die schon am längsten in der Therapie tätigen Tiere. Überwiegend dienen sie Unfallopfern mit zur körperlichen Rehabilitation – oftmals schlicht zum Aktivieren und Einstellen des Körpers auf eine neue Situation. Klassisch ist etwa das Beispiel eines durch Unfall halbseitig Gelähmten, dem das Reiten mithilft, Bewegungen einseitig für die 'taube' Seite mitzubegleiten und idealerweise ein Stück weit zu kompensieren. Derartige Therapien werden in der Schweiz meist von der Krankenkasse abgedeckt (Komplementärmedizin) und werden in der Regel von Physiotherapeuten mit Zusatzausbildung durchgeführt.
Neben dieser Hippotherapie – am ehesten mit Krankengymnastik auf dem Pferd zu umschreiben – gelangen Pferde vorab in Deutschland auch noch im Bereich Heilpädagogisches Reiten und Voltigieren zum Einsatz. Dabei werden primär Kinder und Jugendliche mit psychisch-sozialen oder Verhaltensproblemen gefördert.
Hunde: Die Besucher der Alten
Neben den niederschwelligen Einsätzen von Therapiehunden im Unterricht (siehe: Reportage im Migros-Magazin vom 1. 12. 2014 ) kennt man für die wohl ältesten persönlichen Begleiter des Menschen noch weitere Gebiete der hunde(gestützten) Therapie: vorab die in Alters- oder Pflegeheimen gelegentlich anzutreffende Förderung von nichtsprachlicher Kommunikation bei Bewohnern mit Anzeichen von Demenz oder anderen die Kommunikation einschränkenden Krankheiten. Dabei wird unterschieden zwischen der hundegestützten Therapie, bei der die Hundeführer ausgebildet und die Tiere in mehrstufigem Training auf den Einsatz vorbereitet werden. Daneben existieren zur Erhöhung von Aktivität und Austausch mit der Umwelt auch gemeinhin als Besuchshundedienste bezeichnete Programme ohne ausgebildetes Personal und spezifisch trainierte Tiere. Bereits da profitieren etliche Betroffene von der zugleich beruhigenden als auch im Austausch anregenden Natur der Hunde. Übrigens reden Experten nicht von an sich für solche Zwecke prädestinierten oder gänzlich ungeeigneten Rassen. Entscheidend sind Sozialisation und Training des Tiers. In der Regel greift man für Therapiehunde zu den gängigsten Zuchtrassen von Haustieren, am häufigsten Retriever- oder für Hütehunde klassische Rassen.
Zu guter Letzt dienen geschulte Therapiehunde vereinzelt auch in der Psychodiagnostik. Bei versagender Sprachfähigkeit ermöglicht die Interaktion von Mensch mit Hund, zwischen verschiedenen Sprachstörungen, -barrieren, Formen des Autismus, Demenz oder schlicht Gehörlosigkeit mit einhergehenden Begleitphänomenen zu unterscheiden.
Delfine: Das Forschungsobjekt
Viel weniger auf direkten Kontakt ausgerichtet sind die Ansätze, Delfine speziell zur Therapie bei mentalen und/oder körperlich handicapierten Kindern einzusetzen. Sie sind auch bedeutend aufwendiger als die bisher geschilderten Ansätze, und ihre positiven Resultate werden von einigen Wissenschaftlern in Zweifel gezogen. Die in den USA bekannte Dolphin-Human-Therapy, in Europa nur selten auf Testbasis an Hochschulen erprobt, stösst wegen der Haltung der Tiere in meist nicht sehr gross bemessenen Bassins und Revieren auch auf Kritik einiger Tierschützer. Der US-Ansatz setzt das Zusehen am Rand der Delfinarien primär als Belohnung von konservativen Therapieschritten ein, nur vereinzelt steht am Ende auch das Berühren oder gar Benützen desselben Bassins, also der physische Kontakt mit den wendigen Schwimmern.
Lamas: Zurückhaltende Begleiter
Auch Lamas als therapiestützende Partner werden in der Regel nirgends von Krankenkassen für erbrachte Leistungen anerkannt. Und vor allem besteht nirgends in Europa eine anerkannte Ausbildung speziell für Lamahalter als Therapeuten. Die eher zurückhaltenden, aber freundlich wirkenden Tiere werden jedoch ab und zu auf privater Basis gewünscht und bezahlt, sind vor allem als motivierende Begleiter hoch geschätzt: bei psychischen Erkrankungen, Behinderungen, gerade bei Suchtkranken in Therapie, aber teils auch bei Trauma-/Belastungsstörungen.
LINKS http://gtta.ch (Gesellschaft für tiergestützte Therapie und Aktivitäten)
www.dargebotenepfote.ch

Autor: Reto Meisser

Fotograf: Elisabeth Real