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19. Januar 2015

Therapeut im öffentlichen Raum

Thomas Bisig programmierte früher Algorithmen für den Währungshandel. Heute hört er Menschen zu.

Thomas Bisig vor dem Opernhaus
Zuhörer Thomas Bisig vor dem Zürcher Opernhaus.

Zwei Stühle, ein Tabourettli und ein Schild mit der Aufschrift «Möchtest Du etwas erzählen? Ich höre Dir zu.» – mit diesen Requisiten hat sich Thomas Bisig (32) auf dem weitläufigen Platz vor dem Opernhaus in Zürich posi­tioniert. Er sucht keinen Blickkontakt mit den Fussgängern, sondern starrt teilnahmslos ins Leere.

Viele Passanten verlangsamen ihr Tempo. Lesen erst das Schild, schauen sich den Mann mit Rossschwanz und Dreitagebart an und gehen dann weiter. Manche ­zücken das Handy und machen ein Foto. Kommen Paare daher, zupft der eine den anderen oft am Ärmel und sagt: «Schau mal der!», «Da könntest du ­reden!» oder «Willst du dich nicht hinsetzen?» Thomas Bisig verzieht derweil keine Miene.

Es ist Samstagnachmittag. Die Sonne scheint zwar, aber es bläst ein heftiger Wind. So vergehen zehn Minuten, 20 Minuten. Dann ist da plötzlich dieser Mann mit dicker Daunenjacke. Er muss schon früher vorbeigekommen sein, denn aus dem Blickwinkel, den er beim zielstrebigen Näherkommen hat, kann er das Schild gar nicht lesen. Er setzt sich auf den freien Stuhl und meint: «Ich möchte dir ein Gedicht vom ‹Tell› auf­sagen.» Das habe ihm seine Urgrossmutter, an die er sich so gern erinnere, beigebracht. Thomas Bisig erwacht aus seiner Starre. Er wendet sich seinem ­Gegenüber zu, stellt sich vor, lächelt, nickt aufmunternd und hört sich ­Schillers «Tell» an. So schnell wie der Mann mit dem Gedicht aufgetaucht ist, verschwindet er wieder.

In einer Welt voller Zahlen fehlten ihm die Menschen

Bis vor anderthalb Jahren hat Thomas Bisig, der über einen ETH-Abschluss in Theoretischer Physik verfügt, Algo­rithmen für den Währungshandel programmiert. Seine Welt war voller Zahlen, Formeln und Kurven. Er mochte ­seine Arbeit, aber etwas fehlte ihm: «Ich war von Anzügen umgeben, nicht von Menschen.» Im Herbst 2013 kündigte er den gut bezahlten Job, gründete sein «Zuhörer Studio» und zog wieder in ­eine Wohngemeinschaft, um Kosten zu reduzieren.

Seinen Lebensunterhalt verdient Thomas Bisig mit gelegentlichen Stell­­vertretungen als Sek- und Gymnasiallehrer und mit Spenden. Er erhält sie von Menschen, die sein offenes Ohr nach ­einem ersten ­Kennenlernen ein weiteres Mal in ­Anspruch nehmen – und sich ­dafür ­revanchieren wollen. Eine weitere ­Einnahmequelle sind Kurse in Acht­samkeit und Kommunikation, die Bisig ebenfalls auf Spenden­basis für Private und Schulen anbietet. Einzig Unter­nehmen stellt er seine Dienstleistung in Rechnung. Achtsamkeitstrainings ­gelten in der Geschäftswelt inzwischen als ­Psychowaffe gegen Stresserscheinungen und Burn-out.

Achtsam zuhören, ohne zu werten ‒ das ist die Herausforderung

Auf das Thema Achtsamkeit ist ­Thomas Bisig, der sich selbst bisher nie ­ausgebrannt gefühlt hat, über den Buddhismus gekommen. Den Moment ­möglichst ­bewusst wahr­zunehmen, die eigenen ­Gefühle und Bedürfnisse ­anzuerkennen und ­immer wieder zurück in den ­Moment zu kommen, darum geht es bei der Achtsamkeit. In ­diesem Sinne will Thomas Bisig auch möglichst ­achtsam zuhören – stets aufmerksam und ohne zu be­werten, was sein Gegenüber ihm erzählt.

Während er sitzt und wartet, bis sich ein weiterer Passant zu ihm setzt, übt sich Bisig selber in Achtsamkeit. Dies ­erklärt mitunter seine starre Mimik. Er meditiert und konzentriert sich dabei beispielsweise auf die bewusste Wahrnehmung von Körper oder Atem. So wird ihm nie langweilig.

Vor dem Opernhaus geht ein Paar am Zuhörer vorbei, beide um die 50, in eine Diskussion vertieft. Der Mann gestikuliert heftig, die Frau schüttelt den Kopf. Dann nimmt er Bisig und sein Schild wahr, will seine Partnerin zum Absitzen bewegen – und setzt sich schliesslich selber auf den freien Stuhl: «Ich liebe diese Frau. Aber sie versteht mich einfach nicht. Sie will Leidenschaft, ich will Liebe.» Die Frau hat sich inzwischen ein paar Meter weiter auf eine Bank ­gesetzt und beginnt ein Gespräch mit ­einem Fremden. Ihr Begleiter erhebt sich, meint zum Zuhörer: «Schau. Kaum bin ich weg, bandelt sie mit einem an­deren an.» Dann ziehen die beiden auch schon wieder weiter – gemeinsam.

Oft geht es ums Loslassen

«Viele Geschichten, die mir anvertraut werden, handeln von Beziehungs­problemen, oft geht es dabei ums Los­lassen», erzählt Thomas Bisig. Auch Stress und fehlende Anerkennung seien immer wieder ein Thema. Menschen mit Migrationshintergrund würden überproportional häufig auf sein Angebot einsteigen. «Viele sagen, sie hätten in der Schweiz keine Freunde und fühlten sich einsam.»Das Schlimmste, was ihm bisher zu Ohren gekommen ist, sind ­sexuelle Übergriffe. «Belastet hat mich das nicht, aber ich habe der Frau trotzdem empfohlen, sich professionelle ­Hilfe zu suchen.» Zuhören allein reiche für die Bewältigung eines solchen ­Traumas nicht. Die Motivation für das Zuhören ist für Bisig – neben seinem ­Interesse am Menschen – die Freude, die er empfindet, wenn er etwas Gutes tun kann: «Es macht mich glücklich, Menschen in ihrer Reflexion zu unterstützen und sie in ihrer persönlichen Entwicklung zu begleiten, indem ich ­ihnen ein offenes Ohr schenke.» Zudem seien die Begegnungen durchaus auch für ihn ­inspirierend.

Derzeit bildet sich Bisig im Institut für ­Integrative Gestalttherapie in Zürich weiter. Ein anerkanntes Diplom wird er dort nie machen können, weil ihm das Psychologiestudium als Basis fehlt. Überhaupt: Hätte Bisig Psychologie statt Physik studiert und sich anschliessend auf Therapie weitergebildet, wäre er für das Zuhören besser entlöhnt. Die Erzählenden würden ihm zuge­wiesen, und er könnte seine Leistungen über die Krankenkasse abrechnen.

Mit seiner Ausbildung hadert Thomas Bisig indes nicht. «Ich habe einen anderen Zugang zu den Menschen als ein Psychologe, da ich ursprünglich aus der rationalen Welt komme. Das macht mich unvoreingenommen.» Und wer weiss – vielleicht hätte er ja mit ­einem ­Psychologiestudium auch eine zu hohe ­Dosis «Gschpürsch mi?» abbekommen.

www.zuhoerer.ch

Autor: Andrea Freiermuth

Fotograf: Gian Marco Castelberg