Archiv
10. Oktober 2016

Theater auf Rädern

Wohnwagentür auf für «Rosis Wirbelwind»: Das wohl kleinste und schrägste Theater der Schweiz geht auf Tournee. Auf einem Minimum an Raum geniessen je sechs Zuschauer ein Maximum an Atmosphäre – einfach zauberhaft.

Kabarettistin Katrin Schatz ist Rosis Wirbelwind
Auf ihrer Wohnwagenbühne schlüpft Kabarettistin Katrin Schatz virtuos in verschiedene Rollen. «Ein unmittelbares Erlebnis», findet Zuschauerin Bettina Leibundgut (links im Spiegel).

«Seid ihr von der Schulbehörde? Ihr kommt wegen meiner Tochter Nati, oder? Grüezi! Ich bin Trixi vom Zwergliweg.» Der lindgrüne Wohnwagen schaukelt leicht, als Trixi alias Kabarettistin Katrin Schatz allen im Publikum die Hand gibt und dann von ihrem Alltag erzählt.

Hätte sie nicht diesen St. Galler Dialekt, könnte sie sich viel mehr Respekt verschaffen, nur schon mit dem Namen: Trixi vom Zwergliweg, das würde auf Spanisch weiss Gott beeindruckender klingen, «wollen Sie mal hören?». Flugs zieht sie sich ein Dreiecktuch mit Fransen über, jetzt ist sie Beatriz, und als Beatriz wiegt sie erst ihre Hüften und imitiert dann einen Song, der unter die Haut geht. Denn tief, tief in ihrem Herzen ist Trixi vom Zwergliweg eine verruchte Sängerin.

Der Zauber der Nähe

Mucksmäuschenstill ist es in diesem Moment auf der Eckbank mit dem Schaffell. Hier sitzen die sechs Zuschauer – für mehr reicht der Platz nicht – Knie an Knie. Zum Anfassen nah steht Katrin Schatz vor der Küchenzeile. Wo früher Familien aus der ehemaligen DDR Konfibrote schmierten und Kaffee kochten, spielt die St. Gallerin heute einmal den frechen Teenager Nati, dann wieder die überforderte Mutter Trixi, sie singt und parodiert und erzählt und jammert.

Als der letzte Ton verklingt, steht die Zeit für einen Moment still. Das Publikum, verzaubert von Nähe, Gesang und Schauspiel, löst sich langsam aus seiner Entrücktheit. Applaus setzt ein, erst zaghaft, dann lauter. «Super, sensationell», ruft Zuschauer Hans Huber (67). Markus Leibundgut (54) hat «so etwas noch nie erlebt». Er lacht: «Das ist ‹Reduce to the max› in seiner schönsten Form.» Seine Frau Bettina Leibundgut (52) stimmt ihm zu: «Durch die Nähe kommt es zu einem unmittelbaren Erlebnis.»

Der Wagenpark von «Rosis Wirbelwind» ist auch ein Begegnungsort: Zauberer Hannes vo Wald alias Hannes Irniger, Erzählerin Clau Wirth und Bettina Leibundgut (v.l.)

Der Wagenpark von «Rosis Wirbelwind» ist auch ein Begegnungsort: Zauberer Hannes vo Wald alias Hannes Irniger, Erzählerin Clau Wirth und Bettina Leibundgut (v.l.)

Nur ungern verlässt man die kuschelige Sitzecke und das stimmungsvolle Ambiente mit den Kerzen nach zwanzig Minuten, aber drei weitere Wohnwagen öffnen ihre Türen: Zauberer und Feuerkünstler Hannes vo Wald alias Hannes Irniger (52) entführt die Zuschauer in magische Welten, Geschichtenerzählerin Claudia Rohrhirs (48) spielt und erzählt das alte flämische Märchen von Frau Glück und ihren Äpfeln so anschaulich, dass man den Apfelkuchen riechen kann, und ihre Kollegin Clau Wirth (51), ebenfalls Erzählkünstlerin, rezitiert Christian Morgenstern und verwandelt sich dabei in ein urkomisches Alpschaf.

Willkommen bei «Rosis Wirbelwind»! An diesem Septemberabend ist Vorpremiere im Basislager Wittenbach bei St. Gallen, am 18. Oktober wird hier die Uraufführung über die Wohnwagenbühnen gehen. Danach rollen die vier bunten Wagen nach Wil SG, Arbon TG, Zürich, St. Gallen und Altstätten SG, ­geräuschlos gezogen von Elektro-Smarts. «Das dürfte weltweit einzigartig sein», vermutet «Rosi»-Erfinder Gerold Huber.

Familiär und nostalgisch

Der umtriebige Ostschweizer hat schon manches Kulturprojekt angestossen, «Rosis Wirbelwind» ist sein jüngstes Kind: «Ich wollte ein persönliches Theater auf kleinstem Raum», sagt er, «eines zum Schauen, Hören, Anfassen, Riechen und Schmecken.» Und eines, bei dem seine Retrowohnwagen aus der einstigen DDR zur Bühne werden.

Der frühere Primar- und Werklehrer hat sie selbst in die Schweiz gebracht und liebevoll im Stil der 1950er-Jahre restauriert. Aber «Rosis Wirbelwind» ist mehr als ein Theater, es ist Begegnungsort für Kunstschaffende und Publikum. Damit will der 59-Jährige «einen Kontrast zur Anonymität des digitalen Zeitalters setzen». Deshalb trifft man sich zwischen und nach den Aufführungen zu Akkordeonklängen auf einen Schwatz am Feuer, brät Würste, trinkt Wunschpunsch oder Wein.

Feuerschlucker in Aktion

Verschworene Gemeinschaft: Bei Wurst und Wein gibt es eine spontane Feuerschluckeinlage von Hannes Irniger.

Wie jetzt. Die Dämmerung hat eingesetzt, blaue, rote und gelbe Lämpchen leuchten in den dunklen Abend hinein. Akteure, Helfer und Publikum wachsen zu einer verschworenen Gemeinschaft zusammen. «Genauso habe ich mir das vorgestellt», sagt Gerold Huber zufrieden, als Kabarettistin Katrin Schatz schallend über einen Scherz eines Zuschauers lacht und Zauberer Hannes vo Wald spontan eine Feuerschlucknummer zum Besten gibt. Man staunt, redet, scherzt. Das Feuer knistert, der Mond scheint, aus dem Buffetwagen dringt warmes Licht, und ein Hauch von Zirkusmagie hüllt alle und alles ein.

Premiere: 18. Oktober, Grünaustrasse 21 in Wittenbach bei St. Gallen. Dernière: 18. Dezember auf dem Rathausplatz in Altstätten SG. Billettverkauf jeweils ca. eine Stunde vor Beginn. Tourneeplan und weitere Infos: www.rosiswirbelwind.ch

Autor: Franziska Hidber

Fotograf: Stephan Bösch