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17. Mai 2016

Tessiner Seelen

Originale wie Buchdrucker Franco Lafranca, Polentaköchin Tiziana Poretti und Klosterbruder Roberto haben einen starken Charakter und eine klare Vision. Sie verkörpern die menschlich schönsten Seiten des Tessins – wir zeigen sie zum Porträt im Video.

Tiziana Poretti
Polentaköchin Tiziana Poretti

Unter dem Torbogen der Piazza von Sessa steht ein grosser Topf. Darin blubbern zehn Liter Polenta. Seit sechs Jahren bereitet Tiziana Poretti (53) das Traditionsgericht auf dem Dorfplatz zu, jeden Dienstag von Oktober bis Mai.

Poretti zog vor 20 Jahren mit ihrem Mann und den zwei Kindern von Rivera nach Sessa. «Ich schloss rasch Freundschaften und war fasziniert vom Zusammenhalt unter den Nachbarn.» Irgendwann habe sich die Stimmung im Dorf jedoch verändert: «Viele zogen weg, die Gassen wurden leer.» So sei sie auf die Idee mit der Polenta gekommen: «Ich wollte wieder Leben ins Dorf bringen.»

Die Bewohner des 700-Seelen-Dorfs nahmen das Angebot dankbar an. Jeweils um 11 Uhr finden sich die ersten Dorfbewohner ein. Es wird geplaudert, getratscht und gelacht. Im Windschatten von Poretti bietet die Dorfbeiz jeweils ein zur Polenta passendes Gericht zum Mitnehmen an. Marktfahrer haben sich dazugesellt.

Ich wollte wieder Leben ins Dorf bringen

Der Polentaverkauf fördert nicht nur das Sozialleben, er füllt auch die Dorfkasse: Den Gewinn spendet Poretti der Gemeinde, die damit den Kirchturm und Brunnen restauriert hat. Und weil das Geschäft so gut läuft, heizt sie ihren Topf inzwischen auch in Novaggio, Ponte Tresa und Caslano ein.

Buchdrucker und Zuhörer Franco Lafranca

Buchdrucker und Zuhörer Franco Lafranca
Buchdrucker Franco Lafranca

Er spricht leise und sanft, erzählt von seinem Leben in brüchigen Sätzen, als würde er lieber zuhören. Franco Lafrancas Leben ist wieder einmal im Umbruch. Seine Kunstdruckerei L’impressione Stamperia d’arte in Locarno, seit 25 Jahren sein kleines Reich, verwandelt er gerade in eine «Galerie des Kunstdrucks», wie er sagt. Die meisten Druckmaschinen wird er seinem langjährigen Mitarbeiter Giuseppe übergeben. In den frei werdenden Räumen der neuen Galerie will er künftig Künstler, Dichter und Schriftsteller zusammenbringen und in bescheidenem Rahmen seinen Kunstverlag weiterführen.

Lafranca hat in seinen 63 Jahren schon manche Umwälzungen erlebt. Mit 15 stieg er als Lehrling in die Welt des Druckens ein. Besser gesagt: in die Welt des Papiers. Denn wenn Franco von Papier spricht, lachen sogar seine Augen. Den Beruf wechselte er, als der Offsetdruck den Bleisatz ersetzte. Er entdeckte die Fotografie und den Film. An der Kunsthochschule Brera in Mailand eignete er sich das technische Rüstzeug an. Bei Dreharbeiten mit Regisseuren wie Sergio Genni im Tessin oder Nelo Risi in Italien sammelte er wichtige Erfahrungen.

Es gefällt mir, die Ideen von anderen zu verstehen

Aber dann kam die digitale Revolution, ein erneuter technologischer Wandel. Auf mehreren langen Reisen suchte er nach Orientierung – und landete wieder auf dem alten Weg: Er erhielt von Rinaldo Bianda dessen Kunstdruckerei. Und so konnte er zu seiner ersten Liebe zurückkehren.
Dieser Weg war erfolgreich. Künstler aus dem Norden und Süden suchten ihn auf, er arbeitete unter anderem mit Georg Baselitz, Felix Müller, mit den Tessinern Luca Mengoni und Alessandro Martini zusammen. Die italienische Dichterin Alda Merlini fand in ihm einen gleichwertigen Künstler. Denn Lafrancas war immer schon mehr Künstler als Handwerker: Mit seiner Landart-Kunst schmückt er seine Liegenschaft in Sabbione, einem der idyllischsten Weiler im Bavonatal.
Aber seine grösste Kunst war und ist vielleicht noch immer die Kunst des Zuhörens. Franco Lafranca versteht, was ein Maler, Dichter oder Schriftsteller will; er kann sich in sein Gegenüber hineindenken. So entsteht aus einem langwierigen, sinnsuchenden Prozess letztlich ein gemeinsames Werk. «Es gefällt mir, die Ideen von anderen zu verstehen», schmunzelt Franco. «Das gibt der Arbeit Qualität.»

Bruder Roberto

Klosterbruder Roberto
Klosterbruder Roberto

Sein Gesichtsausdruck ist nachdenklich und milde. So wie man sich jemanden vorstellt, der Tag um Tag den inneren Frieden sucht. Bruder Roberto ist eine Person, die zuerst die eigene Seele durchleuchtet, bevor er andere Menschen mustert. Geboren wurde er 1933 in Bellinzona. 1954 trat er in den Kapuzinerorden ein.

«Ich besuchte Ausstellungen im Tessin und in der deutschen Schweiz. Ich pflegte den Kontakt zu vielen Künstlern, was mir neue Möglichkeiten eröffnete», erinnert er sich. Und präzisiert sogleich, dass er sich von Anfang an auf sakrale Kunst konzentriert habe. Dabei experimentierte er mit den unterschiedlichsten Formen: Glasmalerei, Ölgemälde, Wandmalerei oder der Gestaltung von Kreuzwegen.

Wir sind zu stark auf Geld fokussiert. So findet man kein Glück

In den Formen und Farben seiner Kunstwerke geht es Bruder Roberto darum, den Hauch des Göttlichen zu erspüren. «Kunst weist meiner Meinung nach immer eine spirituelle Komponente auf, auch nichtreligiöse Kunst, zumindest dann, wenn es dem Künstler gelingt, seinem Werk eine höhere Bedeutung zu geben. Persönlich schätze ich Paul Klee sehr, weil seine Arbeiten auf das Wesentliche gehen.» Aber es bleibt natürlich das Leiden der anderen, das ein Klosterbruder nicht übersehen kann. «Auch das Gesicht Gottes kann von Leid gekennzeichnet sein, weil Gott mit dem Menschen leidet, genauso wie er sich gemeinsam mit dem Menschen freuen kann.»

Bruder Roberto lebte bis Mitte der 1960er-Jahre im Konvent der Kapuziner von Faido. Danach wurde er mit der Leitung des Klosters Santa Maria in Bigorio betraut. Er hat wenig Zeit für sich und nutzt vor allem den Vormittag für das Gebet und die Meditation. Doch wie kann man seinen Erkenntnissen und Lehren folgen? «Man muss den Dingen ihre wahre Bedeutung geben», sagt Roberto. «Wir sind viel zu stark auf Geld fokussiert. So findet man kein Glück. Dies müsste man jungen Menschen beibringen, die oft orientierungslos und verwirrt sind.

Autor: Andrea Freiermuth, Peter Schiesser, Laura di Corcia

Fotograf: Claudio Bader