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02. August 2016

Tempo 80 gegen Stau

Über 22 000 Stunden pro Jahr stehen Autofahrer auf Schweizer Strassen im Stau. Einige Blechlawinen liessen sich dank gestaffelten Reisezeiten leicht verhindern – etwa am Gotthard. Auf anderen Autobahnen soll Tempo 80 Abhilfe schaffen. Die ETH-Expertin Monica Menendez klärt auf.

Gotthardverkehr bei Silenen
Alle Jahre wieder: Zur Ferienzeit staut sich bei Silenen UR der Gotthardverkehr. (Bild: Keystone)

Am Gotthard ist es diesen Sommer bereits an mehreren Wochenenden in Folge zu Staus gekommen – mit Blechschlangen von über zehn Kilometern. Und noch bevor die grossen Ferien zu Ende sind, werden sich auch von Süden nach Norden die ersten Kolonnen bilden – so die Prognosen des Bundesamts für Strassen (Astra). Es rechnet bis Mitte September mit Verkehrsbehinderungen auf der Nord-Süd-Achse.

Wer sich das nicht antun will, weicht auf die San-Bernardino-Strecke aus. Nur stockt auch dort der Verkehr immer öfter. Die Bündner Polizei reduziert deshalb seit dem 22. Juli für eine Testphase jeweils von Freitag- bis Sonntagabend die Maximaltempi auf gewissen Autobahnabschnitten auf 80 Stundenkilometer, um Kolonnen zu verhindern.
Tempo 80, temporär und streckenweise, hat Astra-Direktor Jürg Röthlisberger in einem Interview mit dem «Blick» als wirksames Mittel gegen Staus gepriesen. Die Massnahme kommt in Regionen wie Bern und Zürich bereits zum Einsatz – dort, wo es besonders häufig harzt, etwa am Gubrist mit 352 oder am Baregg mit 347 Stautagen im Jahr.

Der pogrammierte Stau
Auch Gotthard Nord und Süd bringen es zusammen auf 324 Stautage. Diese liessen sich eher mit gestaffelten Abfahrtszeiten als mit Tempo 80 verringern. Das Astra empfiehlt deshalb, am Dienstag oder Mittwoch durch den Gotthard zu reisen. Aber nur wenige tuns. Mit schöner Regelmässigkeit begeben sich zahllose Autofahrer lieber in den programmierten Gotthardstau.

DAS EXPERTENINTERVIEW

Monica Menendez (39) leitet das Team Strassenverkehrstechnik an der ETH
Monica Menendez (39) leitet das Team Strassenverkehrstechnik an der ETH Zürich. (Bild zVg)

«Variable Tempolimiten sind die Zukunft»

Im Gespräch mit Monica Menendez (39), Leiterin des Teams Strassenverkehrstechnik an der ETH Zürich.

Monica Menendez, die Staustunden in der Schweiz steigen jährlich an. Letztes Jahr waren es 22'828 Stunden, mehr als doppelt so viele wie 2008. Warum?
Weil sowohl die Anzahl Autos und gefahrene Kilometer pro Auto jährlich ansteigen als auch die Mobilität der Menschen. In dieser Kombination kann schon ein moderater Anstieg zu doppelten Staustunden führen. Ausserdem erhöht die Schweiz nicht parallel zum höheren Verkehrsaufkommen die Kapazität der Strassen – was gut ist. Denn mehr Strassen führen längerfristig zu mehr Verkehr.

Dennoch versucht man, Staus zu verhindern.
Ja, aber anstatt das Strassennetz immer mehr auszubauen, sucht man nach effizienterer Verkehrsführung. So ermuntert man die Menschen, öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen. Oder man setzt auf Tempo 80, wie es auf einigen Autobahnstrecken zu Stosszeiten schon gemacht wird.

Wie genau wirkt Tempo 80?
Sobald sich der Verkehr auf der Autobahn verdichtet und einige Autos 100 Stundenkilometer fahren, andere 120, beginnen die Überholmanöver. Es kommt zu regem Spurwechsel und als Folge irgendwann zum Verkehrskollaps. Wenn in solchen Momenten alle nur 80 fahren dürfen, reizt das nicht zum Überholen. Der Verkehr wird homogener und fliesst besser.

Kommt man so auch schneller ans Ziel?
Im besten Fall gewinnt man vielleicht zwei Minuten auf einer 20-minütigen Fahrt. Oft wird man gleich schnell sein wie mit Stau. Aber man kann flüssig fahren. Das ist für die Autofahrer wie für die Umwelt besser. Und es gibt weniger Unfälle, welche zu Stosszeiten wiederum Staus generieren.

Bei vielen Autofahrern kommt eine tiefere Tempolimite schlecht an – besonders, wenn sie es gerade eilig haben.
Das stimmt. Aber sie werden es akzeptieren, sobald sie merken, dass der Verkehr längerfristig besser fliesst. Es gibt eine Gruppierung, die 140 Stundenkilometer als Maximaltempo auf Autobahnen fordert. Das mag morgens um drei gut sein. Allerdings haben höhere Tempi einen Einfluss auf die Sicherheit. Und abends um sechs macht Tempo 140 alles schlimmer, weil noch mehr überholt wird. Dann hilft Tempo 80. Variable Tempolimiten sind die Zukunft.

Acht von zehn Verkehrsteilnehmern kennen die sogenannte «Road Rage».

Scheint das nur so, oder macht Stau gewisse Autofahrer aggressiv?
Ganz klar. Vor wenigen Wochen hat eine amerikanische Studie gezeigt, dass acht von zehn Verkehrsteilnehmern die sogenannte «Road Rage» kennen, die Wut, die einen auf der Strasse überkommt, wenn nichts mehr geht. Das wird in der Schweiz nicht anders sein. Diese Wut kann auch zu mehr Unfällen führen.

Gewisse Staus sind programmiert, wie die jährlichen Kolonnen am Gotthard. Warum tun sich das Tausende freiwillig an?
Tatsächlich könnte man einige Staus verhindern, wenn mehr Leute am Dienstag oder Mittwoch durch den Gotthard führen. Aber Ferienreisenden ist oft die Ankunftszeit wichtiger, weshalb sie die Wartezeiten in Kauf nehmen. Berufstätige in den Grossräumen Zürich oder Bern hingegen haben oft gar keine Wahl, weil sie zum Beispiel um neun Uhr bei der Arbeit sein müssen. Sie kalkulieren den Stau halt in ihr Zeitbudget ein.

Geraten Sie trotz Ihrem Wissen auch gelegentlich in den Stau?
Ich hasse Staus und vermeide sie möglichst. Aber manchmal erwischt es mich doch. Dann wähle ich die hoffentlich schnellere Spur und bleibe dort. Und versuche, etwas zu lernen, zum Beispiel, warum der Verkehr jetzt hier steht. Das macht den Stau nicht erträglicher, aber es unterhält mich wenigstens.

Autor: Yvette Hettinger