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10. August 2015

Tempo 50

Manchmal bremst er in letzter Sekunde
Manchmal bremst er in letzter Sekunde, um seinen Standpunkt zu untermauern ... (Bild: Getty Images)

Herr Meyer fährt gerne Auto. Keinesfalls gemächlich, wie es zu einem Herrn seines Alters passen würde, sondern lieber zackig. Während er in seinem sportlichen Kombi sitzt und darauf wartet, dass endlich das verdammte Tiefgaragentor aufgeht, zuckt sein rechter Fuss. Wrummm-wrummm-wrumm. Bei dem Geräusch zucken alle Mütter im Umkreis von 200 Metern zusammen, reissen eigene und fremde Kinder an sich. Sie wissen: Gleich brettert der Meyer mit seiner Karre die Garagenrampe hoch und schiesst auf die Strasse. In zwei Sekunden von null auf 50, das kann er wirklich gut.
Und motzen, das kann er auch gut.

Unsere Quartierstrasse endet im Nichts. Wer hier einbiegt, der wohnt entweder dort und kennt die Situation – oder er hat sich verfahren. Der Asphalt ist von Pflastersteinen durchbrochen, das Trottoir geht nahtlos in die Fahrbahn über. Es gibt eingebaute Bodenwellen, Hindernisse, einen begrünten Minikreisel. Kurzum, unsere Strasse sieht nicht wie eine klassische Strasse aus. Eher wie eine Verlängerung der Grünanlagen. Die vielen Kinder, die in unserem Quartier zu Hause sind, nutzen den Asphalt ganz selbstverständlich mit. Sie rumpeln mit ihren Bobby-Cars über das Pflaster, sie malen Kreidebilder auf dem glatten Boden, sie schwirren mit ihren Lillifee-Velos um den Scheinkreisel.

Herrn Meyer ist das alles scheissegal. Er beharrt auf seinem Standpunkt: Wo 50 erlaubt ist, fährt er 50. Basta. Um seinen Standpunkt zu untermauern, bremst er auch mal erst im letzten Moment ab. Oder er lässt die Scheibe herunter, um den Müttern, die schwatzend vor „seiner“ Tiefgaragenzufahrt stehen, die Leviten zu lesen. Jaja, der Meyer.

Seit wenigen Wochen hasst er diese Weiber, die ihre Kinder nicht erziehen, noch eine Spur mehr. Haben die doch tatsächlich eine Petition eingereicht und am Schluss sogar den Gemeinderat überzeugt. Die Sackgasse soll offiziell zur Begegnungszone werden. Heisst: Fussgänger haben Vortritt, Schritttempo statt Tempo 50.
Das, so ätzt der Senior, sei mal wieder typisch. «Wenn die Saugoofen alles dürfen, lernen sie doch nie, wie man sich auf der Strasse benimmt.»
Erst sollen sie ganz weg, nun hätten sie doch bleiben können, er hätte vermutlich selbst den Verkehrskundeunterricht übernommen. Ehrlich jetzt, werden Sie aus Herrn Meyer schlau?

Autor: Bettina Leinenbach