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16. März 2015

Kein Anschluss unter dieser Nummer

Telefonkabinen sind eine aussterbene Spezies. Ganz verschwinden werden sie aber nicht. Vier Schauplätze, an denen ausgemusterte Sprechzellen neu in Szene gesetzt werden - und fünf Filme, in denen Festnetztelefonie die Hauptrolle spielt.

Norbert Spirig vor seiner Kabinenkunst
Norbert Spirig vor seiner Kabinenkunst
Künstler Norbert Spirig und seine soziale Skulptur der Kommunikation
Künstler Norbert Spirig und seine soziale Skulptur der Kommunikation

Eines Tages war das Telefonhäuschen von Norbert Spirig (66)einfach weg. In welchem Jahr genau die öffentliche Sprechzelle in Rheineck SG verschwand, erinnert sich Spigar, wie sich der Künstler im Pseudonym nennt, nicht mehr. Aber es muss Anfang der 90er-Jahre gewesen sein. Und es hat sich nicht richtig angefühlt: «Es war wie der Verlust eines Stücks Heimat.» Denn damals habe er kein Telefon besessen. «Die Telefonkabine im Dorf war mein Tor zur Welt.» Oft habe er sich darin zu vereinbarten Zeiten zu Gesprächen mit Freunden getroffen.
Spigar wollte sein Häuschen zurück.Die PTT zeigte sich gnädig und lud den Künstler auf den Friedhof der Kommunikationsboxen ein. Dank der Kritzeleien im Lack erkannte er seine Kabine, holte sie heim und machte sie unter dem Titel «Soziale Skulptur der Kommunikation» zum Kunstobjekt.
Heute befindet sich Spigars Kabinenkunstim Besitz von Kulturunternehmer Erwin Feurer, der sie mit jeweils wechselnden Ausstellungen in verschiedenen Ostschweizer Gemeinden zeigt. Derzeit steht das «kleinste Museum der Welt» in Thal SG. Im Innern eine Skulptur von Spigar, die das menschliche Leiden darstellt – 1000-fach vervielfältigt durch die Spiegel an Decke, Boden und Wänden.

Die Zeitreise von Künstler Eric Hattan
Die Zeitreise von Künstler Eric Hattan

Die Geschichte der Telefonkabine vor dem Swisscom-Gebäude in Biel BE ist eine traurige: Ursprünglich enthielt das Kunstwerk von Eric Hattan einen Telefonapparat, der 16 Mal pro Tag klingelte. Falls ein Passant den Hörer abnahm, hörte er die sprechende Uhr aus einer anderen Zeitzone. Ende der 90er-Jahre, als die PTT zur Swisscom wurde, wollte das Unternehmen das Objekt nicht mehr unterhalten und gab dem Künstler freie Hand zum Umbau: Hattan mauerte es mit Backsteinen zu und hängte ein Schild mit der Aufschrift «Wegen Sparmassnahmen geschlossen» an die Türe – eine subtile Kritik an der Teilprivatisierung des staatlichen Unternehmens.

Das Parolengeschrei von Kunststudent Florian Graf
Das Parolengeschrei von Kunststudent Florian Gra

Die Telefonkabine am Mühlenplatz in Luzern ist heute eine Galerie der Hochschule für Design & Kunst. Aktuell stellt Florian Graf darin aus, der sich bei seiner Arbeit von einem Austauschsemester in China inspirieren liess. Zu fixen Zeiten, die sich am chinesischen Stundenplan orientieren, lässt er daraus Parolengeschrei erklingen – auch am Wochenende, weil in China praktisch immer gearbeitet und gehorcht werden muss.

Die Ausstellen der Stadtbibliothek Rheinfelden
Die Ausstellen der Stadtbibliothek Rheinfelden

Eine Telefonkabine kann auch eine Bibliothek sein. Zum Beispiel in Rheinfelden AG, wo die Stadtbibliothek auf dem SBB-Perron in einer leer stehenden Fernmeldeanlage eine Aussenstation errichtet hat. Bedient ist sie nicht, aber frei zugänglich: Die Bücher dürfen einfach mitgenommen werden. Im Idealfall kommen sie auch wieder zurück. Das Projekt heisst «Gleis 9¾», benannt nach einem literarischen Vorbild, dem geheimen Gleis, von dem aus Zauberlehrling Harry Potter jeweils ins Internat fährt.

Autor: Andrea Freiermuth

Fotograf: Daniel Ammann