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14. November 2011

Teleboy im Ruhestand

Fernsehen ist eine Scheinwelt. Das sieht man nirgends besser als bei einem Rundgang durch die Requisitenkammer des Schweizer Fernsehens. Das Migros-Magazin tauchte einen Nachmittag lang ab in die Schweizer Fernsehgeschichte.

Teleboy im Ruhestand (Bild: SF DRS Pressedienst)
«TELEBOY»: Kurt Felix war Erfinder und Moderator der Show, die von 1974 bis 1981 lief (Photo: SF DRS Pressedienst).
Teleboy
«TELEBOY»: Am 13. September 1975 erreichte der «Teleboy» mit 2 073 000 Zuschauern die höchste je gemessene Zuschauerzahl in der Schweiz.

Der Teleboy hatte «ich gwaggle hin und her» zum letzten Mal im Januar 1981 gesungen. Kurz danach wurde eine der über zwei Meter grossen Figuren, die in der Sendung die Punktezahl angezeigt hatten, in der Werkhalle an die Wand genagelt. Was mit den anderen passiert ist, weiss nicht mal Harry Mäder (53), Leiter des Requisitenfundus der SRG-Produktionsfirma TPC. Dabei steht er im Ruf, auswendig zu wissen, wo welche Preziose lagert. Gegen 100 000 Stücke kamen im Laufe von fast 60 Jahren Schweizer Fernsehen zusammen. Sie stapeln in Regalen, sortiert nach den Stichworten Haushalt, Militär, Sommer, Weihnachten, Tiere, Büroutensilien oder einfach Wasser. Darunter gibts auch echte Raritäten, wie eines der ersten Handys aus den frühen 80er-Jahren, gross und schwer wie ein Telefonbuch, oder ein ausgestopftes Krokodil.

Aber am Bildschirm ist vieles mehr Schein als Sein. Nicht alles ist so echt, wie es aussieht. Die Hausfassade aus «Lüthi und Blanc» ist bloss zehn Zentimeter dick und aus Sperrholz, der Rembrandt an der Wand ein billiger Druck und das Sofa, auf dem die Gäste im «Zischtigsclub» debattierten, hatte schon früh an mehreren Stellen Flicken. Der Freude der Zuschauer tut das keinen Abbruch. Und diejenigen, die auf einer Führung durch die Fernsehanstalt die Schätze live zu sehen bekommen, sind ohnehin entzückt. Der Besuch im Requisitenlager ist immer ein Höhepunkt des Rundgangs.

Nicht nur die Redaktionen bedienen sich gerne im Fundus, um ihr Studiodekor aufzumöbeln, auch externe Ausstatter schätzen das Lager. Ausgeliehen wird jedoch nur an Profis, für Spielfilmproduktionen oder Werbespots. Die Kostümabteilung hingegen vermietet auch an Private. Dort verbirgt sich hinter den vollgepackten Kleiderregalen der Damenabteilung ein besonderer Schatz, ein meterlanges Gestell, das vom Boden bis zur Decke reicht und nur eines enthält: Schuhe.

«Kassensturz»-Kasse

Medienpionier Roger Schawinski (vorne) erfand den «Kassensturz», bis heute eine der erfolgreichsten Sendungen überhaupt. Bei der Erstausstrahlung am 4. Januar 1974 stand die Kasse im Zentrum.

Kassensturz-Kasse
«KASSENSTURZ»-KASSE: Bei der Erstausstrahlung am 4. Januar 1974 stand die Kasse im Zentrum.
Kassensturz (Bild: SF DRS/Eric Bachmann ).
«KASSENSTURZ»: Medienpionier Roger Schawinski (vorne) erfand den «Kassensturz», bis heute eine der erfolgreichsten Sendungen überhaupt (Photo: SF DRS/Eric Bachmann).

«Risiko»

152 Mal lief die Spielshow von Gabriela Amgarten. Legendär ist der Bschiss vom 5. Januar 1998, als ein Kandidat die Antworten bereits im Voraus wusste. Ein Gericht verurteilte den Betrüger anschliessend zu viereinhalb Monaten Gefängnis auf Bewährung. Am 11. Dezember 2000 war Schluss mit «Risiko». Das Glücksrad wanderte in den Requisiten- Fundus. Gabriela Amgarten blieb noch bis 2010 SF-Unterhaltungschefin

Risiko (Photo: SF DRS/Oscar Alessio).
«RISIKO»: 152 Mal lief die Spielshow von Gabriela Amgarten. Am 11. Dezember 2000 war Schluss mit «Risiko» (Photo: SF DRS/Oscar Alessio).

«Club»-Sofa:

Diese beiden hellbraunen Ledersofas sind die Originale aus den Anfängen der Sendung im Jahr 1985. Darauf sassen die Gäste, der Moderator hatte einen Sessel. Das Studiodekor wurde im Lauf der Jahre mehrmals verändert, und 2005 wechselte auch der Name. Aus dem «Zischtigsclub» wurde schlicht der «Club». Moderator Ueli Heiniger ist seit 2006 nicht mehr dabei. Schon früher wurde der Konsum von Alkoholika und Tabak abgeschafft. Giacobbo/Müller rezyklierten eines der Sofas, auf dem nun Mike Müller als Albaner Mergim Muzzafer palavert.

Club-Sofa
«CLUB»-SOFA: Diese beiden hellbraunen Ledersofas sind die Originale aus den Anfängen der Sendung im Jahr 1985.
Club-Sofa (Photo: SF DRS Pressedienst).
«CLUB»-SESSEL: Moderator Ueli Heiniger ist seit 2006 nicht mehr dabei. Schon früher wurde der Konsum von Alkoholika und Tabak abgeschafft (Photo: SF DRS Pressedienst).

Dominik Dachs

Legendär sind die Figuren um «Dominik Dachs und die Katzenpiraten». Igel Niki-Tiki ist noch da. Der Rote Tom, Chef der Piratenbande, fehlt. Er wurde ausgeliehen und kam nie mehr zurück.

Dominik Dachs
DOMINIK DACHS: Legendär sind die Figuren um «Dominik Dachs und die Katzenpiraten».
Igel Niki-Tiki
DOMINIK DACHS: Igel Niki-Tiki ist noch da. Der Rote Tom, Chef der Piratenbande, fehlt. Er wurde ausgeliehen und kam nie mehr zurück.

«Casa Nostra»

So hiess eine der vielen Sendungen, die TV-Urgestein Kurt Aeschbacher moderierte. Clou dabei: Das Studio war eingerichtet wie eine komplette Wohnung. Der vergoldete Porzellanthron war kein Gebrauchsgegenstand, sondern reine Dekoration des Bads.

«CASA NOSTRA»: vergoldeter Porzellanthron
«CASA NOSTRA»: Der vergoldete Porzellanthron war kein Gebrauchsgegenstand, sondern reine Dekoration des Bads.
«CASA NOSTRA»: Das Studio war eingerichtet wie eine komplette Wohnung (Bild: SRF).
«CASA NOSTRA»: Das Studio war eingerichtet wie eine komplette Wohnung (Bild: SRF).

Autor: Ruth Brüderlin

Fotograf: Stephan Rappo