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05. Dezember 2016

Teigmassaker

wo landen Eiweiss und Eigelb
Voller Begeisterung dabei, doch wo landen Eiweiss und Eigelb? (Bild: Getty Images)

Wenn die Eier ins Spiel kommen, ist es mit der Ruhe vorbei. Laut Rezept sollen zehn davon (ohne Schale) in einer Schüssel verquirlt werden. Ida sagt, sie sei die beste Eieraufschlägerin der Schweiz, und reisst den Karton an sich. Eva widerspricht. Es fliessen Tränen. Da ich schon lange nicht mehr nur Mutter bin, sondern auch als Familienschiedsrichterin amte, entscheide ich, dass jedes Kind offiziell fünf Eier zugesprochen bekommt. Ich suche die grösste Schüssel mit dem härtesten Rand, und dann gehe ich ganz schnell die Zeitung lesen ...

Denken Sie nicht, die beiden würden die Schalen mit einer gezielten Bewegung - knack! – in Hälften teilen. Nein, wir sind nicht beim Kochduell. Bei uns werden die Eier gefoltert und sterben einen langsamen Tod. Sie werden vielfach gegen den Schüsselrand gedonnert, bis sie in tausend Stücke zerbersten. Oder man nimmt sie in den Schwitzkasten, bis das Eiweiss an die Decke spritzt und das Eigelb in die darunterliegende Schublade tropft. Manchmal glitscht auch der Eiinhalt auf die Arbeitsplatte – und die Schalen landen im Topf.

Wenn ich das Gefühl habe, dass wir genug Eiermatsch haben, kehre ich auf das Schlachtfeld zurück. Wir schlagen die Butter gemeinsam mit dem Zucker zu einer Masse auf (Eva, Kopf von der Küchenmaschine weg, sonst wirst du skalpiert!), wir vermischen Mehl und Backpulver (Ida, ich habe dir doch mehrfach gesagt, dass man Backpulver nicht essen kann.), wir giessen den Eiermatsch abwechselnd mit dem Mehl in die Rührschüssel. Ich frage noch: Habt ihr auch wirklich alle Schalen aus der Schüssel gefischt? Die beiden nicken eifrig. Der Teig fährt im Kreis, endlich denke ich an Bäckermeisterinnen bei der Arbeit. Noch schnell die Form fetten (Ja, ihr dürft das Backtrennspray aufsprühen – stoppstoppstopp!), Teig einfüllen, ab in den Ofen.

Wissen Sie, warum ich die Kinder gewähren lasse? Warum sie Eier töten und die Küche mit Mehl bestäuben dürfen? Vielleicht, weil ich das selbst als Kind nicht durfte.
Kochen und Backen hat viel mit Experimentieren zu tun: Backe, backe Kuchen. Und der Saustall, der gehört (zumindest am Anfang) dazu. Nur auf die Eierschalen im Marmorkuchen, auf die könnte ich grundsätzlich verzichten. Aber ich rede mir das schön. Als Vierzigjährige wird Osteoporose bald ein Thema. Eine Portion Kalzium kann da nicht schaden.

Autor: Bettina Leinenbach