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29. August 2016

Tattoo-Fans erklären ihr Motiv

Tätowierungen sind salonfähig geworden. Und sie sind so individuell wie ihre Träger: Fünf Tattoo-Fans erzählen, was ihnen ihr Motiv bedeutet, warum sie sich dafür entschieden haben und ob sie ihre Wahl heute bereuen.

Anouk Eschler unter der Nadel
Anouk Eschler liess sich ihr Arschgeweih mit einem sogenannte Cover-Up-Tattoo überdecken.

Auf Facebook.com/MigrosMagazin: Über 80 Migros-Magazin-BesucherInnen zeigen ihr Tattoo

Tattoos sind längst Mainstream. Das wird klar, wenn man sich in den warmen Monaten, in denen die Leute wieder mehr Haut zeigen, mal genau hinschaut. Nicht nur Fussballerinnen oder Hollywoodstars, auch Bankerinnen oder Kleinkinderzieher lassen sich ihre Haut mit Tinte verzieren. Die Zeiten, als tätowierte Menschen noch als Rebellen galten, ihnen gar etwas Kriminelles anhaftete, sind definitiv vorbei. «Grundsätzlich sind Tätowierungen viel mehr akzeptiert in der Gesellschaft. Sie haben das verruchte Image längst verloren», erzählte die Tattookünstlerin Myra Brodsky (28) kürzlich der Frauenzeitschrift «annabelle».

Die Zahlen geben ihr recht: Laut Schätzungen des Zürcher Tattoostudios Giahi sind rund zwei Millionen Schweizerinnen und Schweizer tätowiert. Die Anzahl der Studios schätzt der Verband Schweizerischer Berufstätowierer auf 800 bis 900. Am beliebtesten sind Tattoos an den Rippen. Während sich Männer zudem Bizeps und Rücken stechen lassen, stehen bei den Frauen auch die Füsse hoch im Kurs. Doch nicht bei allen währt die Freude am dauerhaften Körperschmuck ewig: Derzeit boomen deshalb nicht nur die Tattoostudios, sondern auch die Praxen, in denen man sich die Tinte wieder weglasern lässt. Die Hauptmotivation dieser Klientinnen und Klienten: Das Sujet passt nicht mehr zum aktuellen Lebensstil.

Nach dem Trend ist vor dem Trend

In den 90ern waren Sonnen- oder auch Tribal-Motive im Trend. In den Nullerjahren sah man die ersten Tattoos mit weisser Tinte. Noch vor einigen Jahren waren Sterne sehr beliebt oder auch japanische und chinesische Schriftzüge. Es folgten römische Ziffern, das Unendlichkeitssymbol und Pusteblumen. Der neuste Trend: sogenannte Blackout-Tattoos, grossflächige schwarze Stellen. Auch Drastisches wie das Tätowieren der Augäpfel wird mittlerweile gemacht.

Herz statt Style: Rock Battaglia (47), Velokurier aus Zürich

«Ich arbeite leidenschaftlich als Velokurier und habe eine Teilzeitstelle im Schauspielhaus in der Abteilung Requiste. An den Wochenenden bin ich als DJ Rock Gitano unterwegs. Vor rund 15 Jahren gründete ich in Zürich das Piercing- und Tattoostudio World’s End, das es heute noch gibt. Meine Tattoos sind ein Gästebuch der Leute, die bei mir im Studio waren. Das erste Tattoo habe ich mit 25 stechen lassen: Ich bin mit Freunden an die erste Tattoo-Convention nach Amsterdam gereist. Das hat uns total begeistert. Heute ist mein Körper ziemlich voll; dennoch finde ich ab und zu ein Plätzchen für etwas Neues. Ich lasse mich heute hauptsächlich von Freunden tätowieren, die den Beruf nicht nur professionell ausüben, sondern ihn auch aus Leidenschaft machen. Mir ist das viel lieber als in den durchgestylten Studios ohne Persönlichkeit. Diese haben nichts mehr mit Tattoos zu tun, es geht nur noch um das schnelle Geld. Bei der Wahl des Tattoos lassen sich heute viele von den Promis inspirieren, die in einer Glitzerwelt zu leben scheinen. Und viele lassen sich schon mit dem Gedanken stechen, dass man das Tattoo wieder wegmachen kann. Inwzischen bieten selbst Tattoostudios das Weglasern an. Das geht mir total gegen den Strich.»

Ein Engel fürs Grosi: Jasmin Bühler (25), in Ausbildung (Pflege) aus Steffisburg BE

«Als ich mit Tattoos anfing, war ich 14. Ab da ging es immer weiter. Mittlerweile habe ich 20 Tattoos, für die ich insgesamt wohl um die 4000 Franken ausgegeben habe. Bereut habe ich noch nichts. Ich möchte mir sogar noch weitere Motive stechen lassen, aber da ich derzeit in Ausbildung bin, fehlt das Geld dafür. Den Engel habe ich machen lassen, als meine Eltern sich trennten und mein Grosi starb. Das Tattoo hat mir geholfen, diese Ereignisse zu verarbeiten: Der Engel ist mein Schutzengel und meinem Grosi gewidmet.»

Biografie am Körper: Christoph Spörri (46), Anzeigenleiter aus Bern

«Mein erstes Tattoo habe ich mit 26 machen lassen. Es fing mit einem Tribal am Arm an – das hatten viele. Sogar ein Arschgeweih habe ich mir zugelegt. Danach wollte ich meinen Lebenslauf tätowiert haben. So sind etwa die Namen meiner zwei Söhne Kyano (6) und Deymien (10) in die Tribals eingeflossen. Tattoos sind für mich wie eine Biografie. Beide Arme, der Rücken, die Handflächen und Oberschenkel sind voll. Hals, Gesicht und Finger sind tabu. Der Wert meiner Tattoos liegt mittlerweile bei rund 30 000 Franken; am teuersten waren die Porträts meiner Söhne: 4000 Franken für 18 Stunden Arbeit. Ich werde mir sicher noch weitere Tattoos stechen lassen. Aber so eine Sitzung ist ja immer auch ein Angriff auf den Körper.»

Hippes Gamer-Motiv: Sarah Hahn (26), Chemielaborantin aus Kiesen BE

«Von klein auf habe ich das Videogame ‹The Legend of Zelda› gespielt, und meine Freundin mochte das Spiel ebenso wie ich. Deshalb haben wir uns mit 20 das Zelda-Motiv als Freundschaftstattoo stechen lassen. In meinem Heimatdorf, in der Nähe von Frankfurt am Main, hatte niemand ein Tattoo, deshalb war ich die totale Aussenseiterin. Gamer-Motive waren mal total hip, heute sind sie aber bereits wieder Mainstream. Heute habe ich 17 Tattoos, und die meisten davon bedeuten mir sehr viel. Tattoos sind für mich eine Art Souvenir. Auf meiner Reise in Thailand habe ich mir beispielsweise das thailändische Wort für Elefant, ‹Chang›, stechen lassen.»

Bye bye, Arschgeweih: Anouk Eschler (35), Barkeeperin und Produktionsassistentin aus Zürich

«Mein erstes Tattoo, das Arschgeweih, habe ich mir mit 18 an der Tattoo-Messe im Zürcher Albisgüetli stechen lassen. Da habe ich Blut geleckt – obwohl es total schlimm war: Ein grosses Tattoo beansprucht den Körper extrem, er pumpt das gesamte Blut an die Stelle, die gerade verletzt wird. Ich wurde fast ohnmächtig und hatte enorme Schweissausbrüche. Als Teenie macht man sich nicht so viele Gedanken, und das Arschgeweih hatten damals alle. Mit Mitte 30 ist das anders: Man weiss, was man will, und entwickelt einen eigenen Stil. Mittlerweile habe ich um die 13 Tattoos – eins davon im Mund. Allein das Cover-up des Arschgeweihs mit Teekanne und Tasse hat 800 Franken gekostet. Die Reaktionen sind fast immer positiv – bis auf die der Familie: Meine Mutter mag Tattoos nicht und ist der Meinung, dass ich meinen Körper verunstalte. Und bei meinen Grosseltern trage ich stets lange Ärmel. Ich finde tätowierte Menschen sexy, sinnlich, individuell und schön. Die Tattoos sind meine Art, mich kreativ auszudrücken.»

So wurde das Arschgeweih abgedeckt

Autor: Anne-Sophie Keller

Fotograf: Vera Hartmann