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24. Juni 2013

Tanzen ist Balsam für Leib und Seele

Tanzen macht nicht nur fit, sondern auch glücklich. Drei Paare erzählen, warum sie sich so gern zu den Klängen von Musik bewegen.

Bewegung ist gesund, so weit die Binsenwahrheit. Dass choreografierte Bewegung zu Musik — also Tanzen — ausserdem auch glücklich macht, wissen zumindest diejenigen, die sich regelmässig aufs Parkett wagen. Damit gehören sie bei uns aber zur absoluten Minderheit. In der Studie Sport Schweiz von 2008 gaben knapp vier Prozent der befragten Erwachsenen an, irgendeine Art von Tanzsport zu betreiben — fast alles Frauen. Bei den Jugendlichen zwischen 15 und 19 Jahren tanzen immerhin 8,5 Prozent einmal pro Woche.

Rebekka Bolt, Kursleiterin an der Klubschule Migros
Rebekka Bolt, Kursleiterin an der Klubschule Migros

DER ERSTE TANZSCHRITT
Ausserdem zum Thema: Rebekka Bolt, Kursleiterin an der Klubschule Migros, gibt Tipps für die erste Tanzstunde und wie man sich am besten darauf vorbereitet. Zum Interview

Diese Zurückhaltung ist eigentlich seltsam, denn Tanzen zählt zu den ursprünglichsten Bewegungsformen des Menschen. Bereits Kleinkinder wippen vergnügt im Takt der Musik, oft noch bevor sie laufen können. Jugendliche lassen sich mit Tanztherapien besser ansprechen als mit anderen Massnahmen, Paare mittleren Alters kommen sich beim Tanzen näher und schaffen einen Ausgleich zum Alltag. Und Seniorinnen und Senioren bewegen sich an Tanznachmittagen scheinbar mühelos und knüpfen wertvolle Sozialkontakte.

Eva Martin ist Bewegungs-Expertin an der Uni Zürich
Eva Martin ist Bewegungs-Expertin an der Uni Zürich. (Bild: BASPO/Philipp Reinmann)

«Damit sich Bewegung positiv aufs Wohlbefinden auswirkt, sollte sie Spass machen», sagt Eva Martin, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Bereiches Bewegung und Gesundheit am Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Zürich. «Beim Tanzen stellt sich die Frage: Welche Musik gefällt mir, was sind meine körperlichen Möglichkeiten, möchte ich mit einem Partner, in der Gruppe oder allein tanzen?»

Grundsätzlich werden bei jeder Tanzform die Kondition, die Beweglichkeit sowie der Gleichgewichtssinn gefördert, mit unterschiedlicher Intensität. Die rhythmische Bewegung stärkt die Muskeln — vor allem Rumpf- und Beinmuskeln —, fördert die Körperspannung und wirkt somit Rückenproblemen entgegen. Wer regelmässig tanzt, läuft zudem weniger Gefahr, durch Sturz eine Verletzung oder gar einen Knochenbruch zu erleiden.

Auch die Denkfähigkeit und das Gedächtnis profitieren beim Tanzen, da man sich immer wieder neue Schrittfolgen merken und sich im Raum orientieren muss, wodurch beide Hirnhälften aktiviert werden. Laut einer Langzeitstudie des Albert Einstein Colleges in New York beugt es dem Verlust von Synapsenverbindungen im Gehirn besser vor als Lesen oder Kreuzworträtsel lösen.

Stärkung des Immunsystems

Das Immunsystem wird ebenfalls gestärkt, weil man beim Tanzen Stresshormone abbaut. Im Gegenzug schüttet das Gehirn unter dem Einfluss der Musik das sogenannte Glückshormon Endorphin aus.

Um positive Effekte auf die Gesundheit zu erreichen, müsse man nicht zwingend ins Schwitzen und ausser Atem kommen, erläutert Eva Martin. Nach den aktuellen Schweizer Bewegungsempfehlungen sollte man sich möglichst täglich eine halbe Stunde bewegen.

Während eine Stunde auf dem Laufband ziemlich lang erscheinen kann, geht sie auf dem Parkett wie im Flug vorbei: Im Gegensatz zum Training im Fitnesscenter wird Tanzen nicht als anstrengend empfunden. Ein ideales Ganzkörpertraining ist es trotzdem, und zwischen 300 und 500 Kalorien pro Stunde schmelzen im Rhythmus dahin.

Samira Ernst und Daniel Lienhart machen eine Hebefigur.
Samira Ernst und Daniel Lienhart sind begeisterte Rock'n'Roll-Tänzer.

Samira Ernst und Daniel Lienhart, beide 15 Jahre

Für die Oberstufenschüler Samira Ernst aus Winterthur und Daniel Lienhart aus Nürensdorf ist Rock-’n’-Roll-Tanzen ein wichtiger Lebensinhalt. Zwei- bis dreimal pro Woche trainieren die Teenager im Rock-’n’-Roll-Club Damo in Winterthur und an fast allen Wochenenden von April bis Mitte Juli. Ab September bis Mitte Dezember stehen Turniere an. Mittlerweile gehören die beiden 15-Jährigen in ihrer Kategorie zu den Besten der Schweiz. Während andere Jugendliche «abhängen» oder in den Ausgang gehen, hüpfen sie bis zur totalen Erschöpfung im raschen Takt der Musik, üben immer und immer wieder Schritte, Sprünge, Kombinationen. «Rock-’n’-Roll-Tanzen ist eine tolle Sportart.

Rock-’n’-Roll ist eine sinnvolle Herausforderung.

Es tut gut, wenn man beim Paartanzen zusammen etwas schafft. Zudem fühlen wir uns hier im Club wie in einer grossen Familie», schwärmt Daniel Lienhart. «Andere in unserem Alter langweilen sich ab und zu. Wir wissen, was wir zu tun haben, weil wir einander gegenüber eine Verpflichtung eingegangen sind», ergänzt Samira Ernst. Für die Sekundarschülerin heisst das auch, sich fit zu halten. Dank Disziplin und Training hat sie einen perfekten Körper für Hebefiguren. Das ist für die Zukunft wichtig, denn ihr Ziel ist es, international noch besser zu werden.

www.damo.ch

Ursula und Werner Engel beim Paartanz
Ursula und Werner Engel halten sich mit Tanzen fit.

Ursula und Werner Engel, 57 und 62 Jahre

Seit 13 Jahren gehen Ursula und Werner Engel mittwochs und freitags in der Tanzfabrik in Niederlenz AG ein und aus – mit eiserner Disziplin, wie sie sagen. An einem der beiden Abende werden mit einem Lehrer neue Figuren oder Kombinationen einstudiert, am zweiten wird intensiv geübt, bis alles «sitzt». 15 verschiedene Tänze aus dem Repertoire von Standard und Latin beherrscht das Ehepaar mittlerweile. Samba ist ihr Lieblingstanz, obwohl sie anfänglich wie viele Altersgenossen Mühe damit bekundeten. Wiener Walzer mögen sie gar nicht. «Vom schnellen Drehen wird mir immer noch schwindlig», erklärt Ursula Engel.

Tanzen hält unseren Körper und Geist fit

Die 57-jährige Seniorenbetreuerin tanzt nicht nur aus Freude am harmonischen Gleiten und Drehen, sondern auch um ihren Körper beweglich zu halten. Sie leidet an Polyarthritis in Händen und Füssen («Es tut weh, aber man muss die Gelenke trotzdem bewegen»). Tanzend vergesse sie den Schmerz. Auch ihr Mann Werner fühlt und bewegt sich nach einer Tanzstunde besser, wenn ihm der Rücken mal wieder Probleme macht. Der 62-jährige Mitarbeiter der Färberei einer Bandfabrik ist als erfahrener Tänzer an Bällen und Anlässen ein begehrter Mann. Trotzdem tanzt er am liebsten mit seiner Frau.

www.tanzfabrik.ch

Marisa und Gerardo Natale beim Salsa-Tanzen.
Marisa und Gerardo Natale aus Uster ZH sind Salsa-Fans.

Marisa und Gerardo Natale, 47 und 48 Jahre

Marisa und Gerardo Natale aus Uster ZH sind Salsa-Fans. Jeden Mittwochabend verbringen sie im Casita de la Salsa, der Salsa-Schule im lokalen Kulturzentrum und feilen an Schritten und Figuren. «Salsa ist der ideale Ausgleich zum Job, du musst dich auf den Rhythmus und auf deine Haltung konzentrieren, dann vergisst du alles andere», schwärmt Gerardo, der im Verkauf tätig ist.

Salsa ist Spass, Ausgleich und Freizeitvergnügen

«Seit wir Salsa tanzen, sind wir eigentlich immer gut drauf», bestätigt Marisa, Mutter zweier fast erwachsener Kinder. Vor vier Jahren wurden die beiden vom Salsa-Fieber erfasst, und mittlerweile ist Salsa-Tanzen zum festen Bestandteil ihres Freizeitprogramms geworden. Mit befreundeten Paaren tanzen Natales freitags oder samstags in ausgewählten Clubs und wenden an, was sie im Kurs gelernt haben. Das bringt sie zum Schwitzen; Gerardo hat auf diese Weise fünf Kilos verloren. Vor allem aber haben die Ehepartner Spass an ihrem Sport. «Schade, dass wir nicht schon früher mit Salsa angefangen haben!», sagen sie einmütig.

www.casitadelasalsa.ch

Autor: Martina Novak