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14. November 2016

Tante sein statt Mutter werden

Sie haben keine eigenen Kinder, verbringen aber viel Zeit mit dem Nachwuchs ihrer Geschwister oder Freunde. Die «Profitanten» Jris Grütter, Cornelia Künzi und Angela Falk schildern, warum Kinder ihren Alltag bereichern.

Jris Grütter beim Backen mit Nichte Jana
«Ich würde alles für sie stehen lassen»: Jris Grütter beim Backen mit ihrer Nichte Jana.

«Etwas unternehmen! An die Emme!», sagt das blonde Mädchen mit den himmelblau gefärbten Augenlidern und den rosa geschminkten Lippen. Das sind die Dinge, die es am liebsten mit ihrer Tante, die auch Gotte ist, unternimmt. Heute aber ist das Wetter dafür zu schlecht. Die beiden haben stattdessen zusammen eine Rüeblitorte gebacken.
Danach war Kosmetikstudio mit Gotte-Tante Jris Grütter (44) angesagt: Bei ihr kann die siebenjährige Jana nach Lust und Laune Schminkzeug ausprobieren. Auch im Kleiderschrank herumspionieren darf sie. «Mir macht das überhaupt nichts aus», sagt Jris Grütter mit einem Lachen. «Ich und meine Schwester sind einfach anders. Bei mir darf Jana Dinge tun, die sie zu Hause nicht darf und umgekehrt. In gewissen Punkten bin ich jedoch heikler», erklärt die Versicherungs- und Vorsorgeberaterin. Sitzt sie beispielsweise gemeinsam mit ein paar Leuten am Tisch, mag sie es gar nicht, wenn die Kinder ins Handy starren und gamen.

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Jana war erst drei Monate alt, als Jris Grütter sie zum ersten Mal hütete. Seither kümmert sie sich regelmässig um sie. «Heute ist es kein Hüten mehr», sagt sie. «Heute verbringen wir die Freizeit miteinander.» Die gute Beziehung zu ihrer Nichte hat sie vor allem der Nähe und dem unkomplizierten Verhältnis zu ihrer Schwester Cécile zu verdanken. Meist sehen sie sich am Wochenende, denn Jris Grütter arbeitet 100 Prozent. Fixe Tage gibt es nicht, sicher ist nur: ­«Sehen wir uns eine Weile nicht, kriegen wir beide ‹Längizitti›.» Dann ruft die eine die ­andere an und fragt: Machen wir wieder mal was zusammen?

«Geschenktante»? Nein, danke!

Jris Grütter liebt Kinder und fühlt sich sehr wohl als Gotte. «Mir gefällt diese Rolle innerhalb der Familienkonstellation», sagt sie. «Ich bin involviert, habe aber eine ganz andere Perspektive.» Die Burgdorferin hat zwei weitere Patenkinder und wurde von frischgebackenen Eltern schon oft angefragt, ob sie Gotti sein wolle. Doch mehr als drei liegen nicht drin, sie wolle keine «Geschenkgotte» sein. «So habe ich auch Zeit, sie zu sehen.»

Jris Grütter nimmt ihre Aufgabe ernst: «Früher bedeutete eine Patenschaft das Versprechen, dass man sich um das Kind kümmern würde, sollte den Eltern etwas passieren. Das gilt auch für mich. Ich würde alles stehen und liegen lassen und wäre voll und ganz für meine Patenkinder da.»

Sie kennt aber auch die unnötigen Bemerkungen von Müttern, die sie für ihre Kinderlosigkeit bemitleiden. In solchen Momenten hört sie lieber weg. Sie weiss: Es bringt nichts, wenn sie erklärt, dass es für sie wichtiger sei, ein gutes Verhältnis zu Kindern aufzubauen, als eigene Kinder zu haben. Sie wird ihr Leben lang ein Gotti bleiben, das für ihre Patenkinder auch wirklich da ist.

Nach dem Backen kommt das Schminken ...
Nach dem Backen kommt das Schminken ...

Jris Grütter mit Jana: Nach dem Backen kommt das Schminken ...

Im englischsprachigen Raum werden kinderlose Tanten, die ihre Nichten und Neffen gern umsorgen, als «Pank» bezeichnet: «Professional aunt, no kids» – kinderlose «Profi­tante» also. Entstanden in Amerika, bezeichnet der Begriff kinderlose, beruflich etablierte Frauen, die sich in ihrer Freizeit statt um Mode oder Partys um ihre Nichten und Neffen kümmern und Aufgaben übernehmen, für die die Eltern keine Zeit und Energie haben. In den USA sind Profitanten auch als relevante Zielgruppe für das Marktsegment Kinderartikel entdeckt worden.

In der Schweiz konnte das Label Pank bisher nicht wirklich Fuss fassen. Zugleich sind die Tanten hierzulande meilenweit entfernt vom Image der «Geschenktanten». Wo man sich umhört und umschaut: Diesen Frauen geht es nicht darum, ihre Nichten oder Neffen mit Waren einzudecken und durch Aktivitäten die eigene Leere auszufüllen. Im Gegenteil. Es geht ihnen um das persönliche und emotionale Erlebnis und um den Austausch mit dem Kind.

So auch Jris Grütter: Sie ist nicht nur eine Frau, die Kinder liebt, sie scheint sie auch magisch anzuziehen. Woran das liegt, weiss sie nicht. Vielleicht an ihrer ruhigen Art, an ihrem frohen Gemüt, an ihrer Liebe zu den Menschen? Wohl auch an ihrer Zufriedenheit und Beständigkeit, die den Kindern Geborgenheit vermittelt. «Ich bin wie eine Eiche – tief verwurzelt. Am liebsten bleibe ich in der Gegend, in der ich aufgewachsen bin. Und vielleicht beschäftige ich mich so gern mit Kindern, weil ich dann auch noch ein bisschen Kind sein kann.»

Ein eigenes Bett bei der Gotte

Auch Cornelia Künzi (31) aus Spiez BE kümmert sich regelmässig um ihr ‹Gottimeitli› Shoana: Die Kleine war gerade mal einen Monat alt, als sie sie das erste Mal hütete. Seither ist jeder Montag Shoana-Tag. «Ich hole sie nach der Tagesschule an ihrem Wohnort ab, und sie verbringt den Abend bei mir», sagt die Sachbearbeiterin.

Shoana sitzt am gedeckten Küchentisch und schaut zu, wie ihre Gotte Teigwaren ins heisse Wasser gibt. «Ich habe hier sogar mein eigenes Bett und auch Spielzeug», sagt Shoana. «Sehr viel ist es aber nicht», entgegnet Cornelia Künzi und lacht. «Ich gehe halt am liebsten mit ihr ins Freie.» Bei diesem Stichwort zählt das Mädchen begeistert auf, was sie mit ihrem Gotti am liebsten unternimmt: «Schlitteln und Ski fahren!» Das geht jedoch nur an Wochenenden und während der Ferien, denn Cornelia arbeitet 100 Prozent beim Sozialdienst in Spiez. Wenn die Zeit abends noch reicht, gehen sie gern Enten füttern oder auf den Spielplatz.

Nur wenige der kinderlosen Frauen haben keine Kinder, weil sie Kinder nicht mögen. Und so ist es oft eine Win-win-Situation, wenn es in der Familie oder im Freundeskreis eine kinderlose Tante oder Gotte gibt, die sich gern Zeit für den Nachwuchs nimmt: Kinder profitieren davon, eine weitere Vertrauensperson im Erwachsenenalter zu haben. Und die Frauen freuen sich, mit Kindern zusammensein und etwas weitergeben zu können, ohne dass sie die volle Verantwortung übernehmen müssen.

Berühmte Vertreterinnen des Pank-Trends sind etwa Jennifer Aniston oder Cameron Diaz. Sie sind beide kinderlos, über 40 und kümmern sich mit Herz um den Nachwuchs ihrer Geschwister und Freundinnen. Als Panks bezeichnen die Angelsachsen aber nicht nur Frauen, die keine Kinder wollen respektive wollten. Gemeint sind auch Frauen, die sich zwar Kinder wünschen, aber noch nicht den richtigen Partner gefunden haben oder den Zeitpunkt für eine Mutterschaft für unpassend halten.

Ein guter Draht zu Kindern

Cornelia Künzi geht mit Shoana gern ins Freie.
Cornelia Künzi geht mit Shoana gern ins Freie.

Cornelia Künzi geht mit Shoana gern ins Freie.

So ist es auch bei Cornelia Künzi, die in einer festen Partnerschaft lebt. Shoana ist die Tochter ihrer bester Freundin. Diese trennte sich bald nach der Geburt des Kindes von ihrem Partner. «Da der Montag ihr Steelband-Abend war, habe ich ihr damals angeboten, nach der Kleinen zu schauen, damit sie ihr Hobby nicht aufgeben musste», sagt sie. So hat sich der Montag als «Hüetitag» eingebürgert. «Gross darüber diskutiert haben wir nie.»

Das alles hat sich so entwickelt, weil die beiden Freundinnen seit je ein sehr gutes Verhältnis zueinander pflegen. An Erwachsenen, die sich um Shoana kümmern könnten, mangelt es auch sonst nicht: Der Vater ist sehr präsent, und auch die Grosseltern sind verfügbar. Nur ganz selten kommt es vor, dass die Berner Oberländerin ihr Patenkind Anfang Woche nicht sieht. «Dann habe ich jedoch das Gefühl, dass mir etwas fehlt oder dass ich in der Woche einen Tag zu viel habe.» Warum ist sie so gern Gotte? «Es ist etwas Dankbares, für Kinder sorgen zu dürfen», sagt sie. «Komme ich vom Büro gestresst nach Hause, kann ich mit Shoana sofort abschalten. Ich habe einen total anderen Fokus und eine andere Verantwortung. Es macht Freude, und ich kann allen Stress vergessen.»

Die Spiezerin hat sich schon von klein auf gern mit Kindern beschäftigt: Sie ist mit zwei jüngeren Brüdern gross geworden. «Ich glaube, ich habe einen guten Draht zu Kindern», sagt Cornelia Künzi in fröhlichem Ton, während sie in der Tomatensauce rührt und Reibkäse aus dem Kühlschrank nimmt. Die Teigwaren sind bald bereit, der Duft erfüllt die Küche. Shoana freut sich auf das Abendessen, denn bei ihrem Gotti schmeckt es immer gut.

Oft im Rosengarten

Unbeschwerte Zeit mit dem Neffen Bei Angela Falk (30) und ihrem Neffen Ian ist süsser Nachtisch angesagt: Die beiden sitzen am Stubentisch, der Dreijährige greift sich einen der Haferkekse aus der Schale und beisst rein. «Sind sie gut oder trocken?», fragt Angela. «Trocken und gut!», antwortet der Rotschopf mit einem Grinsen im Gesicht.
Ian ist der Sohn von Angela Falks Bruder. Schon als ihr Neffe ein Baby war, hütete sie ihn regelmässig. Ausserdem verbringt sie etwa alle zwei bis drei Wochen einen Nachmittag oder Abend mit dem Kleinen. «Kinder haben einen ganz anderen Blick auf die Welt. Ich finde spannend und auch immer wieder sehr amüsant, was sie erzählen», sagt sie. «Mit Ian erlebe ich sehr unbeschwerte, lebensfrohe Stunden.»

Die politisch aktive Frau setzt sich in ihrem Alltag mit den harten Seiten der Gesellschaft auseinander: Sie arbeitet für die Stiftung gegen Gewalt an Frauen und Kindern und wird täglich mit schwierigen Lebenssituationen und Familienverhältnissen konfrontiert. Zudem engagiert sie sich in ihrer Freizeit für die Anliegen der Sans-Papiers, Migrantinnen und Migranten, die ohne geregelten Aufenthaltsstatus in der Schweiz leben.

Mit ihrem Neffen Ian taucht sie in eine ganz andere Welt ab. Häufig entscheiden sie spontan, was sie unternehmen. «Bei schönem Wetter bleiben wir manchmal bei ihm, denn er wohnt in einer familienfreundlichen Siedlung, wo er super spielen kann», sagt die Psychologin, die in Sri Lanka geboren wurde, im Alter von sechs Wochen adoptiert wurde und im Rheintal aufgewachsen ist. Seit mehreren Jahren wohnt sie in Bern.

Bei schönem Wetter fährt sie mit Ian regelmässig in den Rosengarten. Heute, an einem Regentag, gehen sie aber zu ihr nach Hause. «Bei solchem Ludiwetter spielen wir nicht draussen», sagt Ian. «Nein, das tun wir nicht», sagt Angela Falk und lächelt liebevoll. «Ludiwetter ist Ians Wort für Hudelwetter», erklärt sie. Ihr Neffe sitzt derweil am Boden und blättert in einem Haufen von Bilderbüchern, die er mitgenommen hat. «Liest du mir ein Buch vor?», fragt er. «Nachher dann, jetzt rede ich gerade noch.»

Enger familiärer Zusammenhalt

Gleich liest Tante Angela Falk Ian eine Geschichte vor.
Gleich liest Tante Angela Falk Ian eine Geschichte vor.

Gleich liest Tante Angela Falk Ian eine Geschichte vor.

Die Rheintalerin hat eine gute Beziehung zu ihrem zwölf Jahre älteren Bruder und ihrer Schwägerin. Sie haben immer wieder in derselben Stadt gewohnt und auch viel gemeinsam unternommen. «Für mich gibt es nebst den klassischen Kleinfamilien viele andere, gute Familienmodelle. «Ich sehe oft, dass weitere Verwandte, aber auch Freundinnen und Freunde oder neue Partner die Rolle wichtiger Bezugspersonen für die Kinder einnehmen können», sagt Angela Falk. «Der Zusammenhalt, den mein Bruder und ich schon vor Ians Geburt hatten, unterstützt sicherlich die gute Beziehung, die ich nun zu Ian aufbauen durfte.» Es war also naheliegend, dass sie vor drei Jahren gefragt wurde, ob sie Ian hüten wollte: «Das hat sich ganz natürlich ergeben.»

Als die Grossfamilie noch das gängige Familienmodell war, hatten kinderlose Tanten ihren selbstverständlichen Platz innerhalb der Familie. Wenn sie nicht gerade allergisch auf Nachwuchs waren, übernahmen auch sie Betreuungsaufgaben. Heute funktioniert die unbeschwerte Kinderbetreuung in der Rolle als Tante oder Gotte nur, wenn das Verhältnis der Erwachsenen untereinander unkompliziert ist, wenn man als Eltern gern und gut Aufgaben abgeben kann und wenn das Vertrauen da ist.

Beim Hüten hat Angela Falk gemerkt, wie gern sie Verantwortung für einen Menschen übernimmt, der sein Leben noch nicht selbständig meistern kann. Sie freut sich auch, wenn sie merkt, dass das gut klappt. «Ich funktioniere ganz anders mit einem Kind, habe einen anderen Fokus, einen anderen Rhythmus», sagt sie. «Ich sehe, wie viel ein Kind einem im Alltag geben kann, aber auch, welche Abhängigkeiten und Einschränkungen entstehen», sagt sie. Daher ist es für sie ganz praktisch, vorerst die Rolle als Tante einzunehmen. Was nicht heisst, dass sie sich keine Kinder wünscht: «Ich kann mir gut vorstellen, in ein paar Jahren eigene Kinder zu haben.»

Angela Falk stört dabei nur eins: der Begriff Tante. «Das klingt so ­‹ältelig›, oder?» – Höchste Zeit also, dass die Bezeichnung «Tante» ein positives, jüngeres Image erhält. 

Autor: Claudia Langenegger

Fotograf: Sophie Stieger