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13. Oktober 2014

Und sie tanzen einen Tango

Der südamerikanische Tanz hat sich hierzulande etabliert. Was treibt Schweizerinnen und Schweizer immer häufiger aufs Parkett? Die Porträts mit den Videoausschnitten von zwei Tanzpaaren und die Verlosung eines Anfänger-Workshops zum Tango-Musical «Tanguera» («Tango-Tanzen mit Musical-Stars»).

Warmes Licht erhellt den hohen Raum, aus den Boxen erklingt eine langsame, melancholische Musik. Die Frauen tragen taillierte Kleider und goldene oder rote Sandaletten, die Männer lange Stoffhosen, Hemden und Lederschuhe. Die Männer lenken, schieben oder wirbeln die Frauen übers Parkett. Diese schauen verträumt, verbissen oder verhalten. Verklingt ein Lied, lassen die meisten Paare voneinander ab und nehmen Abstand. Viele die miteinander tanzen, kennen sich nicht.

Mittlerweile kann man in vielen Schweizer Städten jeden Abend Tango tanzen. 1986 organisierte Rolf Schneider (76) die erste regelmässige Milonga der Schweiz – so nennt sich ein Tangotanzabend – im heutigen Dynamo in Zürich. Dass sich Tango derart etablieren konnte, erklärt er sich so: «In Europa ist die Kommunikation über Berührungen unterentwickelt, das macht den Tango attraktiv.» Nehme sich jemand die Mühe, den anspruchsvollen Tanz zu lernen, bleibe er meist dabei. Bei vielen taktet der Tango ihr Leben. Sie tanzen täglich, besuchen Stunden oder Milongas und buchen Tangoferien.

Åse Johnson und Martin Omlin

Åse Johnson und Martin Omlin tanzen seit 20 Jahren jeden Tag.
Åse Johnson und Martin Omlin tanzen seit 20 Jahren jeden Tag.

Åse Johnsen (46): «Ich habe den Tango in Oslo über einen argentinischen Lehrer kennengelernt, der Tanz hat mich sogleich magisch angezogen. Für anspruchsvollere Lektionen bin ich bald mit Freunden acht Stunden durchs Schneegestöber bis nach Uppsala in Schweden gefahren. Als ich ein Stipendium für die Kunstschule in Luzern erhalten habe, bin ich in die Schweiz gezogen und so oft wie möglich nach Zürich zum Tanzen gependelt. Es war eine Sucht! Mit dem Tango habe ich etwas gefunden, was ich lange Zeit gesucht habe. Er vermittelt Lebensfreude und Leidenschaft. Beim Tanz ist man total präsent im Moment, mit jemandem zusammen in einer Bewegung, die fliesst. Man lernt, sich selbst und sein Gegenüber wahrzunehmen. Es geht nicht um spektakuläre Figuren, sondern um einen Dialog mit dem Tanzpartner. Nach dem Tanzen fühle ich mich jeweils erfüllt und glücklich. Heute geniesse ich es, Tango zu unterrichten. Als Lehrerin kann ich etwas davon weitergeben, was der Tango mir gegeben hat.»

Åse Johnsen über ihren Lebenspartner Martin Omlin als Tänzer:

Bei Martin schätze ich sehr, dass er eine Tiefe im Tanz sucht

Martin Omlin (47): «Für mich drückt Tangomusik Melancholie, Trauer, Glück und Freiheit aus. Sie trägt einen beim Tanzen, bindet einen an den Moment und macht aus dem Tanzpaar eine Einheit. Der Tango trifft etwas Existenzielles. Er ermöglicht es, auch mit einer fremden Person Intimität zu erleben. Damit muss man sich als tanzendes Paar auseinandersetzen, klar. Ich bin zufällig über meine WG-Kollegen zu einem akrobatischen Tango gestossen. Mit Åse habe ich dann einen viel subtileren Tango kennengelernt, bei dem es um echte, innere Kommunikation zwischen den Tänzern geht. Dieser Tango hat mich nicht mehr losgelassen. An der ETH habe ich Umweltwissenschaft studiert, Teilzeit für eine Grossbank Daten analysiert und doktoriert. Doch dann hat mich der Tango zum Wechsel bewogen. Meine analytische Seite hilft mir, tänzerische Möglichkeiten durchzudenken und diese dann intuitiv umzusetzen. Ich bin sehr froh, weniger kopflastig unterwegs zu sein.»

Martin Omlin über seine Lebenspartnerin Åse Johnsen als Tänzerin:

Åse ist eine feinfühlige Tänzerin, sanft und elegant. Es kommt vor, dass im Tanz mit Åse die Geschichte unserer Beziehung in den Hintergrund tritt und wir wieder wie frisch verliebt sind.

Beata Sievi und Rolf Schneider

eata Sievi nahm Unterricht bei Rolf Schneider – heute sind sie verheiratet.
Beata Sievi nahm Unterricht bei Rolf Schneider – heute sind sie verheiratet.

Beata Sievi (47): «Nach dem frühen Tod meines Mannes kämpfte ich mit Depressionen. Da erinnerte ich mich an den Tango, den wir gemeinsam entdeckt hatten, und ­dachte: Um ihn zu tanzen, muss ich nicht fröhlich sein. Ich besuchte Tanzstunden bei Rolf Schneider, und es war magisch. Er gab mir das Gefühl der Harmonie im Tanz. Zudem waren wir voneinander fasziniert und offen für die neue Liebe. Dennoch, mit einem bekannten Lehrer und begehrten Tänzer liiert zu sein, war anfangs nicht einfach. Überall traf Rolf ehemalige Schülerinnen, die mit ihm tanzen wollten. Mit zunehmender Geborgenheit in der Beziehung lernte ich, damit umzugehen. Wo sonst können sich Männer und Frauen so nahekommen, ohne eine Beziehung oder Affäre zu haben? Ein Tanz mit einem Fremden bedeutet immer auch, sich auf unsicheres Terrain zu begeben. Die Neugierde und Ungewissheit haben etwas Prickelndes. Aber der Markt ist auch erbarmungslos: Es reicht nicht, attraktiv zu sein. Man muss auch tänzerisch etwas bieten, sonst kommt man kaum zum Tanzen.»

Beata Sievi über Ihren Mann Rolf Schneider als Tänzer:

Rolf ist ein sehr dynamischer Tänzer und fasziniert davon, was er mit einer Frau anstellen kann. Er ist grosszügig und offen, hechelt nicht der besten Tänzerin nach, sondern bietet auch einer Anfängerin gern ein schönes Erlebnis.

Rolf Schneider (76): «Auf der Suche nach anspruchsvoller Musik entdeckte ich den Tango. Ich nahm in Berlin und Buenos Aires Unterricht. Anfangs war es hart: Die Argentinierinnen liessen mich nach dem ersten Tanz stehen und schmiegten sich an die lokalen Tanzlöwen. Ich übte, übte, übte und kaufte beim Trödler 25 Kilo Schallplatten mit Tangomusik. Diese legte ich 1983 in meinen ersten Kursen in Zürich auf. Statt auf Architektur, meine Erstausbildung, setzte ich fortan ganz aufs Tanzen: Der Gesellschaftstanz sicherte mir ein Einkommen, der Tango war meine Passion. Wer ihn tanzt, muss bereit sein, sich anzupassen, auch wenn er führt. Das schult die Persönlichkeit. Am schönsten ist es, wenn es einfach mit einem tanzt – der Kopf denkt nicht, man ist ganz da, vereint zu dritt: Mann, Frau und Musik. Tanzt meine Liebste eng umschlungen mit einem anderen, rumort es manchmal schon im Bauch.»

Rolf Schneider über seine Frau Beata Sievi als Tänzerin:

Meine Frau liebt und geniesst die Tango-Musik und gestaltet ganze Passagen. Da passe ich mich gerne ihr an.

Autor: Monica Müller

Fotograf: Stephan Rappo