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14. Juli 2014

Talkinder retten die Bergschule

Anderswo fahren die Bergkinder ins Tal zur Schule, in Weisstannen ist es genau umgekehrt: Eine wachsende Gruppe von Kindern aus Mels besucht die familiäre Tagesschule im Sarganserländer Bergdorf – eine originelle Rettungsaktion.

Alltägliche Reise ins Bergtal: Der öffentliche 
Linienbus fährt die Kinder Kurve um Kurve von Mels in die Schule nach Weisstannen hoch.
Alltägliche Reise ins Bergtal: Der öffentliche 
Linienbus fährt die Kinder Kurve um Kurve von Mels in die Schule nach Weisstannen hoch.

Zum Zmittag gab es Rüebli, Schnitzel und Kartoffelschnitze. «Das war wieder ganz fein», lobt Georg (10) und putzt sich die Zähne. Unterstufenlehrerin Barbara Tschirky-Hochuli (51) zwinkert ihm zu: «Vor allem, weil es Ketchup dazu gab.» Beide lachen. Nebenan sitzen die Tageschulkinder und zeichnen. «Bei uns ist es wie in einer grossen Familie», kommentiert Camille (9), bevor sie die Farbstifte wegräumt und mit den andern nach draussen stürmt. Ein ganz gewöhnlicher Mittag in der Dorfschule Weisstannen SG. Ungewöhnlich ist nur, dass es die Schule noch gibt. Denn aus dem Weisstannental selber stammen nur 15 der 33 Kindergarten- und Primarschulkinder.

Als sich ein Schülermangel abzeichnete, taten sich Lehrpersonen und Behörden zusammen und entwickelten das Angebot einer Tagesstruktur für die Kinder aus Mels SG, wo die Klassen gross sind. «Wir wussten nicht, ob es funktionieren würde», erinnert sich Barbara Tschirky. «Wir wussten nur, dass es unsere Chance war, die Schule zu erhalten.» Und die Schule erhalten, das wollten im ursprünglichen Bergtal alle.

«Das Zittern ist vorbei», sagt Schulleiter Donat Schilter (50), «aber der Wettbewerb bleibt. Unsere Schule überlebt nicht einfach so, wir müssen uns beweisen.» Er steht am Fenster und beobachtet die Mädchen und Buben, die vor der Bergkulisse rumtollen. Wenn sie zu ihm in die Mittelstufe übertreten, kennt er sie schon seit dem Kindergarten: «Das ermöglicht eine ganz andere Beziehung», sagt er. «In diesem familiären Rahmen profitieren sie viel für ihre persönliche Entwicklung.» Genau das schätzt Nicole Kully Steger (41) aus Mels-Heiligkreuz. Für ihre beiden Töchter Lia (9) und Moana (7) sei die Tagesschule Weisstannen «ein Glücksfall»: «Sie sind aufgeblüht, selbstsicherer geworden und haben gerade im sozialen Bereich grosse Fortschritte gemacht. Abends sind sie zwar müde, aber zufrieden, erfüllt und ‹genährt› – geistig und seelisch satt.»

Kurz vor zwei Uhr hält der Linienbus neben dem Schulhaus – die Schulzeiten sind auf den Fahrplan abgestimmt. Einige Kinder kommen aus dem nahen Weiler Schwendi vom Mittagessen zurück, darunter Luca (11). Der Viertklässler könnte sich keinen besseren Schulort vorstellen, für ihn ist «das Weisstannental das schönste Tal der Welt».

Machen Sie mit

Das Migros-Magazin sucht den längsten Schulweg der Schweiz. Teilen Sie uns in den Kommentaren mit, welchen Weg Ihr Kind jeden Tag zurücklegt. Sind es mehr als die zwölf Kilometer, die die Melser Kinder jeden Tag zur Schule fahren?

Autor: Franziska Hidber

Fotograf: Samuel Trümpy