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16. Dezember 2013

Klappe zu, Film ab

Den Studenten-Oscar hat sie schon, nun ist Talkhon Hamzavi für einen richtigen Oscar nominiert. Die Aargauerin hat mit «Parvaneh» einen der erfolgreichsten Schweizer Kurzfilme gedreht. Und die Chancen auf ein goldenes Männchen stehen nicht schlecht.

Talkhon Hamzavi mit einer Filmklappe
Hat bereits das nächste Filmprojekt in Arbeit: Talkhon Hamzavi schreibt an einem neuen Drehbuch, einer schwarzen Komödie. (Bild: Paolo Dutto)

Vor fünf Monaten hat Talkhon Hamzavi (34) mit ihrem Film «Parvaneh» in Hollywood den Studenten-Oscar gewonnen. Als erste Schweizerin überhaupt. Der Rummel war gross, jede Zeitung wollte ein Porträt mit ihr, wollte wissen, wie sie lebt, wo sie lebt und was der Film mit ihrer eigenen Biografie zu tun hat. «Der ganze Rummel war mir eigentlich total zu viel», sagt die Regisseurin mit einem Lachen. Langes schwarzes Haar umspielt ihr ebenmässiges Gesicht. Etwas Verträumtes liegt in ihren haselnussbraunen Augen.

Talkhon Hamzavi berüht eine riesige Oskar-Statue.
Talkhon Hamzavi am 8. Juni in Los Angeles: ihr Film «Parvaneh» gewinnt den Studenten-Oscar. (Bild: Getty Images/Valerie Macon)

Der Rummel ist mittlerweile weg, die Erfolgswelle reisst jedoch nicht ab. An über 30 Festivals wurde ihr Film schon gezeigt, 14 Preise hat er gewonnen. Die grosse Überraschung kam aber Ende November: Gleich zweimal wurde «Parvaneh» als bester Kurzfilm ausgezeichnet, am Gijon Festival in Spanien und dem Foyle Festival in Irland. Ein Quantensprung: Wer dort gewinnt, ist für den echten Kurzfilm-Oscar in Hollywood qualifiziert. «Die Freude ist riesig», sagt die Regisseurin. «Nun können wir uns für den richtigen Oscar anmelden. Wir haben gehofft, wenigstens einen dieser wichtigen Preise zu gewinnen – aber beide? Das ist überwältigend.»

Nun können wir uns für den richtigen Oscar anmelden. Das ist überwältigend.

Den Film hat sie vorletzten Winter, im kältesten Februar seit Jahrzehnten, in Zürich gedreht. Die grossgewachsene Aargauerin mit iranischen Wurzeln, die sich «Tali» nennt, weil ihr Name so kompliziert tönt und ihn sich hier kaum jemand merken kann, erzählt vom «Parvaneh»-Dreh. Ihre Crew sei fantastisch gewesen: Nach nur zwei Wochen hatte sie alles im Kasten. Der Film erzählt von einem afghanischen Immigrantenmädchen, das in einem Asylzentrum in den Bergen wohnt. Um ihrem Vater Geld zu überweisen, reist sie allein nach Zürich. Hoffnungslos verloren in der Stadt, lernt sie ein Punkmädchen kennen, das ihr hilft. In einem halben Tag und einer Nacht entsteht eine einzigartige Freundschaft.

Auch Tali Hamzavi war einst fremd in der Schweiz. Sie war gerade sieben Jahre alt, als sie mit ihren Eltern und ihrem Bruder aus dem Iran in den Aargau kam. «Ich wurde plötzlich aus einer vertrauten Welt gerissen. Es war wie ein Traum, alles sehr unwirklich», erzählt sie. Sie erinnert sich, wie die Stille und der fehlende Trubel auf den Strassen sie befremdete und wie es wegen der Sprache zu vielen Missverständnissen kam. Und sonst? «Das ist lange her, ich war klein», sagt sie nur.

Anders als Parvaneh im Film hatte die kleine Tali im Aargau kaum Probleme, sich zu integrieren. «Ich fühlte mich nie als Aussenseiterin.» So verloren wie die Protagonistin ihres Films war sie nicht, und doch erkennt sie sich in Parvaneh wieder. Wie im Film hatte auch Tali in der Schweiz schnell Freundinnen gefunden, die ihr das Einleben in diesem fremden Land erleichterten. Und: «Ich glaube, in ihr steckt diese gleiche Art, auf die Leute zuzugehen und sich durchzukämpfen.»

Ihr Flair für das Filmen hat Talkhon Hamzavi im gestalterischen Vorkurs entdeckt. «Wir drehten mit rudimentären Mitteln einen Film. Das war wie eine Eingebung: Ich wusste, genau das will ich machen.» Sie bestand die Aufnahmeprüfung für die Filmklasse an der Zürcher Hochschule der Künste und schloss im Sommer 2012 die Ausbildung zur Regisseurin mit dem Abschlusswerk «Parvaneh» ab.

Gross geworden in einer künstlerischen Familie

Auch ihre Familie machte im Film mit. Tali hat ihrem jüngeren Bruder und ihrer Mutter kleine Rollen gegeben. «Meine Mutter hatte ursprünglich sogar eine Sprechrolle», sagt sie. Diese wurde aber Opfer des Filmschnitts.

Auch ihr Vater war lange im Film tätig, als Animationsfilmer. Heute arbeitet er als Airbrush-Künstler. Ihre Mutter ist Kunstmalerin. Ihre Eltern hatten sich auf der Kunstschule in Teheran kennengelernt. Das kreative Umfeld hat Talkhon Hamzavi seit ihrer Kindheit geprägt. «Mir war immer klar, dass ich etwas mit Kunst machen will», sagt sie. Nach der obligatorischen Schulzeit hatte sie aber vorerst auf etwas Sicheres gesetzt und sich zur medizinischen Praxisassistentin ausbilden lassen.

Die Tage in Hollywood hatten etwas Unwirkliches und Absurdes.

Dass sie mit ihrem Abschlussfilm «Parvaneh» den Studenten-Oscar gewonnen hat, ist für sie noch heute manchmal unfassbar. Die Tage in Hollywood waren, als wäre sie in einem anderen Universum gelandet. Sie traf gestandene Drehbuchautoren Hollywoods, durfte in den exklusiven Klub der amerikanischen Kinematografen und unterhielt sich täglich mit Hollywood-Grössen wie etwa Kameramann Dean Cundey, der schon etliche Filme mit Spielberg und Zemeckis gedreht hat. «Es hatte etwas Unwirkliches und Absurdes.»

Zurück im Alltag heisst Filmemachen aber vorerst wieder viel einsame Arbeit: Sie schreibt an einem neuen Drehbuch, es soll eine schwarze Komödie werden. Mehr verrät sie nicht. «Was, wenn plötzlich nichts daraus wird? Oder etwas ganz anderes?»

Nebst einem Teilzeitjob versucht sie, so oft wie möglich am Drehbuch zu schreiben und sich in ihre Geschichte zu vertiefen. Wenn sie dran ist, ist sie dran. So sehr, dass sie oft die Zeit vergisst. Wenn sie sich frei nimmt, ist sie gerne mit ihren Freundinnen unterwegs oder macht sich mit ihrem Freund einen gemütlichen Abend daheim und probiert neue Rezepte aus.

So intuitiv sie bei der Arbeit vorgeht, so genau weiss sie, was sie will. Für «Parvaneh» suchte sie eine afghanische Hauptdarstellerin. Erfolglos. Bei einem Casting lernte sie die in Lausanne lebende Iranerin Nissa Kashani kennen und wusste sofort: Diese junge Frau passt perfekt für die Rolle. Nissa musste aber dafür Afghani lernen, denn Tali Hamzavi wollte das Drehbuch auf keinen Fall umschreiben.

Auf die Frage, wie eine Fortsetzung von «Parvaneh» weiterginge, ob die junge Immigrantin in der Schweiz ihr Glück fände oder nicht, lacht Tali Hamzavi spontan auf. Sie sagt verschwörerisch: «Das sage ich nicht.» Sie sagt es ganz so, als gäbe es Parvaneh wirklich. So, als kenne sie diese sehr gut. Und es scheint, ihre Parvaneh habe ihr Glück hier, in der kalten Fremde, gefunden.

Autor: Claudia Langenegger

Fotograf: Paolo Dutto