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23. Juli 2012

Talent für die Vertikale

Christelle Marceau will hoch hinaus. Zusammen mit acht Männern absolviert sie die dreijährige Ausbildung zur Leistungsbergsteigerin. Das junge Klettertalent träumt schon das ganze Leben davon, Bergführerin zu werden.

Christelle Marceau
Klettertalent Christelle Marceau: «Die Berge sind für mich Freiheit pur!»

Den Alpenvirus trug Christelle Marceau (23) bereits als Zehnjährige in sich. Nach ersten Schnupperkursen bei der Jugend-Sektion Neuenburg des Schweizer Alpen-Clubs kraxelte sie bald jede Wand hoch. Heute erklettert sie flink schwierige Bergflanken wie den Grand Capucin am Mont Blanc oder die Südwand des Obergabelhorns: Den extremen Schwierigkeitsgrad 7a meistert sie «onsight», das heisst gleich beim ersten Versuch, ohne die Wand vorher je gesehen zu haben.

Das Klettertalent, das fliessend Deutsch und Französisch spricht, zählt zu den stärksten Nachwuchsalpinistinnen der Schweiz. Als einzige Frau hat sie den Sprung geschafft ins zehnköpfige Team der Bergsteigernachwuchskräfte, die der Schweizer Alpen-Club SAC erstmals gezielt fördert. Während der letzten drei Jahre wurden die Alpintalente im Jugendprojekt «Leistungsbergsteigen» geschult. Voraus ging eine strenge Selektion. Schafften es doch von den 36 Männern und zwei Frauen, die angetreten waren, nur die zehn besten — darunter auch Christelle Marceau. Erst konnte sie ihr Glück selber kaum fassen. Dennoch fühlt sie sich als einzige Frau unter den unterdessen unfallbedingt nur noch acht Männern nicht als etwas Besonderes. Am Berg zähle nicht das Geschlecht, sondern die Tat. «Man muss es einfach machen», sagt sie fröhlich.

Christelle Marceau (23) zählt zu den stärksten Schweizer Nachwuchsalpinistinnen.
Christelle Marceau (23) zählt zu den stärksten Schweizer Nachwuchsalpinistinnen.

Natürlich würden Talent und Erfahrung helfen im Alpinismus. Sie selber habe im Leistungskurs viel vom Wissen der beiden Ausbildner profitiert, den Bergführern und Profialpinisten Denis Burdet und Roger Schäli. Hilfreich gewesen sei zum Beispiel das Klettercamp im wilden Valle d’Orco im Piemont. «Wir haben gelernt, wie man nicht kletterbare Steilstufen, an die man als Erstbesteiger einer Felswand ohne Weiteres geraten kann, mit selber montierten Strickleitern überwindet.» In bester Erinnerung geblieben sei ihr auch das Biwakieren auf einem Grat, unter sich nur einen Karton als Schlafunterlage und über sich das funkelnde Sternenmeer.

Als Höhepunkt der Ausbildung in die peruanischen Berge

Der Lehrgang Leistungsbergsteigen dauert drei Jahre und nimmt rund zwei Wochen pro Jahr in Anspruch. Der absolute Höhepunkt der Ausbildung wird die grosse Expedition sein, zu der das Team Mitte Juli aufgebrochen ist und die bis Ende August dauert. Die Organisation liegt ganz in den Händen des Nachwuchskaders. «Zum Ziel unserer Bergsteigerträume erkoren haben wir die Cordillera Blanca in Peru», sagt Christelle Marceau. Ihrer Schönheit wegen werde sie auch «peruanische Schweiz» genannt. «Erst wollten wir in den Himalaya nach Pakistan und Afghanistan. Doch wegen der unstabilen politischen Lage dort haben wir uns für Südamerika entschieden», sagt sie.

Das Bergsteigerdorf Huaraz dient den Schweizer Jungtalenten als Ausgangspunkt. Über die Expeditionsziele wollen sie sich erst vor Ort informieren. Den oft bestiegenen Huascarán, mit 6768 Metern der höchste Berg Perus, und den Alpamayo, der als schönster Berg der Welt gilt, überlassen sie anderen Bergsteigern. Sollten doch im Bergsteigerparadies so einige weniger begangene Gipfel entdeckt werden. Denn für die Schweizer Nachwuchstalente zählt die Wildheit des Expeditionsziels. «Wir suchen eine Route, die noch nie begangen wurde», sagt Christelle Marceau.

Neben den Ausbildnern begleitet sie ein Arzt, der im Basecamp auf die Abenteurer wartet. «So sind wir auf der sicheren Seite, falls jemand verunfallt oder erkrankt.» Null Risiko gebe es im Hochgebirge natürlich nicht. Dennoch sei sicheres Bergsteigen möglich. «Man muss die eigenen Grenzen respektieren.» Sie selber ist mit dieser Philosophie bisher gut gefahren. Abgesehen von einer ausgerenkten Schulter beim Snowboardfahren blieb sie von schweren Unfällen verschont.

Wenn Christelle Marceau gerade mal nicht in den Bergen rumturnt, ist sie in Neuenburg in ihrer Wohnung hoch über dem Städtchen anzutreffen, wo sie unter anderem selber Bergblumensalben mit Arnika mixt oder Alpenwiesenkräuter für Tee trocknet. Denn ihre Liebe zur Natur geht über die Berge hinaus zu den Pflanzen, deren Wirk- und Heilkräfte sie faszinieren. Als frisch «diplomierte Drogistin HF» kann sie nach der Prüfungszeit jetzt wieder vermehrt der Bergleidenschaft frönen, oft begleitet von ihrem Partner Colin Bonnet, einem angehenden Bergführer. «Ich selber träume schon mein Leben lang davon, Bergführerin zu werden.» Auch da wird sie zu den Pionierinnen zählen, gibt es doch unter den 1500 Bergführern in der Schweiz gerade mal 25 Frauen.

Eine Art «Ueline Steck» möchte Christelle Marceau allerdings nicht werden. «Da müsste ich diszipliniert trainieren», sagt sie und lacht. «Ich funktioniere nach dem Lustprinzip.» Wobei sie auf die Berge eigentlich immer Lust habe. Trotzdem schlafe sie in den seltenen Phasen, in denen ihr Körper andere Signale sende, an einem Wochenende auch mal aus — und gehe erst nachmittags im Jura klettern.

Zu alpinistischen Glücksmomenten will sie als Leiterin der Neuenburger SAC-Jugend auch Nachwuchstalenten verhelfen. «Mir hat auch mal jemand gezeigt, wie man es macht. Dieses Wissen und die Freude an den Bergen möchte ich weitergeben.»

Autor: Daniela Schwegler

Fotograf: François Wavre