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04. März 2013

Tage wie diese

Bänz Friedli sieht nicht schwarz. Mitnichten.

Seinen neuen Brieffreunden hat Hans bereits geschrieben. Mehr noch: Er hat am Laptop einen Film von den gemeinsamen Tagen im Snowboardkurs geschnitten — die schönsten Stürze, die kühnsten Sprünge, die dümmsten Sprüche. Seit unserer Rückkehr sass er jede freie Minute darüber. Den Film hat er dann mit Klängen seiner geliebten Toten Hosen vertont — «An Tagen wie dieeeesen …» —, mit witzigen Schriftkommentaren versehen, zuletzt fixfertige DVDs samt Navigationsmenü gebrannt, und ab die Post. Sie! Der Film ist der Hammer. Hätte ich mit zwölf nicht gekonnt. Es gab damals noch keine Navigationsmenüs, gewiss. Es gab überhaupt noch keine Computer im Alltag — aber das ist es ja gerade: Dank der neuen Möglichkeiten sind die Jugendlichen heute so flink, so reif, so schlau. Wenn ich sage: «Hätte ich mit zwölf nicht gekonnt», meine ich nicht nur, dass wir auf der Piste keine klitzekleine Kamera dabei hatten, sondern auch, dass ich zu solch einer schöpferischen Leistung nicht imstand gewesen wäre, weder technisch noch geistig. Noch mal, und ich sag es jetzt grad extra pauschal: Die Jugendlichen sind schlau und kreativ.

Digitale Demenz? Das ist Unfug.
Digitale Demenz? Das ist Unfug.

Das Gegenteil wird ja gern behauptet, genauso pauschal. Es schreibt und liest sich halt so schmissig: Die heutige Jugend sei am Verblöden, und schuld seien die Handys und die Computer. Das Schlagwort von der «digitalen Demenz» macht die Runde, um eine Generation zu brandmarken, die nicht mehr klar denken, sich nicht ausdrücken, nicht mehr konzentrieren könne. Unlängst beklagten sich die Kolumnistenkollegen Bardill und von Rohr in anderen Presseerzeugnissen über die «digitale Demenz» der Jungen, und ich weiss nicht, wer es dem anderen abschrieb oder ob sie es alle beide von dem deutschen Plauderi hatten, Manfred Spitzer mit Namen. Der behauptet in einem Buch, die elektronischen Medien machten dumm. Das Gehirn würde nur dann trainiert, wenn man es wirklich fordere, und das sei beim oberflächlichen Hinwegsurfen über Bildchen und Informatiönchen, wie die Jungen es betrieben, nicht der Fall. Der Mann müsste mal dem Hans beim Erstellen eines Films zuschauen. Dumm? Passiv? Oberflächlich? Von wegen!

Digitale Demenz? Das ist Unfug.

Meine Beobachtung ist: Dank digitaler Medien sind die Kinder aufnahmefähig. Sie wissen verdammt viel, sind flexibel, gewieft, beschlagen. Vor einigen Tagen stand morgens am Familienanschlagbrett mit dickem Filzstift geschrieben: «Dringend! Wir! brauchen! einen! neuen! Drucker!» Der Bub hatte vergeblich versucht, den Krimi auszudrucken, den er sich für den Krimiwettbewerb an der Schule ausgedacht hatte. Ich nichts wie los, kaufe irgendeinen Drucker — ich kenn mich da nicht so aus, weiss nur, dass die Patronen dann sauteuer sind. Am Mittag installiert Hans das Ding, kommentiert fortlaufend: «Wow, was der alles kann! Schau, Vati, Scannen, Zoomen! Und ‹Wäi-Fäi›!» Er murmelt weiter vor sich hin. «Aha, der spricht mit einem, sagt stets, welches der nächste Schritt ist …» Ein selbst erklärender Drucker, offenbar. Auf dem Display erscheint: «Jetzt bitte Tintenpatrone Yellow einsetzen.» Dann: «Bitte warten.» Und so weiter. «Gäbig», findet Hans, «da muesch nid usefinge wie bimene Bébé, wo grännet: Hets äch Hunger?»

Digitale Demenz? Das ist Unfug. Als ich klein war, wurde vor dem Fernsehen gewarnt. Und ich finde, ich sei trotzdem ganz okay herausgekommen.

Bänz Friedli live: 6.3. Egerkingen SO, 8.3. Luterbach SO, 11.3. Winterthur.

Bänz Friedli (47) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli