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22. April 2014

Tag und Nacht ein Team

Gemeinsam mit dem Lebenspartner ein Unternehmen zu führen, ist für viele ein Albtraum. Doch manche blühen mit dieser Aufgabe erst richtig auf. Vier Führungsduos verraten das Geheimrezept für ihr Glück.

Ob in Gastronomie, Landwirtschaft oder in der Medizin: Paare, die gemeinsam an der Spitze eines Unternehmens stehen, finden sich in allen Branchen. Die ­Herausforderung bleibt jedoch bei allen dieselbe: Wie geht man damit um, dass sich Beruf und Privatsphäre plötzlich vermischen? «Alles Verhandlungssache», meinen die Autorinnen Lianne Fravi und Bettina Plattner-Gerber, die ein Buch über die partnerschaftliche Unternehmensführung geschrieben haben. Verhandeln ist auch das Rezept von Khadro und Navanita Sgambato, die gemeinsam eine Tanzschule leiten: Entscheide werden nur gefällt, wenn vorher darüber diskutiert wurde.

Bei Ruedi und Gitta Limacher hingegen sieht das Erfolgsmodell anders aus. Sie haben in ihrem Reisebüro klare Aufgabentrennung und können sich dadurch abends auch mal fragen: «Wie war es heute bei dir, Schatz?» Auch gemeinsame Rituale können wichtig sein: Das Architektenpaar Mierta und Kurt Lazzarini setzt alles daran, trotz Alltagsstress täglich mit den beiden Töchtern am Mittagstisch zu sitzen. Nicht zu vergessen das Herzblut für die Arbeit. Ohne die Leidenschaft für das Winzertum würden zum Beispiel Stéphane und Isabella Kellenberger während der Ernte nicht 14 Stunden täglich in den Reben verbringen.

Das Migros-Magazin erzählt die Geschichte dieser vier Paare: wie sie zusammen leben und arbeiten – und wie sie es schaffen, sich dabei nicht in die Haare zu geraten.

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Auf der Suche nach der Mitte

Stéphane und Isabella Kellenberger.
Stéphane und Isabella Kellenberger.

Dass es sich bei Stéphane Kellenberger (37) um einen eingefleischten Önologen handelt, verraten seine Hände: Seine Nägel und Fingerkuppen sind dunkelblau gefärbt, der Traubensaft hat sich in seine Hände gefressen. Während seine Frau Isabella (34) in der Familienwohnung am Computer Kundenanfragen beantwortet, überprüft er zwei Stöcke weiter unten im hauseigenen Weinkeller den Gärprozess. Während neun Monaten im Jahr sind die beiden dann zu zweit in den Reben unterwegs.

«Wir sind beide arbeitswütig und scheuen 15-Stunden-Tage nicht», sagt Isabella Kellenberger. Die beiden haben sich im Önologie-Studium in Changins VD kennengelernt. Nach der Ausbildung trennten sich ihre Wege. Isabella arbeitete in Neuseeland, den USA und Chile, während Stéphane in der Nähe von Bern als Kellermeister eine Stelle fand. Als sie Jahre später beide in Bern wohnten, wurden sie ein Paar und Eltern der gemeinsamen Tochter Alicia (3).

Kompromisse sind wichtig – und Ferien auch
In Leuk VS verwirklichten sie sich vor über einem Jahr ihren Traum und kauften ein drei Hektar grosses Weingut. «Die Firmengründung haben wir nie als Beziehungsprobe angesehen. Wir sehen es als Vorteil, zu zweit zu sein und die Aufgaben aufzuteilen», sagt Stéphane Kellenberger. Die Zusammenarbeit ­bedarf weniger Worte. «Wir wissen, dass wir uns aufeinander verlassen können», bestätigt seine Frau. Im ersten Geschäftsjahr kamen Familienleben und Paarbeziehung zu kurz, die beiden arbeiteten Tag und Nacht. «Wir möchten uns besser abgrenzen, auch mal in die Ferien fahren», sagt Stéphane Kellenberger.

Als Voraussetzung für eine gute Zusammenarbeit nennt Isabella Kellenberger die Kompromissbereitschaft. «Wir haben nicht die klassische Rollenverteilung und versuchen uns in der Mitte zu finden.» Auch der Humor sei wichtig, sagt ihr Mann. Das helfe, wenn beide müde seien und sich einmal ankeifen. Mit Humor und Kompromissbereitschaft haben die beiden trotz unterschiedlichen Geschmacks einen Wein gefunden, den beide mögen: «Vin d’oeuvre», ihren eigenen.

Spass zusammen

Khadro und Navanita Sgambato.
Khadro und Navanita Sgambato.

Eigentlich wollte Khadro Sgambato (34) nur Breakdance-Lehrer in Navanita Sgambatos (48) Tanzschule werden. Das war vor 16 Jahren, als die Tanzschule Funkydance in Uster ZH ihre Pforten öffnete. Sie, die Inhaberin, liess ihn zwar an der Eröffnungsshow vortanzen, als Lehrer angestellt wurde er jedoch erst sieben Jahre später, als eine Stelle frei wurde.

Heute leiten die beiden gemeinsam die Tanzschule mit drei Standorten, 18 Angestellten und rund 700 Tänzern. Seit sechs Jahren ein Paar und seit vier Jahren verheiratet, leben sie mit Navanita Sgambatos Kindern aus erster Ehe, Alexi (17) und Miriana (13), in Illnau ZH unter einem Dach. Sie sind als Tanzinstruktorenpaar bis über die Landesgrenzen hinweg bekannt und werden in Regensburg, Dortmund oder Innsbruck für Zumba- oder Tanzanlässe verpflichtet.

Tanzen ohne Worte – reden in der Meditationsecke
Wenn die Sgambatos vor ihren Schülern im eigens entwickelten Tanz-Workout «Fit&Funky» auf der Tanzbühne herumwirbeln, sind ihre Schritte stets synchron. Beim Tanzen verstehen sie sich ohne Worte, zu Hause ist Reden ihr Geheimrezept. «Wir besprechen alles, auch Unangenehmes», sagt Navanita Sgambato. Dafür haben sie extra eine Meditationsecke eingerichtet. «Bei einer Auseinandersetzung setzen wir uns hin, und jeder darf sagen, was ihn stört, während der andere zuhört.» Die ruhigen Momente kommen bei den Sgambatos meist zu kurz: Sie haben Massageausbildungen absolviert, eine Kleiderlinie und ein Fitnessprogramm entwickelt, leiten Tanzausbildungen, choreografieren Stunden und geben Salsa-Workshops.

Dazu unterrichten sie rund zehn Stunden pro Woche, gestalten Flyer, schmeissen den Haushalt und touren als Tanzinstruktoren herum. «Wir trennen nicht zwischen Job und Privatleben. Alles geht fliessend ineinander über.» Es falle schwer, das Telefon nicht abzunehmen oder die Mails nicht zu beantworten. «Der Kopf rattert immer», sagt Khadro Sgambato. «Doch kreativ zu sein ist für uns kein Stress, das ist unser Elixier.» Khadro Sgambato erinnert sich an die Worte einer Tanzschülerin, die vor Kurzem wohl den Grund für die harmonische Zusammenarbeit gefunden habe: «Ihr habt einfach Spass miteinander!»

Nicht reinreden

Mierta und Kurt Lazzarini.
Mierta und Kurt Lazzarini.

Aus Mierta (50) und Kurt Lazzarini (49) hätte eine Sandkastenliebe werden können: Sie wuchs in Zuoz auf, er in Samedan GR. Durch Zufall kreuzten sich ihre Wege aber erst 30 Jahre später in einer Bar in Samedan. Sie stand kurz vor ihrem Schmuckdesignstudium in Mailand, er arbeitete als Architekt für Herzog & de Meuron in Basel. Er gewann einen Wettbewerb und kehrte ins Engadin zurück.

Durch ihn entdeckte Mierta Lazzarini ihre Leidenschaft für Architektur: Aus dem Schmuckdesign wurde ein Innenarchitekturstudium. Dieses Jahr feiern sie ihr 20-Jahr-Jubiläum als Geschäfts- und Liebespaar. Als Architekten konnten sie sich weit über Samedan hinaus einen Namen machen, gewannen Preise und Wettbewerbe. Im selbst entworfenen Gebäude in Samedan arbeiten zehn Mitarbeiter. Er ist der Architekt, sie die Innenarchitektin, in die Arbeit des anderen wird nicht reingeredet. Seit die beiden Töchter (12 und 14) auf der Welt sind, tritt sie in der Firma kürzer. «Kurt ist der Leader, ich bin mehr mit den Kindern involviert», sagt sie.

Toleranz, Respekt und das gemeinsame Mittagessen
Wenn es die Arbeit zulässt, steht bei ­Familie Lazzarini Velofahren, Wandern oder Langlaufen auf dem Programm. «Dabei unterhalten wir uns halt nicht über schöne Schmetterlinge, sondern über neue Projekte.» Morgens, kaum seien die Kinder aus dem Haus, werde über das Geschäft geredet. «Unser Morgenbriefing halten wir beim Zähneputzen ab», sagt Kurt Lazzarini und lacht.

Nur beim täglichen Mittagessen muss die Arbeit draussen bleiben. «Die Kinder können nichts dafür, dass wir ­Geschäftspartner sind.» Zusammenarbeiten bedeute, konfliktfreudig zu sein. Neben Leidenschaft für ihre Arbeit nennen die beiden Toleranz und Respekt als Erfolgsrezept. Und: «Wir nehmen uns selbst nicht ganz so wichtig.»

Kompromisse sind gefragt

Ruedi und Gitta Limacher.
Ruedi und Gitta Limacher.

Zu ihrem Reisebüro kamen Ruedi (65) und Gitta Limacher (67) «wie die Jungfrau zum Kind». Beide waren in leitenden Funktionen in der Baubranche tätig. Bei ­einer Baustellenbesichtigung kreuzten sich ihre Wege zum ersten Mal. 1984 fand die Traumhochzeit im Sheridan Park in New York statt. Als Gitta Limachers Eltern ihr Cargeschäft und Reisebüro in Glarus aufgaben, zögerten die beiden nicht lange und übernahmen die Firma. Vor 20 Jahren haben sie ihren Standort nach Thalwil ZH verlegt, beschäftigen heute vier Angestellte und können auf eine treue Stammkundschaft zählen.

Im Büroalltag grenzen die Limachers ihre Tätigkeiten streng voneinander ab: Sie hat sich auf Individual-, er sich auf Gruppenreisen spezialisiert. Jeder macht das, was er am besten kann. «Wir respektieren die Stärken des anderen.» So bewegt sich Ruedi Limacher lieber an der Front, während sie sich im Hintergrund hält und sich bei Konflikten der Harmonie willen «immer fürs Umarmen» entscheide. Dank der strikten Arbeitsteilung kann sich das Ehepaar beim Abendessen fragen: «Schatz, wie war dein Tag?» Viel Freizeit bleibt neben dem Reisebüro nicht. «Wir leisten Knochenarbeit und sind rund um die Uhr für unsere Kunden da», sagt Ruedi Limacher.

Viele Pläne für die Zeit nach der Pensionierung
Umso wichtiger sei der Ausgleich zur Arbeit: Er spielt Fussball und ist Präsident des FC Thalwil, sie kocht leidenschaftlich gern. «Wenn wir kein Herzblut für unsere Arbeit hätten, würde unser Modell nicht funktionieren», sagt Gitta Limacher. Die eigene Leidenschaft für das Reisen motiviert sie, ihren Kunden unvergessliche Ferien zu ermöglichen. Wenn es um ihren privaten Urlaub geht, sind sie sich nicht immer einig: Sie mag den Norden, er den Süden.

Aber auch hier ist Kompromissbereitschaft gefragt. Ab und zu geht es nach Sylt, dann wieder nach Afrika. Ihre eindrücklichste Reise? «Ganz klar Patagonien. Oder Java. Vielleicht aber auch Botswana.» Für ihre bald anstehende Pensionierung haben die beiden viele Pläne: Zum Beispiel sich wie bisher immer wieder neu ineinander zu verlieben. Und, wie könnte es anders sein? Reisen.

Autor: Silja Kornacher

Fotograf: Li Photography, Lee