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13. Mai 2013

Tag der Arbeit

In einer kühlen Brise, die von der Elbe her weht, flattern draussen rote Fahnen, Tausende marschieren und singen: «Völker, hört die Signale!» Drinnen lauschen wir dem samten gurgelnden Orgelspiel. Ausgerechnet am Tag der Arbeit hats uns in die Bänke der Hauptkirche Sankt Michaelis verschlagen, zur Mittagsandacht. In den Frühjahrsferien in Hamburg wars. Eine Barockkirche, aussen backsteinern und eher unscheinbar, innen hinreissend schön. Sie hat Bränden und Kriegen getrotzt, wurde niedergebombt und wiederaufgebaut. Wenn der Kirchenmusikdirektor kurz nach zwölf Uhr in die Tasten greift — Bach in D-Dur —, stehen Raum und Zeit still, und ich sage Ihnen: Nehmen Sie keine Drogen! Besuchen Sie stattdessen den «Michel». Das fährt genauso ein.

So nennen sie ihr Wahrzeichen, droben in der Hansestadt: den «Michel». Fünf Orgeln stehen darin, eine davon ist unsichtbar in einem Dachstock über dem Gewölbe angebracht, ihr Klang dringt wie aus einer anderen Welt durch eine Öffnung in der Decke in den Innenraum, buchstäblich entrückt. Und wenn der Organist dann alle Orgeln aufs Mal erklingen lässt, indem er sie vom sogenannten Generalspieltisch aus bedient, weiss man nicht mehr, wo oben und unten, vorn und hinten ist — und geht ganz auf in der Musik. Ich lehne mich zurück, bestaune den hellen, ganz in Weiss gehaltenen Raum, reich ornamentiert, lasse meinen Blick über Säulen, Emporen, Fensterbögen und gewundene Treppen gleiten, geblendet vom Sonnenlicht, das von allen Seiten in die Kirche dringt. Nun sagt die Pastorin, eine besonnene Frau mit sonorer Stimme, passend zum 1. Mai, der Herrgott sei der erste Büezer gewesen sei. Sie sagt natürlich Malocher, nicht Büezer, und erklärt sogleich, dass der Ausdruck Maloche vom hebräischen Wort für Arbeit und Schöpfung stamme: der Schöpfer, ein Krampfer.

Krampfen ist etwas Schöpferisches.

Putzmittel und Putzlappen
«Krampfen ist etwas Schöpferisches.»

Was ja umgekehrt hiesse, dass wir uns das alltägliche Krampfen als etwas Schöpferisches vorstellen dürfen, und das gefällt mir. Dann wäre Nasenböögge von der Unterseite des Lavabos klauben, angefaulte Zwiebeln aussortieren, unglättbare Hosen bügeln (die mit dem neuen Schnitt und den gerundeten Hosenbeinen!), Kackspuren aus der WC-Schüssel schrubben und beschämt Silberfischchen aus Zimmerecken tilgen — dann wäre all dies gar keine Scheissbüez. Danke, Frau Pastorin! Das muss ich mir merken fürs nächste Mal Wäschesortieren. (Schwägerin Marianne befand übrigens, man solle einfach einen Stapel mit allen Wäschestücken machen, die man niemandem zuordnen könne, den Stapel auf dem Stubentisch platzieren, und die Familie — in ihrem Fall: Ehemann und erwachsener Sohn — könnte sich dann selber bedienen. Nur will dann manches beiden und manches keinem von beiden gehören, Shirts und Socken bleiben tagelang liegen. Das kanns ja auch nicht sein.)

Item, in der Kirche Sankt Michaelis setzt der Organist wieder an, spielt eine Fuge in a-Moll von Johannes Brahms, einem Hamburger. Vor mir, hinter und neben mir geben sich die Leute der wundersamen Klangwelt hin, baden gleichsam darin. Ich aber habe noch immer das Wort Maloche im Ohr, und während ich den Blick wieder schweifen lasse über all die Simse und Verzierungen, die kunstvollen Goldränder, die Säulenvorsprünge und Leuchter in luftiger Höhe, plagt mich nur eine Frage: Himmel, wer staubt das alles ab?

Bänz Friedli (48) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.

Die Hausmann-Hörkolumne , gelesen von Bänz Friedli (MP3)

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli