Archiv
29. September 2014

Täglich fehlalarmiert

Taa-düüü, taa-düüü …! Ich schrecke auf – wiewohl der Hans im Pfadilager irgendwo im Freiburgischen weilt und Anna Luna, in ihr Smartphone vertieft, neben mir auf dem Sofa fläzt, fährt mir das Blaulichtgeheul der Ambulanz ins Mark. Wann immer bei uns im Quartier eine Sirene ertönt, mein Reflex ist stets derselbe: Wenn bloss nicht einem der Kinder etwas zugest…! Meist ist diese Angst so unbegründet wie jetzt gerade: Das Taa-düüü kann unmöglich einem von ihnen gelten.

«Das Sirenengeheul fährt mir ins Mark.»
«Das Sirenengeheul fährt mir ins Mark.»

Doch ich erschrecke jedes Mal aufs Neue und stelle dann, um mich selber zu beruhigen, die absurdesten Überlegungen an. Fräst eine Ambulanz morgens um elf vorbei, überlege ich rasch, ob eines der Kinder Sportunterricht gehabt habe und sich ein Bein gebrochen haben könnte; ich berechne die Fahrzeit zwischen Spital, Schulhaus und unserer Strasse und komme zum Schluss, nein, die grosse Pause liege schon zu lange zurück, als dass Sohn oder Tochter sich am Znüni verschluckt oder sonst einen Unfall erlitten haben könnte … Ach, es sind diese elterlichen Reflexe, und man wird sie nicht los.

Mit meinem Gehyper bin ich nicht allein, meiner Frau gehts genauso, und überall im Land haben mir zahlreiche Eltern bestätigt: Auch sie denken, werden sie einer Sanitätssirene gewahr, unweigerlich an ihre Kinder. Tröstlich. Nur: Wir wohnen unweit der grössten Notfallaufnahme der grössten Schweizer Stadt. Blaulicht und Sirenen gehören hier zum Alltag, es besteht täglich dutzendfach Anlass zur Sorge. Zu schweigen von den Rettungshelikoptern im Landeanflug, die jeden Tag über unser Dach hinwegbrummen. Andere gewohnte Geräusche wie das Kirchturmgeläut und das nahe Quietschen des Trams blendet das väterliche Gehirn längst aus – nicht aber das Rotorrattern eines Rettungshelis und das Taa-düüü, taa-düü einer Ambulanz; auch nach zehn Jahren nicht.

Dieses dauernde Mitfühlen! Sie kennen es. Gehört wohl einfach dazu, zum Elternsein. Ich weiss doch, dass No news aus dem Pfadilager Good news bedeutet. Dennoch tippe ich alle paar Stunden «Wie gehts denn so?» ins Handy, und erst, wenn irgendwann nach drei Tagen ein mutzes «Alles supi – Akku war leer!» folgt, atme ich kurz auf.

Zugegeben, vorigen Donnerstag habe ich mich noch mal hingelegt, als die Kinder aus dem Haus waren, aber ich konnte nicht mehr einschlafen, denn ich litt mit, wissend, dass Hans um halb acht eine Geografieprüfung zu schreiben hatte. Ich bibberte, ob er den Anteil von Serir und Sebkha, Kies- und Salzwüste, an der gesamten Wüstenfläche der Erde auch ja nicht vertauschte, und ging noch einmal alles durch: die Bildung von Dünen, die Lebensdauer einer Dattelpalme, die … Und dann bin ich doch eingeschlafen.

Es ist schon einige Zeit her, Anna Luna war vielleicht dreizehn und ich im Ausgang, da fragte sie mich am frühen Abend per SMS, wann ich denn heimkommen würde. «So um Mitternacht», antwortete ich und dachte, dass sie dann ohnehin längst schlafen würde. Doch um 00.01 Uhr – ich war auf dem Heimweg – kam bereits ihre Nachricht: «Wo bist du??! Ich mache mir Sorgen!!!» Besagtes SMS habe ich aufbewahrt. Ich gehe davon aus, dass ich bald Gelegenheit haben werde, es ihr zurückzuschicken, wenn sie im Ausgang ist und ich wach liege.

Die Hausmann-Hörkolumne, gelesen von Bänz Friedli (MP3)

Die Hörkolumnen bei iTunes

Die Hörkolumnen mit RSS-Client

www.derhausmann.ch


Sein Facebook-Auftritt

Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli