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02. Mai 2016

Täglich eine Tafel Tschöö

eine Tafel Schokolade
Bänz Friedlis Vater ass jeden Tag eine Tafel Schokolade ...

Nicht, dass Vater ein Schläger gewesen wäre, jedenfalls nicht mehr als alle Väter seiner Zeit. Aber er drohte Schläge an: «… Oder i tunze dir eis!», sagte er, um uns Beine zu machen. Und wir verstanden das Wort aus dem Dialekt seiner Jugend, dem Mattenberndeutschen. «Eis tunze» bedeutete: eine runterhauen, einen Chlapf zum Gring geben. Wörtlich: eins geben.

Zwar stammte er aus der Oberstadt, aber der Slang des Quartiers drunten an der Aare war beliebt unter den Jugendlichen der Vorkriegsjahre, weil er ein bisschen verrucht war. Die Mätteler galten als verwegene, ja rebellische Kerle. Das gefiel auch meinem Vater Klaus, den sie «Chlöde» riefen. In der Matte pflegten und pflegen sie eine lokale Sondersprache, wie es sie auch an anderen Orten im Land teils noch gibt: in der Freiburger Unterstadt, in einzelnen Basler Quartieren, in Bosco/Gurin und im Welschland, wo mancherorts ein lokales Patois gesprochen wird, von dem Auswärtige nur Bahnhof verstehen.

Kolumnist Bänz Friedli
Kolumnist Bänz Friedli (51) ist ein wenig altväterisch

«Tunzen», wie gesagt, hiess «geben». Das brachte Vater dann auch uns Kindern bei. «Tunz mir e Ligu Lehm!» bedeutete: «Gib mir eine Scheibe Brot!» Er liess den Ton seiner Jugend in unseren Familienjargon einfliessen. Zwar wohnten wir auf dem Land, aber wenn wir mit dem Postauto in die Stadt fuhren, hiess es, wir gingen «i d Schtibere», um in der Aare zu baden, «i d Aare ga bajie». Ein Pferd war «e Gleber», «techle» hiess laufen, und wenn man sich etwas anschauen wollte, ging man «ga dr Nisch näh». Wir «Giele» und «Modi» übernahmen Vaters Ausdrücke, und was ein Giel und ein Modi ist, wissen bestimmt auch Sie.

Jahrzehnte später, Sie ahnen es, gab ich die uralten Wörter den eigenen Kindern weiter, wiewohl sie fern der Heimatstadt aufwachsen. Nur bin ich mir bei manchen Ausdrücken nicht mehr sicher, ob die überhaupt ausser mir und meinen Geschwistern noch jemand verstünde? «Es Rääli» – war das nun Mattendialekt oder nur Friedlischer Familienslang für «Restaurant»? Und wenn ich es mir recht überlege, habe ich nie jemand anderen «Tschöö» zur Schokolade sagen gehört ausser meinen Vater. Er ass täglich mindestens eine Tafel Tschöö. So vertraut ist mir der Begriff, dass ich ihn noch heute verwende. Unsere Kinder finden mich dann wohl so kurios altväterisch, wie ich meinen Vater fand.

Geschlagen? Habe ich sie nie. Aber das eine oder andere Mal wird mir – weil man gemeinhin die eigenen Kinder just mit dem nervt, mit dem einen einst die Eltern nervten – die Drohung rausgerutscht sein: «… Oder i tunze dir eis!» Sollten die Kinder es verstanden haben, wussten sie wenigstens, dass ich es nicht ernst meinte.

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli