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04. März 2013

«Syrien geht langsam zugrunde»

Die Bilder aus dem Bürgerkrieg rauben dem syrisch-deutschen Schriftsteller Rafik Schami den Schlaf. Und er kritisiert die schwache Rolle, die in seinen Augen der Westen bei dem Konflikt einnimmt. Dennoch glaubt er, dass Assads Terrorregime gestürzt werden wird.

Rafik Schami
Der syrisch-deutsche Schriftsteller Rafik Schami glaubt, dass Assads Terrorregime gestürzt werden wird. (Bild: Bernhard Kunz/Augenklick/Picture Alliance)

Rafik Schami, Sie veranstalten diese Woche in Zürich, Zug und Basel Lesungen und Benefizveranstaltungen für die syrische Zivilbevölkerung. Was versprechen Sie sich davon?

Eine offene, gnadenlose Diskussion mit dem Journalisten Benedikt Rüttimann, die dem Publikum die Lage in Syrien so klar wie möglich und ohne jede ideologische Benebelung näherbringt. Und als Dank gibt es zum Abschied eine heitere Lesung über das Leben in Damaskus...

... wo Sie aufgewachsen sind. 1970 flohen Sie aus Syrien, um dem Militärdienst und der Zensur zu entgehen. Heute leben Sie als einer der erfolgreichsten Autoren in Deutschland. Können Sie als Autor Ihrer Heimat besser helfen?

Sicher. Zum einen durch Analysen, Kritiken und Vorschläge. Die Freiheit hier und der Zugang zu Information erlauben mir, besser zu formulieren, als wenn ich in der Heimat lebte. Zum anderen durch meinen literarischen Erfolg. Ich erreiche Leserinnen und Leser in 27 Sprachen und bin quasi Kulturbotschafter meines Volkes.

Das Damaskus in Ihren Romanen und Erzählungen zeigt das pralle Leben. Ihre Antwort auf das totalitäre Assad-Regime?

Ich verstehe die Kunst als eine Möglichkeit des Widerstands gegen die Diktatur, überhaupt gegen alles, was den Menschen hässlich macht. Wenn man die Pracht, die Freundlichkeit, die Schönheit einer Stadt besingt und zugleich zeigt, dass diese Stadt gefangen, gedemütigt ist durch die Diktatur, hat man ein Zeugnis gegen die Diktatur abgelegt.

Rafik Schami ist ein Pseudonym. Verstecken Sie sich dahinter?

Nein, um Gottes willen. Erst durch Rafik Schami wurde meine Zunge frei, denn sonst wäre ich ein harmloser Chemiker mit dem Namen Dr. rer. nat. Suheil Fadel geblieben.

Die Erlöse der Veranstaltungen sind für Hilfsprojekte zugunsten der syrischen Zivilbevölkerung bestimmt?

Ja, und wir sorgen dafür, dass das Geld eins zu eins zu den Bedürftigen in den Flüchtlingslagern kommt. Nicht wie bei der Uno, die Assad fast eine halbe Milliarde schenken will, damit er die Flüchtlinge und Bedürftigen noch mehr erpresst.

Sie sind kein Fan des Uno-Hilfsangebots?

Nein, weil das am Ende in den Händen des Präsidenten landet, was wiederum jedwede Sperrung von Konten lächerlich macht. Man sperrt mit Tamtam 100 Millionen auf Assads Konto und überweist ihm leise und schnell 450 Millionen.

Was braucht das syrische Volk derzeit am dringendsten?

Humanitäre Hilfe, die nicht über das Regime, sondern direkt in die Flüchtlingslager kommt. Die Flüchtlinge leben unter unmenschlichen Bedingungen, und diese Misere, diese Demütigung, drückt auch auf die Brust der Opposition und lähmt sie.

Bisher sind im Bürgerkrieg über 70'000 Menschen umgekommen.

Fügt man dieser Zahl die Opfer hinzu, die sein Vater Hafiz al-Assad umbringen liess, erreicht das Verbrechen des Assad-Clans die unvorstellbare Zahl von 100'000 Toten. Die Welt schaut zu und ist noch nicht einmal schlüssig, Assad anzuklagen wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Hier hätte der Westen Rückgrat zeigen sollen.

Sie trauen dem Westen viel zu!

Ja, weil ich erlebt habe, wie der Westen dem Aufstand der Völker in Osteuropa gegen die nuklear bewaffneten Despoten geholfen hat. Ich kenne Tausende gerechter Menschen in Europa, und wenn es derer nur hundert wären, habe ich keinen Anlass zur Verzweiflung.

Carla del Ponte gehört der Syrien-Kommission der Uno an. Sie setzt sich dafür ein, die Verbrechen im Syrienkrieg vor den Internationalen Strafgerichtshof zu bringen. (Bild: Salvatore Di Nolfi/Keystone)
Carla del Ponte gehört der Syrien-Kommission der Uno an. Sie setzt sich dafür ein, die Verbrechen im Syrienkrieg vor den Internationalen Strafgerichtshof zu bringen. (Bild: Salvatore Di Nolfi/Keystone)

Falls Assad noch vor dem Internationalen Strafgerichtshof oder einem Ad-hoc-Gericht, wie Carla del Ponte es vorschlägt, zur Verantwortung gezogen und verurteilt wird, würde das dem syrischen Volk helfen?

Ja, nicht nur dem syrischen, sondern allen Völkern: mitzuerleben, dass diese Verbrecher, gerecht verurteilt, hinter Gitter gehören und dass die Völkergemeinschaft eine Solidargemeinschaft ist.

Sie sind jedoch gegen eine militärische Einmischung von aussen und setzen auf die Kraft der Opposition.

Genau. Wir brauchen keine militärische Hilfe. Eine militärische Einmischung wäre eine Katastrophe, denn dann wird Syrien zu einem zweiten Afghanistan.

Das Regime schoss vor den Augen der Welt auf Zivilisten

Sie glauben tatsächlich, dass die Opposition das Terrorregime aus eigener Kraft zu Fall bringen kann?

Es wird nicht einfach sein, aber die Syrer können das. Sie besiegten elf Monate lang tapfer und friedlich ihre Angst, aber sie konnten damit den Diktator nicht stürzen. Das Regime schoss vor den Augen der Welt auf Zivilisten. Erst die Soldaten und Offiziere, die sich aus der syrischen Armee abgespaltet hatten, konnten Assad in die Schranken weisen und das Land grösstenteils befreien. Aber die zwei wichtigsten Bastionen, Damaskus und Aleppo, sind noch zum grössten Teil unter seiner Kontrolle. Ich glaube nicht, dass eine militärische Lösung bald möglich ist. Die syrische Armee ist zwar zerrüttet, aber sie ist eine Killerarmee, die auf ihren Führer eingeschworen ist, und die 15 brutalen Geheimdienste wüten täglich und töten und foltern, als ob sie nichts verstanden hätten.

Können Sie noch schlafen?

Sehr unruhig, weil ich neben unzähligen, aber notwendigen Interviews in allen Sprachen der Welt hauptsächlich und fast wöchentlich Debatten in einer oppositionellen syrischen Zeitung führe. Es reicht manchmal ein Bild eines getöteten Kindes, und ich liege wach und denke, welche Träume hatte das Kind, welche seine Eltern? Welche Hoffnungen hingen an dem jungen Arzt, den der Geheimdienst erschossen hatte, weil er Verwundeten half? Seit zwei Jahren schreibe ich keine Zeile Literatur, obwohl meine Figuren nach mir rufen.

Was kann der Westen überhaupt tun?

Seinen Prinzipien der Menschenrechte, der Freiheit und der Demokratie würdig werden und aufhören zu heucheln. Die «Freunde des syrischen Volkes» füllen lange Listen, aber sie helfen dem Land real nicht so wie die drei einzigen Assad-Freunde Iran, China und Russland dem Regime helfen. Das muss inzwischen bekannt sein, oder?

Wieso heucheln? Die deutsch-arabische Gruppe «Freunde des syrischen Volkes» bemüht sich doch ernsthaft um den Wiederaufbau Syriens nach einem möglichen Sturz von Assad?

Weil die langen Monate gezeigt haben, dass der Westen kein grosses Interesse an einem Wechsel in Damaskus hat. Mehr als Worte und Versprechungen sowie Bedingungen für jede Art von Hilfe hören und sehen wir nicht. Aber die Kämpfer für Freiheit und Demokratie brauchen Medikamente, Rundfunkstationen, medizinische Instrumente und vor allem eindeutige Hilfe vor Ort. Nichts ist passiert.

Die EU hat doch immerhin das Waffenlieferungsembargo verlängert und prüft, wie die Rebellen mit «nicht tödlicher Ausrüstung» unterstützt werden können.

Das ist die reinste Heuchelei: Zeit schinden zugunsten des Mörders, zuschauen, während ein Völkermord begangen wird, überprüfen und nochmals überprüfen. Frau Merkel überprüft hingegen nicht lange, wenn sie dem saudischen Despoten modernste Waffen liefert.

Das ist ein heftiger Vorwurf!

Wenn man weiss, dass der Westen dem Assad-Regime Waffen und Elektronik liefert — sei es direkt oder über den Iran-Irak-Weg —, dabei aber so tut, als hätte er keine Kontrolle über Waffenlieferungen und dann mit irgendwelchen Konto- und Visasperren protzt, dann ist es eine Heuchelei, eine fast unfreiwillige Komik. Ich fürchte, diese ganzen Pläne der «Freunde des syrischen Volkes» für die Zeit nach dem Krieg sind nur ein Glied in dieser Kette der Unglaubwürdigkeiten. Syrien geht langsam zugrunde.

Der Westen hat kein grosses Interesse an einem Wechsel in Damaskus

Und was ist mit den arabischen Ländern? Von dort kommt doch auch keine Hilfe?

Der Westen wird in seiner Heuchelei nur von den arabischen Regimen übertroffen, welche die Syrer im Stich lassen. Nicht einmal Ägypten, Tunesien oder Libyen helfen.

Welches sind die Interessen der drei Assad-Freunde Russland, China und Iran?

Was wir erleben ist ein Machtkampf in einer der reichsten und strategisch wichtigsten Gegenden der Welt. In Syrien liegt die letzte Bastion der russischen Marine in einem Warmwasserhafen im Mittelmeer, China besitzt durch die Korruption eine führende Stellung auf dem syrischen Markt und den Zugang zu Syriens Bodenschätzen. Und der Iran wird beim Sturz von Assad auf seine Grenzen zurückgeworfen. Er besitzt durch Syrien und die Hisbollah einen wichtigen Brückenkopf gegen Israel. Und die Hisbollah würde bei einem Sturz des Assad-Regimes geschwächt.

Ist es realistisch, dass Assad seine Truppen zurückzieht, das Land verlässt und er durch eine demokratischere Regierung ersetzt wird?

Das ist eine zu schöne Utopie. Ich wäre mit einer viel bescheideneren Entwicklung zufrieden: eine lange Phase unter einer gemischten Übergangsregierung — allerdings ohne den Assad-Clan und ohne die Verbrecher seines Systems, die sich die Hände mit Blut besudelt haben. Diese neue Regierung löst die politischen Geheimdienste auf, baut eine neue Nationalarmee auf. Sie räumt die Trümmer auf den Strassen und in unseren Seelen, baut das Land auf, sorgt durch ruhige und geduldige Arbeit für eine Aufarbeitung der Geschichte, für Verzeihung, aber auch für eine gerechte, unabhängige Justiz. Und sie setzt sich vehement gegen jedwede Rache ein, denn Rache ist der Erzfeind des demokratischen Staates. Dafür würden wir zehn Jahre brauchen. Da wäre ich glücklich.

Benefiz-Lesungen von Rafik Schami:
6.3.2013, 20 Uhr, Zürich, Kaufleuten
7.3.2013, 20 Uhr, Zug, Burgbachsaal
8.3.2013, 19 Uhr, Basel, Literaturhaus

Autor: Daniela Schwegler