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17. Februar 2014

«Ich habe mir die Jobs nie nach der Lohntüte ausgesucht»

Urs Schaeppi ist seit 100 Tagen CEO der Swisscom. Im Interview zieht der Manager eine erste Bilanz, verspricht Preissenkungen beim Roaming und erklärt, weshalb das Surfen im Zug oft so langsam ist.

Swisscom-CEO Urs Schaeppi in seinem Büro
Swisscom-CEO Urs Schaeppi nimmt Kritik und Anregungen von Kunden sehr ernst.

Urs Schaeppi, wann haben Sie sich zuletzt über schlechten Empfang oder langsames Surftempo aufgeregt?

Als ich im Ausland war. In der Schweiz passiert mir das weniger. (lacht)

Jetzt ist erst Mittag, und ich habe mich schon mindestens fünf Mal genervt.

Ich kann nicht leugnen, dass es gelegentlich zu Empfangsproblemen kommt. Deshalb investieren wir jährlich weit über eine Milliarde Franken in die Infrastruktur. Daran lassen wir uns messen.

70 Prozent aller Schweizerinnen und Schweizer haben ein Smartphone. Wäre dem nicht so, führten wir diese Diskussion nicht.

Ja, die Ansprüche sind gestiegen. Als wir vor zehn Jahren mit der UMTS-Technologie das 3G-Internet lancierten, sagten alle: So viel Bandbreite braucht keiner, das ist eine Investitionsruine. Surft man hingegen heute mit Edge, dem Vorgängernetz von 3G, wird man ungeduldig. Die Nutzer wollen heute im Zug surfen.

Können sie aber nicht!

Zum Teil stimmt das leider. Surfen im Zug ist eine unserer grössten Herausforderungen.

Haben Sie dafür eine Lösung gefunden?

Erstens verhindern bedampfte Scheiben, dass das Empfangssignal ins Wageninnere gelangt. Deshalb braucht es Verstärker, die wir derzeit mit unseren Mitbewerbern und den SBB in den Fernverkehrszügen einbauen. Zweitens fahren die Züge mit über 150 Kilometer pro Stunde auf Basisstationen zu, schlagartig nutzen alle reisenden Kunden die gleiche Antenne.

Das sind Erklärungen, aber keine Lösung.

Ich verrate nicht, mit welcher Technologie, aber wir konnten im Rahmen von Pilotprojekten hohe Bandbreiten im Wageninneren bereitstellen. Allerdings sind wir noch weit von der Umsetzung im realen Betrieb entfernt.

Wie viel würde es kosten, das Schweizer Streckennetz damit auszurüsten?

Hunderte von Millionen Franken. Aber auch hier gilt: Sobald die Kapazität vorhanden ist, wird sie genutzt. Wenn jeder einen Fussballmatch oder einen Fernsehkrimi auf dem Handy anschaut, gibt es selbst bei einer Gigabit-Verbindung einen Engpass. Der Datenhunger wächst schneller, als wir Kapazität in die Züge bringen können.

Regen Sie sich über die hohen Ansprüche der Kunden auf?

Nein, im Gegenteil. Das spornt uns an. Unser mittelfristiges Ziel ist, beim mobilen Internet dieselbe Abdeckung wie bei der Telefonie zu erreichen.

Das will die Konkurrenz auch. Im Unterschied zu Ihnen rechnen die Mitbewerber aber nicht nach Surftempo ab. Akzeptieren Ihre Kunden, dass sie das bezahlte Tempo nur im Optimalfall erreichen?

Gemessen an der Nachfrage, ja. So positiv wie unsere Infinity-Tarife wurde bis jetzt noch kein Preisplan angenommen. Der Kunde schätzt es, dass er mit seinem Smartphone für einen Fixpreis unbegrenzt kommunizieren kann.

Schätzt Ihr Kunde auch, monatlich mindestens 100 Franken für eine LTE-Verbindung zu bezahlen, dafür aber manchmal nur das nervige Edge nutzen zu können?

Sie surfen nur noch an wenigen Orten mit Edge. Unsere LTE-Abdeckung mit schnellem Internet konnten wir auf 85 Prozent steigern. Zudem gilt: Wer mehr bezahlt, erhält auch mehr Geschwindigkeit. Egal, ob er 3G oder LTE nutzt.

Swisscom will, dass möglichst jeder Kunde zum Infinity-Tarif wechselt.

Ja, das wäre mein Ziel. Bis jetzt haben 1,7 Millionen Menschen, etwa die Hälfte unserer Kunden, einen Infinity-Tarif.

Comparis liefert den Grund: Kunden bezahlen jährlich 3,1 Milliarden Franken zu viel, weil sie einen unpassenden Tarif gewählt haben.

Der Comparis-Vergleich ist zu theoretisch, weil er wichtige Faktoren wie die Handysubventionen ausblendet. Zudem schwankt das Kommunikationsverhalten der Kunden über einen Monat stark. Deshalb ist es schwierig zu sagen, welches effektiv der richtige Tarif ist.

Seit Einführung des Infinity-Tarifs ist der zu viel bezahlte Betrag um weitere 500 Millionen gestiegen. Mit anderen Worten: Die Hälfte Ihrer Kunden zahlt zu viel.

Das stimmt schlichtweg nicht. Wir haben mit Infinity substanzielle Preissenkungen gemacht. Ausserdem sprechen die durchschnittlichen Umsätze pro Kunde eine andere Sprache.

Also ist der Umsatz pro Kunde gesunken?

Während der ersten neun Monate nach der Einführung war das tatsächlich so, ja.

Und seitdem?

Immer mehr Smartphone-Kunden nutzen das mobile Internet sehr aktiv. Deshalb wechseln sie zu unserem Infinity-Tarif, wodurch der Umsatz pro Kunde seit Juni 2013 wieder gestiegen ist.

Unsere Kunden surfen im Ausland einen Tag lang zum Preis einer Stange Bier.

Einen grossen Betrag spülen trotz Preissenkungen die Roaminggebühren in Ihre Kasse.

Wir bieten mit den Datenpaketen Roamingpreise, die auf EU-Niveau liegen. Aber klar, Roaming bleibt ein Thema, und die Preise werden weiter sinken.

Innerhalb der EU soll das Roaming komplett abgeschafft werden. Gibt es in der Schweiz ähnliche Bestrebungen?

Der Druck ist da. Aber unsere Kunden können schon heute für den Preis einer Stange Bier einen Tag lang im Ausland surfen.

Sieben Franken kostet das Roaming in Europa – eine ziemlich teure Stange!

(lacht) In Skandinavien nicht. Gut, sagen wir vielleicht zwei Stangen. Oder eine Stange plus einen Kaffee obendrauf.

Landen Kundenreklamationen auf Ihrem Schreibtisch?

Ja. Wenn wir wissen wollen, wie unsere Kunden funktionieren, brauchen wir zwingend den Austausch. Ich bekomme Rückmeldungen, positive wie negative. Ich lese alle und sorge dafür, dass sie beantwortet werden. Ich erhalte auch privat ständig Feedback zu unseren Leistungen. Ausserdem bin ich ja selbst auch Swisscom-Kunde.

In welchem Bereich sind Sie mit der Swisscom unzufrieden?

(lange Pause) Ich bin primär Handykunde, die Festnetztelefonie benutze ich praktisch nicht mehr. Ich wünsche mir manchmal mehr Tempo beim Surfen. Wenn das Herunterladen von E-Mails aufs iPad zu lange dauert, nervt das.

Eine Möglichkeit, in Kundenkontakt zu treten, wäre Twitter. Dort sind Sie nicht aktiv.

Bewusst nicht. Ich bin mit Telefonieren und E-Mails so beschäftigt, dass ich nicht auch noch in den sozialen Medien herumturnen will. Ich möchte meine Freizeit lieber für etwas anderes einsetzen.

Zum Beispiel?

Mein Ausgleich ist der Sport. Ich jogge regelmässig, fahre gerne Fahrrad und Ski. Bewegung tut mir gut. In meinen Ferien kann ich nicht einfach am Strand rumliegen.

Swisscom-CEO Urs Schaeppi im Gespräch.
Immer «on»: Urs Schaeppi schaltet sein Handy nie aus.

Aber in die Ferien gehen Sie schon?

Natürlich, das ist mir wichtig. Erholung an sich liegt mir sehr am Herzen. Ich versuche konsequent, meine Freizeit und meinen Schlafhaushalt zu managen. Schlafen ist eine Disziplinfrage.

Sie sind seit 100 Tagen CEO von Swisscom und Chef von 20'000 Mitarbeitenden. Wie fällt Ihr erstes Fazit aus?

Es ist erstaunlich, was sich verändert, wenn die Buchstaben a. i. für ad interim verschwinden. Ich stehe verstärkt im Fokus, Menschen achten darauf, was ich sage und mache. Vom Job her hat sich dagegen nicht allzu viel verändert.

Haben Sie sich bei der Entscheidung, den Job anzunehmen, viel Zeit gelassen?

Ich habe mir das gut überlegt: Will ich das, und traue ich es mir zu? Ich nahm das Angebot an, obwohl ich bei der Freizeit stark Abstriche machen muss.

Wie lange dauert bei Ihnen ein Arbeitstag?

Wenn ich die abendlichen Verpflichtungen dazuzähle, über zwölf Stunden.

Dafür werden Sie gut entlöhnt. Gemäss Geschäftsbericht erhielt der CEO letztes Jahr über 1,8 Millionen Franken.

Ja, das stimmt. Aber ich habe mir die Jobs nie nach der Lohntüte ausgesucht. Mich interessieren die Gestaltungsmöglichkeiten sowie das Umfeld.

Der Suizid von Carsten Schloter war ein Schock für die ganze Schweiz. Wie lange hat es gedauert, bis der Konzern seinen Tod verarbeitet hat?

Das war ein riesiger Schock für alle Mitarbeiter. Niemand konnte diesen Schritt voraussehen. Auch ich nicht, obwohl ich sehr eng mit Carsten zusammengearbeitet habe. Der Verarbeitungsprozess dauerte etwa zwei bis drei Monate. Heute sind wir wieder im Normalbetrieb.

Was unterscheidet Sie von Carsten Schloter?

Ausrichtung und Strategie des Konzerns haben wir gemeinsam erarbeitet. Da stehe ich auch heute noch voll und ganz dahinter. Aber ich führe das Unternehmen sicher anders als Carsten.

Inwiefern?

Wir sind unterschiedliche Charaktere, daher gibt es sicherlich auch Unterschiede im Führungsstil. Die Beurteilung überlasse ich jedoch anderen.

Carsten Schloter konnte gemäss eigenen Aussagen nicht richtig abschalten. Wie ist das Verhältnis zwischen Arbeit und Freizeit bei Ihnen?

Es könnte besser sein. Im Jahr 2013 war ich sehr gut ausgelastet. Künftig soll sich das Verhältnis besser einpendeln. Mein Credo ist: Unter der Woche so viel arbeiten, wie ich kann, und am Wochenende die Freizeit geniessen.

Heisst das, Sie schalten am Wochenende das Handy aus?

Nein, mein Handy bleibt an, und E-Mails lese ich ebenfalls sporadisch. Aber ich versuche, mich nicht mehrere Stunden hinzusetzen, und spare mir keine Arbeit fürs Wochenende auf. Am Freitagabend sollte das Pult geräumt und alle Pendenzen erledigt sein. Das ist mein Ziel; leider erreiche ich es nicht immer.

Autor: Reto Vogt

Fotograf: Ruben Wyttenbach