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18. Januar 2016

Der quälende Wunsch nach Klarheit

Ruedi Berlinger zieht es immer wieder in den Wald. Dorthin, wo sein Vater starb. Karl Berlinger war Pilot der Swissair-Maschine, die 1970 bei einem Bombenattentat in Würenlingen AG abstürzte. Sein Sohn möchte endlich mehr über die Rolle der Behörden nach dem Terrorakt erfahren. Zum Porträt oben Bilder vom Absturzort und dem Denkmal.

Ruedi Berlingern im Wald bei Würenlingen.
Traurige Erinnerungen: Ruedi Berlinger besucht die Absturzstelle bei Würenlingen regelmässig.

Wenn sich Ruedi Berlinger (53) dem Unterwald bei Würenlingen AG nähert, kommen ihm die Tränen. «Innerlich bin ich fast am Explodieren», sagt er, wirkt dabei aber kontrolliert ruhig. Eigentlich würde er seine tief sitzende Wut am liebsten hinausschreien. Dieses bestimmte Waldstück besucht er regelmässig, meist mit seiner Frau Manuela (53). Dort erinnert ein schlichtes Denkmal mit den Namen aller ­Toten an die Ereignisse vom 21. Februar 1970. An jenem Samstagnachmittag schlug eine Coronado CV-990 der Swissair auf dem Waldboden auf und hinterliess eine fast 100 Meter lange Schneise. Im Laderaum war eine Bombe explodiert. Den Absturz des Flugs SR 330 von Zürich nach Tel Aviv überlebte keiner der 38 Passagiere und keines der 9 Besatzungsmitglieder. Auch Pilot Karl Berlinger nicht, Ruedis Vater.

Wald in Würenlingen AG
Von der einst 100 Meter langen Schneise im Unterwald bei Würenlingen nach dem Swissair-Absturz ist heute nichts mehr zu sehen.

«Dieser Wald in Würenlingen bringt mich immer wieder in meine Vergangenheit zurück», sagt Berlinger. Seit jenem Wintertag hat er keinen Vater mehr. Er war fast acht Jahre alt, als Polizisten an der Haustür klingelten und seine Mutter darüber informierten, dass ihr Mann nicht mehr zurückkehren würde. Es flossen viele Tränen. Die vier Kinder gingen tagelang nicht in die Schule. Eine psychologische Betreuung gab es damals nicht.

Ruedi, seine beiden älteren Schwestern und sein Bruder wuchsen als Halbwaisen auf. Die väterliche Hand habe überall gefehlt. Immerhin kümmerte sich die Swissair finanziell um die Hinterbliebenen. In den Medien wurde der Terroranschlag breit geschlagen. Heute weiss man, dass er gegen einen Flug der israelischen Fluggesellschaft El Al gerichtet war. Weil sich dieser stark verspätet hatte, wurde eine Postsendung auf den Swissair-Flug SR 330 umgeleitet: Darin befand sich die Bombe.

Aufgrund von Drohungen wurden die Ermittlungen eingestellt Zum Anschlag bekannte sich die Volksfront für die Befreiung Palästinas. Ruedi Berlingers Mutter, die 2010 starb, wollte mit ihren Kindern nie mehr über das Unglück reden. Es sei vorbei und zu vergessen. Trotzdem kann der Sohn das Attentat nicht aus seinem Gedächtnis streichen. Er fragt sich noch heute, weshalb zwei Jordanier, die schon bald unter Verdacht standen, nie verhaftet und vor Gericht gestellt worden sind.

Ruedi Berlinger vermutet, dass die palästinensische Seite die Schweizer Regierung unter Druck gesetzt hat. In der Einstellungsverfügung heisst es, im Zusammenhang mit dem Bombenanschlag seien «erpresserische Drohungen gegen die schweizerischen Behörden erfolgt». Bei einem Verzicht auf die Strafverfolgung der Jordanier sollten die Schweiz und die Fluggesellschaft Swissair von weiteren Terroranschlägen verschont bleiben. «Sogar von der Zahlung angeblicher Schutzgelder ist die Rede», schreibt die NZZ 2014.

Neue Hoffnung schöpft Berlinger nun mit der Publikation des Buchs von NZZ-Reporter Marcel Gyr, «Schweizer Terrorjahre». Darin wird erwähnt, dass es 1970 geheime Verhandlungen zwischen einem einzelnen Bundesrat und der PLO gegeben habe. Diese Verhandlungen könnten eine Erklärung dafür sein, dass die Bundesanwaltschaft die Untersuchungen im Fall Würenlingen im November 2000 definitiv eingestellt hat.

«Ich freue mich auf das Buch. Ich weiss nicht genau, was drinsteht, obwohl ich den Reporter mehrmals getroffen und ihm mein gesammeltes Material gezeigt habe. Aber ich denke, das Buch enthält brisante Neuigkeiten.» Berlinger verbindet damit den Wunsch, dass «sich endlich aufklärt, warum es nie zu einem Gerichtsverfahren gekommen ist». Würden die Schuldigen beim Namen genannt, könnte die Gerechtigkeit doch noch siegen, sagt er. Zu Lebzeiten seiner Mutter wäre diese Offensive undenkbar gewesen, weil sie weiteres Nachfragen abgelehnt hätte.

Berlingers Glaube in die Schweizer Politik wurde mit dem Swissair-Grounding endgültig erschüttert. Nie hätte er damit gerechnet, dass der Staat «das Aushängeschild für Schweizer Qualität», wie er es nennt, hängen lassen würde. «Als kleiner Bürger hat man gegen die da oben keine Chance», sagt er nüchtern.

52 Kinder haben beim Absturz in Würenlingen einen Elternteil verloren. Ohne die Gewissheit, dass die Verantwortlichen doch noch für ihre Taten büssen müssen, werden die seelischen Wunden von Ruedi Berlinger wohl nie richtig heilen.

Buch: «Schweizer Terrorjahre – Das geheime Abkommen mit der PLO», Marcel Gyr, Verlag NZZ, ab 21. Januar bei Ex Libris erhältlich für 28 Franken.

Autor: Reto E. Wild

Fotograf: Gian Marco Castelberg