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04. Juli 2016

Suizid kann jede Familie treffen

Es gibt Zeichen, die auf ein Suizidrisiko hindeuten, sagt Konrad Michel (68), Psychiater und Experte für Suizidprävention. Doch diese sind schwer zu erkennen.

Konrad Michel
Konrad Michel ist Psychiater und Experte für Suizidprävention

Konrad Michel, was machen hinterbliebene Angehörige nach einem Suizid durch?

Die ewige Frage, was in dem Betroffenen vorgegangen ist, quält sie. Angehörige geben sich Mitschuld, empfinden aber auch Wut. Ein Gefühl, das die meisten verschweigen. Manche werden selbst suizidal.

Weshalb mischen sich die Gefühle?

Jeder Suizid hat unterschiedliche Aspekte. Suizidale Menschen leiden meistens an sich selber. Für Angehörige ist ein Suizid aber oft auch ein egoistischer Akt. Der Betroffene denkt in dem Moment nur an sich und nicht an die Folgen für die Umgebung. Das ist für Angehörige oft nicht nachvollziehbar und kann sehr verletzend sein.

Wie trauern Menschen, die einen derart existenziellen Schock erleben?

Trauern ist etwas sehr Persönliches. Manche Menschen sind zuerst wie versteinert. Andere rutschen in eine Depression ab. Männer und Frauen trauern unterschiedlich. Das führt in Familien oft zu Problemen. Denn während Frauen eher das Gespräch und Unterstützung suchen, neigen Männer dazu, sich zurückzuziehen.

Könnte da nicht Anteilnahme aus dem Umfeld helfen?

Ja, nur weiss die Umgebung oft nicht, wie damit umzugehen. Nicht selten kommt der Gedanke: Mit einer Familie, in derein Suizid passiert, stimmt etwas nicht. Dieser Schluss liegt zwar nahe, ist aber falsch. Ich habe immer wieder völlig normale und unauffällige Familien betreut, in denen sich Jugendliche das Leben genommen haben. Ein Suizid kann jede Familie treffen.

Was gäbe Halt?

Wertfreie Unterstützung durch Mitmenschen, die nicht meinen, Erklärungen geben zu müssen. Letztlich ist auch für Nahestehende nicht wirklich nachvollziehbar, was in einem Menschen in der suizidalen Krise wirklich abgelaufen ist. Es bleiben immer offene Fragen. Damit muss man leben.

Wie ist das zu schaffen?

Die meisten Angehörigen brauchen therapeutische Unterstützung. Eine Therapie kann helfen, das Unfassbare besser einzuordnen. Auch nach einem derart drastischen ­Ereignis muss irgendwann das Leben der Angehörigen wieder weitergehen. Schuld­gefühle führen nicht weiter. Man muss einen Weg finden, mit vielen unbeantworteten Fragen zu leben.

Wo finden Hinterbliebene Beistand?

Selbsthilfegruppen haben eine wichtige Funktion, desgleichen Bücher und Literatur zu diesem Thema.

Wie kann man einem Suizid vorbeugen?

Wenn jemand Andeutungen macht, sich zurückzieht oder in einen depressiven Zustand gerät, kann dies auf ein Suizidrisiko hindeuten. Leider behalten suizidale Menschen ihre Absichten allzu oft für sich. Ich wünschte mir, dass Menschen mit Suizidgedanken häufiger fachliche Hilfe suchten. Auf der Internetsite www.ipsilon.ch etwa gibt es entsprechende Hinweise. Die Dargebotene Hand und das Berner Bündnis gegen Depression geben Rat. Auch der Hausarzt kann eine erste Anlaufstelle sein.

Autor: Ernst Weber