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10. März 2014

Suizid: Experte im Interview

Der Thuner Psychiater und Suizidexperte Konrad Michel über Prävention, Trauerarbeit und Therapiemöglichkeiten.

Konrad Michel (66) ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und führt eine eigene Praxis.
Konrad Michel (66) ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und führt eine eigene Praxis.

Konrad Michel, im weltweiten Vergleich sterben in der Schweiz relativ viele Menschen durch Suizid. Gibt es dafür Erklärungen?

Es gibt Vermutungen. Vieles hat mit der gesellschaftlichen Einstellung zu tun. Die Schweiz ist relativ liberal, das schliesst die Freiheit jedes Einzelnen ein, über sein Leben selbst zu bestimmen. In den Mittelmeerländern, wo die christliche Religion noch eine grössere Rolle spielt, ist die Suizidrate tiefer. Hinzu kommt die soziale Integration des Einzelnen. Während in südlichen Ländern der familiäre Zusammenhalt stark ist, ist in der Schweiz der Individualismus ausgeprägt.

Zwischen 1991 und 2011 ist die Suizidrate aber deutlich gesunken – von 20,7 auf 11,2 pro 100’000 Einwohner.

Eine Erklärung liegt darin, dass das Bundesamt für Statistik die Zahlen zur passiven Sterbehilfe seit 2009 nicht mehr einkalkuliert. Das sind rund 350 bis 400 Fälle pro Jahr. Dazu kommt, dass die Suizidrate in den letzten 20 Jahren langsam zurückgegangen ist.

Gibt es Gründe dafür?

Es hat eine gewisse Sensibilisierung in der Bevölkerung stattgefunden. Man sucht sich jetzt bei Depressionen eher fachliche Hilfe. Hilfreich ist auch, dass bestimmte Suizidhotspots wie Brücken inzwischen vielerorts gesichert wurden und die Berichterstattung der Medien zurückhaltender geworden ist.

Berichte in den Medien können tatsächlich weitere Suizide auslösen?

Ja, das ist erwiesen. Problematisch sind aber vor allem sensationell aufgemachte Artikel wie früher im «Blick». Schlagzeilen von Schülern, die sich wegen schlechter Schulnoten von einer Brücke gestürzt haben – manchmal sogar mit Bild vom Tatort –, sind fatal.

Bei vielen anderen Themen scheint der Einfluss der Medien gering, warum sind hier die Folgen so direkt und dramatisch?

Suizidgedanken sind in der Bevölkerung weit verbreitet. Man schätzt, dass über 50 Prozent aller Menschen schon mal darüber nachgedacht haben, in Momenten, in denen es ihnen richtig schlecht ging. Natürlich sind die meisten dennoch weit weg davon, diese Idee in die Tat umzusetzen. Aber bei jenen, denen es so schlecht geht, dass sie sich konkrete Gedanken machen, kann ein solcher Artikel der Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt. Gerade wenn die Umstände auf einen selbst passen. Deshalb sollten Medienberichte diesbezüglich möglichst zurückhaltend sein.

Weltweit ist die Zahl der Suizide gestiegen, und das obwohl immer mehr Menschen materiell besser leben. Eigentlich paradox, oder?

Das hat damit nichts zu tun. Es führen viele Faktoren zu einem Suizid – nur weil es materiell besser geht, wird das Leben nicht einfacher, zwischenmenschliche und persönliche Probleme gibt es immer. Oft spielen negative, insbesondere traumatische Erfahrungen in der Kindheit eine Rolle. Menschen, die solches erlebt haben, sind emotional weniger stabil und können deshalb weniger gut mit Krisen umgehen.

Was können Angehörige oder Freunde tun, wenn sie Signale bekommen, dass jemand Suizidgedanken hat?

Sie in jedem Fall ernst nehmen. Die Person vorsichtig darauf ansprechen, wie es ihr geht, Anteil nehmen, versuchen, mehr zu erfahren und sie zu überzeugen, Hilfe zu suchen – beim Hausarzt, einem Psychotherapeuten oder auch der Notfallabteilung eines Spitals. In grösseren Spitälern ist es Alltag, dass mitten in der Nacht Suizidgefährdete von einem Freund oder Angehörigen vorbeigebracht werden.

Wie therapieren Sie Menschen, die einen Suizidversuch hinter sich haben?

Wer so was einmal gemacht hat, ist auch in Zukunft gefährdet und braucht spezialisierte Behandlungsprogramme. Wir loten mit den Leuten die Hintergründe für den Suizidversuch aus und schauen den Ablauf der Handlung ganz genau an. Wir zeigen ihnen auf, welche Warnzeichen es gibt, und erarbeiten Strategien, wie sie künftig rechtzeitig reagieren können, bevor es wieder so weit kommt. Meist läuft es darauf hinaus, dass sie sich in so einer Situation an eine Vertrauensperson wenden müssen.

Wie helfen Sie Angehörigen, mit dem Suizid einer geliebten Person umzugehen?

Wenn man jemanden durch Suizid verliert, beginnt eine komplizierte Form der Trauerarbeit. Praktisch alle Angehörigen fühlen sich schuldig, haben das Gefühl, sie hätten etwas merken müssen, helfen können. Wir versuchen, mit ihnen ganz sachlich anzuschauen, was passiert ist, und geben ihnen Informationen aus der Suizidforschung. Etwa, dass viele sich vor der Tat zurückziehen, nicht über ihre Probleme reden und einen Tunnelblick entwickeln, der keine andere Lösung mehr als sinnvoll erscheinen lässt. Die emotionale Seite, die eine kurzfristige Lösung für eine unerträgliche Situation sucht, wird dermassen dominant, dass vernünftige Gedanken, die das ganze in eine grössere Perspektive setzen könnten, gar nicht mehr durchkommen. Hingegen weiss man von Leuten, die von einer Brücke gesprungen sind und überlebt haben, dass sie im letzten Moment dachten: Mein Gott, was habe ich da getan? Da schaltet sich dann plötzlich die Vernunft doch wieder ein. Oft reduzieren sich nach solchen Informationen die Selbstvorwürfe und Schuldgefühle der Angehörigen. Aber einige Leute kommen auch nie darüber hinweg.

Ist es für Angehörige einfacher, wenn sie die Gründe für den Suizid kennen, etwa durch einen Abschiedsbrief?

Nicht wirklich. Weil diese Briefe oft aus dieser Tunnelblickperspektive verfasst wurden, die sich für Aussenstehende kaum nachvollziehen oder akzeptieren lässt. Es bleiben auch dann immer viele Fragen offen.

Sie haben selbst vor zwölf Jahren Ihren Sohn durch Suizid verloren. Wie haben Sie das verarbeitet?

Es war eine absolut traumatische Erfahrung. Obwohl ich mich schon zuvor fachlich mit dem Thema beschäftigt hatte, war ich nicht weniger hilflos als alle anderen. Die Unterstützung durch Freunde war extrem wichtig und hat über die schlimmsten Zeiten hinweggeholfen.

Generell scheint das Thema sehr tabuisiert. Woher kommt das?

Das liegt auch daran, dass sich alle immer als Erstes fragen, wer wohl am Suizid schuld sein könnte und eine Erklärung oft bei schwierigen Familienverhältnissen vermuten. Deshalb halten sich Angehörige meist lieber bedeckt, und als Aussenstehender weiss man nicht, ob und wie man das Thema ansprechen soll – und lässt es dann lieber ganz. Hinzu kommt das generelle Stigma psychischer Gesundheitsprobleme, die oft Hintergrund von Suiziden sind. Es geistert noch immer die falsche Vorstellung herum, dass psychische Probleme etwas sind, das «normale» Leute nicht haben. Je mehr die Menschen über diese Dinge wissen, desto eher wird sich das Tabu auflösen.