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02. Dezember 2013

Suisse ganz miniature

Ein Restaurant, eine Kapelle, zwei Ställe, zwei Ferienhäuser und vier Einwohner – das ist Zumdorf im Urner Urserental, das kleinste Dorf der Schweiz.

Die vier Einwohner von Zumdorf: 
Andreas und Isabella Schmid-Steinbauer mit ihren Söhnen 
Eric und Janik.
Die vier Einwohner von Zumdorf: 
Andreas und Isabella Schmid-Steinbauer mit ihren Söhnen 
Eric und Janik.

Zumdorf, kleinstes Dorf der Schweiz» wirbt die Tafel an der Hauptstrasse selbstbewusst für die kleine Häusergruppe auf 1500 Metern. Eine Kapelle, ein Restaurant, zwei Ferienhäuser und zwei Ställe. Mehr gibt es nicht. Hier, im Urner Urserental, wohnt die vierköpfige Wirtefamilie Schmid, die einzigen ganzjährigen Bewohner von Zumdorf.

Köniz ist die grösste Gemeinde der Schweiz
Köniz ist die grösste Gemeinde der Schweiz (Bild: Suisse-image.ch).

REKORDVERDÄCHTIGE DÖRFER
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«Weisst du eigentlich, dass du im kleinsten Dorf der Schweiz wohnst?», hätten ihn die Urner immer wieder gefragt. Irgendwann wollte es Andreas Schmid (43) genau wissen. Er klopfte beim Basler Geschichtsprofessor Martin Schaffner an, der die Geschichte des Urserentals über Jahrzehnte erforscht hat (siehe Interview Seite 37). Als genügend Fakten auf dem Tisch lagen, schritt der Wirt zur Tat und stellte besagte Tafel auf.

Um 1900 war Zumdorf komplett ausgestorben

Stattliche 50 Einwohner zählte das Zumdörfli, ehe es 1851 unter einer gewaltigen Lawine verschüttet wurde. Drei Einwohner kamen dabei ums Leben. Andere zogen weg, sodass das Dörfchen 20 Jahre später gemäss Volkszählung auf 13 Seelen geschrumpft war. Immer mehr Bewohner zogen ins benachbarte Hospental, dem Zumdorf 1888 per neuer Kantonsverfassung politisch zugeteilt wurde. Und um 1900 herum war Zumdorf komplett ausgestorben.

Hildegard und Peter Schmid-Portmann, Andreas Schmids Eltern, bauten 1981 das Restaurant «Zum Dörfli».
Hildegard und Peter Schmid-Portmann, Andreas Schmids Eltern, bauten 1981 das Restaurant «Zum Dörfli».

Bis die Familie Schmid es wieder aus dem Dornröschenschlaf erweckte. Die Schmids gehören seit je zum Dorf wie die Kirche. Ihr Vorfahre, der Architekt Bartholomäus Schmid, hatte die Kapelle mit dem wertvollen Ritz-Altar 1720 errichtet. Jahrhunderte später verliebte sich sein Nachkomme Peter Schmid, Gastwirt in Hospental, wieder in den unterdessen verlassenen Flecken, wo er schon als Bub Kühe gehütet hatte. Und so erbauten er und seine Frau Hildegard dort 1981 das Restaurant «Zum Dörfli». «Meinen Eltern hatte der Ort gefallen», sagt Andreas Schmid, «sie wollten etwas machen. Gerade auch für die vielen Langläufer, die im Winter am Dörfchen vorbeikommen.» 1993 übergaben die Eltern Kochlöffel und Betrieb ihrem Sohn, dem leidenschaftlichen Koch, eingefleischten Jäger und damals noch Junggesellen. Als drei Jahre später Isabella Steinbauer (37), die charmante Serviertochter aus der Steiermark, mit dem Glacierexpress anreiste, war es bald um den Wirt geschehen. Die österreichische Verstärkung wollte zwar auf der Stelle umkehren. «Als ich Ende Juni in Hospental aus dem Zug stieg, lag zentimeterhoch Schnee. Ich hatte nur Sommerkleider dabei und wäre am liebsten gleich wieder in den Zug gestiegen.» Die Wirtin in der rot-weissen Dirndlbluse lacht herzhaft. Um den jungen Gastwirt Andreas herum wurde es ihr dann aber bald warm ums Herz. «Andreas war Liebe auf den ersten und das Urserental Liebe auf den zweiten Blick», sagt sie und schmunzelt. Und so blieb Isabella. Inzwischen 17 Jahre.

Erste Taufe eines Zumdorfers nach 103 Jahren

Isabella Schmid am Taufstein, wo ihre beiden Kinder getauft wurden.

Isabella Schmid am Taufstein, wo ihre beiden Kinder getauft wurden.

Sohn Eric kam im Juni 2001 zur Welt. «Nach 103 Jahren wurde er als erster Einwohner wieder in unserer prächtigen Barockkapelle getauft», erzählt die Mutter stolz. «Dass ein neuer Zum-dörfler hier aufwächst, kommt einem Jahrhundertereignis gleich.» Vier Jahre später wurde Janik geboren. Womit Zumdorf wieder auf vier Bewohner angewachsen war.

Blick auf Zumdorf im Süden Uris: Eine Kapelle, ein Restaurant, zwei Ferienhäuser und zwei Ställe.
Blick auf Zumdorf im Süden Uris: Eine Kapelle, ein Restaurant, zwei Ferienhäuser und zwei Ställe.

«Einzig im Winter bei grosser Lawinengefahr müssen die Buben manchmal in Hospental übernachten», sagt Isa-bella. Die Heimfahrt nach der Schule unter den steilen, schneebeladenen Nordhängen des stotzigen Winterhorns hindurch wäre dann zu gefährlich. Um ein Haar gerieten die Buben vorletzten Winter in eine Lawine, die auf die Hauptstrasse niederdonnerte, kurz bevor der Schulbus die Strasse passierte. Vor gut 100 Jahren ist Zumdorf in einem Reiseführer als «schlimmes Rüfen- und Lawinengebiet» beschrieben worden. Heute jedoch stemmt sich oberhalb des Dorfs ein dichter Waldkeil gegen die Schneemassen am Berg. Und in der Kapelle wacht der Heilige St. Nikolaus, der Schutzpatron vor Lawinen, Bergstürzen und Feuer, über die Zumdorfer. Die Familie Schmid hofft auf weitere Unterstützungsmassnahmen, darunter die 500 Meter lange Strassengalerie zwischen Hospental und Zumdorf, die als Plan schon längst in den Schubladen der Kantonsregierung ruht. Und zu deren Realisierung nur noch die Gelder gesprochen werden müssen.

Denn Zumdorf soll weiterhin Geschichte schreiben. Als Dorf, das lebt. Mit einer Gastwirtschaft im Herzen, die dereinst vielleicht von den Söhnen der Familie übernommen wird. «Aber das ist Zukunftsmusik», sagt Vater Schmid und lacht sein verschmitztes Lachen.

Autor: Daniela Schwegler

Fotograf: Samuel Trümpy