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07. November 2011

Süsser als Rache

Wer anderen verzeiht, tut auch sich selbst einen Gefallen. Denn wer auf Rache sinnt, bewirkt mit seinem Verhalten vor allem eins: Er verdirbt sich sein eigenes Leben.

Süsser als Rache
Verzeihen ist gesünder für alle Beteiligten: Einfacher geht es, wenn das Gegenüber aufrichtige Reue für sein Verhalten zeigt (Foto: Emilie Duchesne).

Schon für den indischen Freiheitskämpfer Mahatma Gandhi war klar: «Der Schwache kann nicht verzeihen. Verzeihen ist eine Eigenschaft des Starken.» Tatsächlich glauben viele Menschen, dass Verzeihen ein Zeichen von Schwäche ist. «Das Gegenteil ist jedoch der Fall», betont Mathias Allemand vom Psychologischen Institut der Universität Zürich. Sein Forschungsgebiet: das Verzeihen. «Verzeihen erfordert Stärke, um mit dem erlebten Unrecht abzuschliessen.»

Und genau darum geht es beim Verzeihen. «Verzeihen hilft geschehenes Unrecht zu verarbeiten, loszulassen und allenfalls in den eigenen Lebenslauf zu integrieren», sagt der Zürcher Persönlichkeits- und Entwicklungspsychologe.

Mit dem Verzeihen übernimmt die betroffene Person wieder die Verantwortung für ihr Wohlbefinden. Sie lässt nicht mehr zu, dass andere Menschen oder Ereignisse ihr Leben dauerhaft beeinträchtigen. Denn das passiert bei nachtragenden Menschen. Sie behindern durch ihre permanenten Rachegedanken ihr eigenes Leben. Der erste Gedanke am Morgen beim Aufstehen gilt dem vermeintlichen Feind, ebenso der letzte Gedanke beim Zubettgehen. Ein ganzes Gedankenkarussell dreht sich um das erlittene Unrecht und die Person, die es verursacht hat. Wertvolle Energie verpufft dabei, denn Groll ist ein schlechter Ratgeber.

Verzeihen ist eine Eigenschaft des Starken.

«Wenn Menschen im Alltag ständig darüber nachdenken, wie sie sich für das erlittene Unrecht rächen könnten, kostet das viel Zeit und Energie», erklärt Mathias Allemand. Darum gilt für die betrogene Ehefrau: Verzeihen Sie Ihrem Ehemann und werfen Sie ihn erst danach aus der Wohnung. Das hält gesund. Studien zeigen nämlich, dass sich Verzeihen positiv auf die Gesundheit und das Wohlbefinden auswirkt. Es weist negative Gefühle, Gedanken in die Schranken und hilft, blockierende Verhaltensweisen wie das dauernde Grübeln über die Kränkung zu vermeiden. Die Energie kann stattdessen wieder in das eigene Leben investiert werden. «Verzeihen heisst aber nicht, dass wir das erlebte Unrecht gutheissen, billigen oder rechtfertigen», sagt Mathias Allemand.

Frauen sind eher bereit zu verzeihen als Männer

Dabei zeigt sich, dass Verzeihen allgemein leichter fällt, wenn das Gegenüber für sein Verhalten aufrichtige Reue zeigt. Was auf der «Opfer»-Seite das Verzeihen ist, ist auf «Täter»-Seite das sich Entschuldigen. Bereits Kinder sollten deshalb üben, «Entschuldigung» zu sagen, so Mathias Allemand. «Es ist sinnvoll, wenn Kinder früh lernen, sich für begangenes Unrecht zu entschuldigen.» Ein Kind lerne so, dass die eigenen Handlungen Konsequenzen haben und sich manchmal für andere Personen negativ auswirken. Ältere Menschen und Frauen seien übrigens eher bereit zu verzeihen als jüngere Menschen und Männer, weiss Experte Allemand.

«Verzeihen geschieht oft auch, ohne dass die verursachende Person sich entschuldigt und Reue zeigt», erläutert Allemand, «zum Beispiel, wenn die Person bereits gestorben ist.» Verzeihen bedeutet nicht unbedingt, dass man sich versöhnt. Zum Verzeihen braucht es nur eine Partei, zur Versöhnung hingegen beide.

UMFRAGE

Es ist menschlich, Fehler zu machen. Deshalb ist das Verzeihen wichtig.

Roy Guntlen (Foto: M. Zilm)
Roy Guntlen

Roy Guntlen (25), Zivildienstler, Buchrain LU: «Es ist menschlich, Fehler zu machen. Deshalb ist Verzeihen wichtig. Ohne würde es nicht funktionieren. Mit meiner ExFreundin habe ich jetzt ein gutes Verhältnis, und zwar weil wir uns unsere Fehler verziehen haben.»

Simone Buck
Simone Buck

Simone Buck (33), Hausfrau, Rotkreuz ZG: «Verzeihen tut gut. Da ich sehr harmoniebedürftig bin, verzeihe ich oft, vor allem auch kleine Sachen. Manchmal verletzt man auch jemanden, ohne es zu merken. Niemand ist perfekt, und jeder verdient eine zweite Chance.»

Matthias Bertschi
Matthias Bertschi

Matthias Bertschi (20), Haustechnikplaner, Zofingen AG: «In der Beziehung bin ich nachtragend, ansonsten kommt es drauf an, worum es geht. Ich kann auch mit etwas abschliessen, ohne zu verzeihen. Der Nachteil ist aber, dass ich so den Kontakt zu vielen Menschen verliere.»

Andrea Imfeld
Andrea Imfeld

Andrea Imfeld (21), Studentin, Lungern OW: «Ich habe noch nie eine Extremsituation erlebt, bei der Verzeihen schwierig war. Bei kleinen Dingen ist Verzeihen wichtig. Nachtragende Menschen machen sich das Leben schwer und sich bei den Mitmenschen unbeliebt.»

Ich bin eher nachtragend. Das schützt mich vor Verletzungen.




Julian Underwood
Julian Underwood

Julian Underwood (38), Freischaffend, Zürich: «Unverarbeitetes ist sehr belastend. Hingegen zeugt es von Grosszügigkeit, wenn man verzeihen kann. Und schliesslich ist jeder froh, wenn einem eine Dummheit verziehen wird.»

Odile Portmann
Odile Portmann

Odile Portmann (67), Rentnerin, Littau LU: «Man sollte verzeihen, solange man lebt. Danach ist es zu spät. Und falls sich jemand nicht entschuldigt, obwohl man es sich wünscht, soll man nicht nachtragend sein und einfach vergessen können.»


Fred Ruf
Fred Ruf

Fred Ruf (72), Rentner, Wabern BE: «Wenn man so alt ist wie ich, ist man froh, wenn sich alles zum Guten wendet. Ich kann gut verzeihen. Ich muss mich schon häufig entschuldigen, weil ich die Leute mit meiner direkten Art oft vor den Kopf stosse.»

Kowsar Dawood
Kowsar Dawood

Kowsar Dawood (22), Verkäuferin, Bern: «Verzeihen kann man alles, manchmal geht es aber nicht sofort. Wichtig ist für mich, dass die Entschuldigung aufrichtig ist. Ich wurde bereits zweimal in meinem Leben verletzt, entschuldigt hat sich die jeweilige Person aber nie. Das hindert mich aber nicht, damit abzuschliessen.»

Erich Ramseier
Erich Ramseier

Erich Ramseier (54), Angestellter, Forch ZH: «Ich verzeihe gerne und bin eher der Typ, der Streit aus dem Weg geht. So habe ich momentan keine Rechnungen offen. Es bringt nichts, auf seiner Meinung zu beharren. Lieber sollte man über seinen eigenen Schatten springen.»

Regula Meyer
Regula Meyer

Regula Meyer (33), Geografin, Zollikofen BE: «Ich bin eher nachtragend. Bei kleinen Sachen lohnt es sich aber nicht, nachtragend zu sein. Das macht das Leben nur unnötig schwierig. Trotzdem: Wenn man nachtragend ist, verhindert man, dass man von der gleichen Person mehrmals verletzt wird.»

Autor: Thomas Vogel