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30. Januar 2017

Sturzgefahr im Alter

Bei älteren Menschen nimmt die Sturzgefahr zu. Das liegt am Nachlassen der Kraft und des Gleichgewichts. Doch gerade die Balance lässt sich auch im Alter gut trainieren. Die Tipps und Kontakte.

«Himmel und Hölle» hilfth, die Balance zu üben
Verspieltheit im Alter zahlt sich aus: «Himmel und Hölle» eignet sich gut, um die Balance zu üben. (Bild: Getty Images)

Für Kinder gehören Stürze zur Entwicklung. Sie verursachen zwar Tränen und erfordern auch mal ein Pflästerli, aber die wenigsten Hinfaller haben gesundheitliche Folgen. Für ältere Menschen hingegen enden sie oft tragisch – und vielfach führen sie auf
direktem Weg ins Pflegeheim.

Tatsächlich ist das Alter der grösste Risikofaktor: Kraft und Koordination lassen nach, Schwerhörigkeit und vor allem Sehschwäche erschweren die Orientierung. Zudem beeinträchtigen einige Medikamente, insbesondere Schmerz- und Beruhigungsmittel, den Gleichgewichtssinn.

Das unterstreicht auch die Gesundheitsbefragung des Bundesamts für Statistik (BfS): Bis zum Alter von 74 fallen alle Altersklassen etwa gleich oft hin. Im Schnitt stürzt einer von acht Menschen einmal jährlich und einer von 13 mehrmals jährlich. Ab 75 jedoch verändern sich diese Zahlen dramatisch: Bei den Über-75-Jährigen fällt bereits jeder sechste hin, wobei Frauen deutlich häufiger betroffen sind als Männer: Jede siebte Frau stürzt mehrmals jährlich, während bei den Männern jeder zehnte mehrere Male pro Jahr ungewollten Bodenkontakt hat.

Stürze mit schlimmen Folgen
Die Folgen sind oft gravierend: Tausende von Knochenbrüchen, vor allem an Hüften, Handgelenken, Becken und Wirbelsäule. Im Jahr 2014 wurden in den Schweizer Spitälern allein wegen des gefürchteten Schenkelhalsbruchs 5923 Patienten im Alter von 70 und älter behandelt, wie Erwin Wüest vom Informationsdienst Gesundheit beim BfS sagt. Schenkelhalsbrüche zählen zu den am häufigsten vorkommenden Ursachen bei frühzeitiger Invalidität und Pflegebedürftigkeit.

Nicht selten führen die Stürze auch zum Tod: «1378 Menschen im Alter von 70 Jahren und älter starben 2014 nach einem Sturz», so Erwin Wüest. Meist sterben sie jedoch nicht direkt an den Folgen des Sturzes, sondern an den Komplikationen danach.

Bewegung hilft vorbeugen
Etliche dieser Unfälle könnten verhindert werden. Viel Bewegung fördert nämlich nicht nur Herz-Kreislauf und Muskulatur, sondern auch die Koordination und das Gleichgewicht. «Eine gute Balance hilft, Verletzungen auf allen Altersstufen zu verhindern», betont Pia Fankhauser (53), Vizepräsidentin von Physioswiss, dem Schweizer Physiotherapie-Verband. Denn Balance ist vor allem ein gutes Zusammenspiel von Gleichgewichtssinn, Augen und diversen Muskeln, getragen von Kraft und Koordination.

Zu den Gründen für die zahlreich vorkommenden Brüche zählt die Osteoporose, die nachlassende Knochenqualität: Knochen werden poröser, und schon ein kleiner Stoss kann reichen, um einen Bruch zu verursachen. Wissenschaftliche Untersuchungen beweisen, dass Training bei älteren Menschen eine positive Wirkung auf die Knochenqualität und vor allem auf die Anzahl Stürze hat. Eine Studie der Universität Zürich besagt: «Das Fördern von Bewegung ist per se Unfallprävention. Mehr Bewegung hilft älteren Menschen, unabhängig zu bleiben, und reduziert das Sturz- und Knochenbruchrisiko.»

Training fürs Alter beginnt bereits in der Kindheit. «Kinder, die Koordination geübt haben, sind im Alter wesentlich fitter», sagt Pia Fankhauser. Es liegt also im Interesse aller, dass Kinder vielfältige Bewegungsangebote zur Verfügung haben. «Viele Kinder können heute nicht einmal mehr auf einem Bein stehen.» Wenn die Fähigkeiten erhalten bleiben sollen, könne man nicht früh genug mit dem Training beginnen.

Ein Airbag für die Knochen
Doch was heisst trainieren konkret? Zu Beginn reichen entspannte Spaziergänge auf ebenem Untergrund. Wer sich sicher fühlt, kann sich in unruhigeres Gelände wagen – mit dem passenden Schuhwerk und, bei Bedarf, mit einem Stock. Aber auch gezielte tägliche Übungen fördern die Balance.

Ein weiteres sehr sinnvolles Hilfsmittel sind Hüftprotektoren, eine Art Airbag für Knochen: Sie lassen sich wie herkömmliche Unterwäsche tragen, ihre wirkungsvollen Polster befinden sich genau auf der Höhe der Hüfte. Bei einem Sturz wird die Kraft abgefedert und verteilt – Verletzungen werden reduziert. Allerdings sei die Akzeptanz nicht besonders gross, räumt Fankhauser ein. Schliesslich sollten die Protektoren auch nachts getragen werden, weil ältere Menschen dann oft aufstehen. «Aber wer tut das schon?» 

Übungen für jeden Tag

Wer regelmässig trainiert und Kraft, Stabilität und Gleichgewicht aufrechterhält, bleibt mobil und kann sich die Selbständigkeit bis ins hohe Alter bewahren. Pro Senectute hat zusammen mit anderen Organisationen ein Booklet mit Tipps für ein tägliches Balancetraining herausgegeben. Neben allgemeinen Infos rund um das Thema Fitness finden sich darin einfache Übungen, die helfen, Kraft und Gleichgewicht im Stehen und Gehen zu fördern.

Die Broschüre kann hier bestellt werden: www.sichergehen.ch

Impuls ist die neue Gesundheitsinitiative der Migros.
www.migros-impuls.ch

Autor: Thomas Vogel