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07. September 2015

Stucki Christian fährt Zug

Schwinger Stucki im «Blick»
Der siegreiche Schwinger Stucki im «Blick».

Nicht schon wieder, denk ich, bitte nicht schon wieder! Ein Störenfried lärmt durch den Bahnwaggon, lallt ein ums andere Mal: «Dänn verlangeds na Gäld fürs Altpapier!», weil ihm offenbar eine herumliegende Zeitung missfällt. «… verlangeds na Gäld für dee Säich …»
Man kennt diese Figuren: Kritisieren und predigen und kommentieren auf öffentlichen Plätzen wild drauflos, noch lieber in öffentlichen Verkehrsmitteln, denn da ist für die genötigte Zuhörerschaft kein Entkommen, also hat der Störenfried, was er will: Auf-merk-sam-keit! In den Wagen der Tramlinie, an der ich wohne, fährt oft ein Bärtiger Runden, von einer Endhaltestelle zur anderen und wieder zurück, meist ein Büchsenbier im Anschlag und auch winters stets barfuss in Schlarpen, und ruft seinem Clochard-Look zum Hohn mit gurgelnder Stimme gegen «das Gesindel, das Pack, die Dreckmuslime» aus, «die linken Sauhunde», und der Blocher werde jetzt dann schon aufräumen, jawoll!

Bänz Friedli (50)
Bänz Friedli (50), freudig überrascht.

Bitte nicht schon wieder!, denk ich also, als im Interregio Richtung Flughafen einer zu lallen anhebt. «Sunnigs Tägli, tralla-laa! Ja, gäll: Das Wandern ist des Müllers Lust … Aber dänn verlangeds na Gäld fürs Altpapier.»
Kopfschütteln, Tuscheln reihum. Ein älteres Ehepaar neben mir ist halb belustigt, halb peinlich berührt. Sie flüstert: «Ob der wohl ein Billett hat?» Er brummelt: «Bestimmt nicht. Aber einen Knall hat er.» Einer ruft: «Ruhe!», doch der Störenfried stört weiter. «Ja-haa, die Ruhe ist des Müllers Lust, tralla-laa …»

Da! Der Kondukteur. Wird er ihn aus dem Zug werfen? Nein, offenbar präsentiert der fröhliche Störer einen gültigen Fahrausweis, und als der Zugbegleiter schon weiter will, versucht er ihn zurückzuhalten: «Sii, Sii! Han no e Frag …» Vorige Woche wars, Christian Stucki hatte am Vortag das Bernisch-Kantonale gewonnen, die Zeitung mit seinem Bild lag auf dem Nebensitz unseres reisenden Alleinunterhalters, und der spielte auf Stuckis Grösse und Leibesfülle an. «Sii! De Schwingerstucki, wie vil Sitzplätz muen dee zahle, wänn er do ie chunnt?» Der Kondi ist schon halb zur Tür raus, der wird den Laferi wohl lafern lassen … «Säged Sii! wie vil Sitzplätz muen dee …» Da dreht der Kondi sich um und sagt gelassen: «Mit oder ohni Muni?»

Schallendes Gelächter im ganzen Waggon, der lallende Störenfried ist baff. Er wurde nicht ignoriert, hat auch keine Zurechtweisung bekommen. Alle sind erleichtert, der Kontrolleur hat die ganze Beklemmung, die zuvor im Gefährt herrschte, mit seinem Schalk weggezaubert. Ich möchte ihm dafür danken.

Bänz Friedli live: 7. 9. St. Gallen, 9. bis 12. 9. Bern, 13. 9. Solothurn, 15. 9. Lenzburg AG.

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli