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01. Mai 2017

Volle Kraft voraus!

die Luft zu Ferienbeginn noch dick
Endlich zusammen unterwegs, doch zu Ferienbeginn stehen die Eltern manchmal noch etwas neben sich (immerhin: nebeneinander / Bild: Pixabay.com).

Die ersten beiden Tage sind immer die schlimmsten. Echt jetzt. Es passiert jedes Mal, wenn Herr Leinenbach und ich verreisen. JEDES VERDAMMTE MAL. Das war schon so, als wir noch kinderlos waren. Und ich vermute, das wird auch noch so sein, wenn wir mit unseren Enkeln verreisen werden. Was genau? Nun, wir zanken uns die ersten 48 Ferienstunden nonstop. Es geht los, sobald wir die Koffer aus der Wohnung rollen, wir giften uns erst auf dem Bahnsteig und etwas später am Flughafen an.

Der erste Tag in Kalifornien? Forget it! Der Start in Stockholm? Öh Gött! Madeira? Portwein, bitte! Sogar die Reise nach München war am Anfang wie eine TV-Folge Schlammcatchen (nur ohne Schlamm). Wenn wir mit dem Auto verreisen, ist es übrigens noch schlimmer, da man ja schlecht schnell mal aussteigen kann. Unsere Streitthemen variieren von «Wer hätte eigentlich die angebrochene Milch, die noch im Kühlschrank stand, ausleeren müssen (hat es aber offensichtlich verpennt)?» über «Wer ist schuld, dass einer der Boardingpässe unauffindbar ist?» bis hin zu «Ich wäre eigentlich viel lieber in die Wärme gefahren, aber du wolltest ja ans Nordkap».

Warum müssen wir beide uns immer erst wie zwei Mühlsteine aneinanderreiben, bis der Staub rieselt? Warum müssen wir die Voodoopuppe des anderen immer mit Nadeln spicken, wenn doch gerade die schönste Zeit im Jahr begonnen hat? Zumal uns am dritten Tag IMMER zuverlässig einfällt, wie gerne wir uns eigentlich haben? Könnte man das Gezeter nicht einfach überspringen? Honeymoon, now, oder so?

Die Antwort ist (glaube ich zumindest) simpel. Stellen Sie sich bitte zwei sehr grosse, hochseetaugliche Schiffe vor. Diese Ozeanriesen pflügen normalerweise durch die Weltmeere und trotzen jedem Sturm. Von jetzt auf gleich sollen die Dampfer aber anhalten und auf dem Meer einen Parkplatz suchen. Denn: Ferienzeit! Viel Spass beim Bremsen, sage ich nur.
Die Entschleunigung gelingt erfahrungsgemäss schneller, wenn ein gewisser Widerstand vorhanden ist. Warum also nicht auf Kollisionskurs mit diesem anderen Schiff gehen? (Stimmt, man könnte auch wahlweise einen Eisberg rammen. Aber wir wissen ja, wie das enden kann.)

Genau. Herr Leinenbach und ich, wir sind wie diese Frachter. Im Alltag managt jeder von uns erfolgreich seinen Bereich. Er weiss, wie der Herd funktioniert, ich kenne die Schuhgrössen der Kinder. Er kann Falten in Hemden bügeln, ich kann Falten aus Hemden bügeln. Er liebt mich, ich liebe ihn. Und das schon seit zwanzig Jahren. Wir ergänzen uns echt prima. In den Ferien fallen aber unsere angestammten Ressorts weg. Plötzlich kann und weiss jeder alles (besser als der andere). Erst wenn der Alltagsstress von uns abgefallen ist, wenn wir nicht mehr funktionieren müssen, wenn es egal ist, wer von uns recht hatte oder hat, wird alles gut.
Parkieren. Mitten auf dem Ozean. Schöne Ferien!

Autor: Bettina Leinenbach