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09. Dezember 2013

Streben nach Sinn

Selbstverwirklichung statt Altersvorsorge: Für die Vertreter der Generation Y verwischen sich Arbeit und Freizeit. Spass und Sinn stehen im Vordergrund. Vier Porträts von Jungen, die heute Karriere machen, mit ausführlichen Interviews.

Sie sind anspruchsvoll und wollen einen abwechslungsreichen Job: Das ist das Profil der von Soziologen bezeichneten Generation Y (im Englischen «why», warum). Zur Generation Y gehören die zwischen 1980 und 2000 Geborenen. Sie lösen die Generation X (Jahrgänge 1960 bis 1980) ab. Elena Hubschmid, Dozentin an der wirtschafts und sozialwissenschaftlichen Fakultät der Uni Bern, hat ihre Doktorarbeit zur Generation Y verfasst. «Die Generation Y definiert heute die Arbeitswelt neu, hinterfragt Dogmen und stellt neue Regeln auf», sagt sie. «Die ‹Ypsiloner› wissen, was Spass im Job bedeutet, und stellen Arbeit nicht der Freizeit gegenüber.»

«Arbeiten ist heute Selbstverwirklichung»

Allmählich erklimmen diese «Ypsiloner» nun die Karriereleiter und stellen Arbeitgeber vor neue Herausforderungen. Denn das Prinzip «Schaffe, schaffe, Häusle baue», wie es der Schwabe zu sagen pflegt, ist längst veraltet. «Heute geht es um mehr als geregeltes Einkommen. Arbeiten ist nicht nur Mittel zum Zweck, sondern Selbstverwirklichung», sagt Christian Herren, der schon mit 21 Jahren ein Kunstmuseum geleitet hat. Er ist einer von vier jungen Überfliegern, die das Migros-Magazin getroffen und nach ihren Erfolgsrezepten befragt hat. Sie sind alle unter 30 und haben bereits Erfolge erzielt, von denen andere in dem Alter nur träumen. Die erfolgreichen Jungen haben vor allem eines gemein: Ihr Job ist ihr Lebenssinn. Dafür nehmen sie auch 13-Stunden-Tage in Kauf.

So wie der 29-jährige Bardhyl Coli, der mit acht Jahren aus dem Kosovo in die Schweiz kam und schon früh wusste, dass er Hoteldirektor werden wollte. Er findet: «Wer ein klares Ziel vor Augen hat, kann das auch erreichen.» Heute ist er Direktor im Waldhotel Davos. Er lebt für seine Arbeit. Auch Nadine Masshardt, die jüngste Nationalrätin der Schweiz, sieht ihren Beruf als Berufung. Und der 25-jährige David Bachmann möchte hoch hinaus: In fünf Jahren will der erfolgreiche Jungunternehmer finanziell ausgesorgt haben, um sich auf globale Projekte zu konzentrieren. Zu jedem Porträt findet sich am Schluss ein Link zum jeweiligen Interview.

«Ich war schon immer eine Händlernatur

Hat sich noch nie für eine Stelle beworben: Christian Herren, bereits mit 21 Kunstkurator und Unternehmer.
Hat sich noch nie für eine Stelle beworben: Christian Herren, bereits mit 21 Kunstkurator und Unternehmer.

Alles begann mit dem alten Globus seiner Grossmutter: Er weckte in Christian Herren das Interesse für Ahnenforschung, Geschichte und Kunst. Schon mit 13 Jahren arbeitete er in einem Auktionshaus in Bern, vier Jahre später eröffnete er seine eigene Galerie. Nach der Matura begann er ein Kunstgeschichte-Studium in Basel. Kurz vor dem Bachelor-Abschluss unterbrach er das Studium, um als jüngster Museumsdirektor der Schweiz die Bromer Art Collection in Roggwil BE zu lancieren. Heute arbeitet Herren als freier Kurator und eröffnet im kommenden Jahr zusammen mit drei Partnern einen neuen Kunstraum in Bern. Auch ein eigenes Modelabel ist in Planung.

«Als ich acht Jahre alt war, verkaufte ich Bärlauch auf der Strasse, um mir meine Teddybärsammlung zu finanzieren. Mit 12 begann ich, Kunst an- und weiterzuverkaufen. Heutzutage muss man sich früh für einen Weg entscheiden, gleichzeitig ist die Konkurrenz viel grösser geworden. Arbeiten ist heute nicht nur Mittel zum Zweck, sondern Selbstverwirklichung, die Tätigkeit ist viel wichtiger als das Einkommen. Ich sehe die Kunst als meine Berufung. Zu meinen Anstellungen bin ich nur gekommen, weil ich stets meinen Interessen gefolgt bin. Ich war einfach zielstrebig und hartnäckig.» Zum Interview

«Man kann immer von vorne anfangen»

Jungunternehmer David Bachmann im Showroom von Suitart.
Jungunternehmer David Bachmann im Showroom von Suitart.

Nach dem Gymnasium jobbte David Bachmann bei einer Warenannahme. Da wurde ihm klar: Er will nie angestellt sein, sondern sein eigenes Unternehmen gründen. Das Wissen dazu eignete er sich mit zwei Semestern Wirtschaftsstudium und einem Workshop für Jungunternehmer an. Vor vier Jahren gründete er mit einem Geschäftspartner das Unternehmen Suitart, das in Europa produzierte Massanzüge anbietet. Was ohne Startkapital begann, ist heute ein KMU mit 15 Verkaufsstandorten und über 100 Mitarbeitern, Lizenzpartnern und Investoren.

«Bei der Arbeit vergesse ich oft die Zeit, weil sie mir Spass macht und ich mit Herzblut dabei bin. Ich nehme unser Unternehmen nicht als Job wahr, ich versuche eher, das Unternehmen zu formen. Mit 30 will ich finanziell unabhängig sein und mich auf globale Projekte wie Wasserversorgung oder Bildung konzentrieren. Das Wort Karriere ist für mich kein relevanter Begriff, man kann immer wieder von vorne anfangen. Eine Grundvoraussetzung für Unternehmertum ist es, Optimist zu sein. Meinen Erfolg messe ich nicht an Geld, sondern an glücklichen Mitarbeitern.» Zum Interview

«Negative Schlagzeilen haben mich motiviert»

Wollte früh sein eigenes Hotel: Bardhyl Coli im Weinkeller des Waldhotels Davos.
Wollte früh sein eigenes Hotel: Bardhyl Coli im Weinkeller des Waldhotels Davos.

Bardhyl Coli kam mit seiner Familie 1991 vom Kosovo in die Schweiz. Dass er dereinst ein Hotel leiten würde, wusste er schon als Teenager. Um seinen Traum zu verwirklichen, schloss er zwei Berufslehren als Servicekraft und Koch ab, liess sich zum Sommelier ausbilden, kellnerte in einem Londoner Luxushotel und besuchte die Hotelfachschule. Bevor Coli vor einem Jahr das Waldhotel Davos mit rund 50 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern übernahm, war er stellvertretender Hoteldirektor in Berlin Mitte.

«Mein Motto ist: ‹Wer ohne Ziel losläuft, braucht sich nicht zu wundern, wenn er nicht ankommt.› Weil ich ein Immigranten­kind bin, ist mir Karriere wahnsinnig wichtig. Ich wollte meiner Nation zeigen, dass in der Schweiz alles möglich ist. Negativschlagzeilen über Migranten haben mich immer motiviert. Erfolg ist meine Motivation, er macht mich glücklich. Für mich zeichnet sich der Erfolg durch Leidenschaft und überdurchschnittlichen Einsatzwillen aus. Ich bin sehr stolz, dass ich bereits mit 28 Jahren dieses Hotel führen durfte. Dieser Job ist meine Berufung.» Zum Interview

«Politik ist kein ­Ego-Job»

Mit viel Engagement an die politische Spitze: Nadine Masshardt an ihrem Arbeitsort, dem Nationalratssaal im Berner Bundeshaus.
Mit viel Engagement an die politische Spitze: Nadine Masshardt an ihrem Arbeitsort, dem Nationalratssaal im Berner Bundeshaus.

Nadine Masshardt hat einen grossen politischen Rucksack: Nach der Matura trat sie der SP bei. Bereits mit 20 gehörte sie dem Stadtrat Langenthal an, mit 21 wurde sie ins Berner Kantonsparlament gewählt. Masshardt studierte Geschichte und Philosophie an der Universität Freiburg. Seit März 2013 ist sie die derzeit jüngste Nationalrätin und arbeitet neben ihren zahlreichen ehrenamtlichen Engagements ‒ unter anderem als Co-Präsidentin des WWF Kanton Bern ‒ als Projektleiterin für eine Kommunikationsagentur.

«Ohne mein Team wäre ich heute nicht Nationalrätin. Denn Politik ist kein Ego-Job. Mein Umfeld spornt mich immer wieder an, im Gegenzug kann ich ihm einen Einblick in meine Arbeit als Politikerin ermöglichen. Meine Motivation ist es, mitzubestimmen und etwas zu verändern ‒ hin zu mehr sozialer Gerechtigkeit und zur Energiewende. Meine politischen Grundsätze versuche ich auch im Alltag umzusetzen: Ich fordere, was ich lebe, und lebe, was ich fordere. Das Wichtigste an meiner Arbeit als Nationalrätin ist nicht der Status, sondern die Verantwortung, die ich dadurch erhalte. Zum Ausgleich plane ich bewusst Zeitfenster ein, in denen ich auf dem Handy nicht erreichbar bin.» Zum Interview

Autor: Silja Kornacher

Fotograf: Tanja Demarmels