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10. September 2012

Stille Helden

Ein brennendes Haus, ein wild gewordener Stier, ein sinkendes Schiff ‒ wo Personen in Not sind, gibt es oft auch Menschen, die helfen, ohne lange nachzudenken. Beherzt retten sie Leben und bringen sich dabei selbst in Gefahr. Sie sind die stillen Helden, Schutzengel aus Fleisch und Blut.

Manuela Furrerund Angela Kempter
Manuela Furrer (links) und Angela Kempter vor 
dem Haus, das nach dem Brand neu erbaut wurde.

Meistens liest man über ihre Taten nicht mehr als eine kleine Randnotiz in der Zeitung. «Mann aus brennendem Auto geholt» zum Beispiel oder «Kind aus Fluss gerettet — Helfer tot». Leben retten kann lebensbedrohlich sein, oft ist Wasser oder Feuer im Spiel. Was die Geschichten verbindet, ist, dass die Retter nicht gezögert haben, ihr Leben für einen ­anderen Menschen aufs Spiel zu setzen. Sie sind keine Profis und völlig unverhofft und un­vorbereitet in diese Situa­tion gelangt, in der sie dann intuitiv das Richtige getan ­haben. Edith Graf-Litscher, SP-Nationalrätin aus dem Kanton Thurgau und Präsidentin der Carnegie-Stiftung Schweiz (siehe Box Seite 14), sagt: «Spontan zu helfen und dabei das eigene Leben aufs Spiel zu setzen, ist nicht selbstverständlich. Man hört ja immer wieder von ­Vorfällen, wo Menschen ­einfach tatenlos zuschauen — etwa wenn jemand auf offener Strasse überfallen oder zusammengeschlagen wird. Helfen setzt Solidarität voraus, ­also eine grundsätzliche Lebenseinstellung, dass einem das Wohl der Mit­menschen wichtig ist.»

Auch die Retter brauchen lange, um das Erlebte zu verarbeiten

Nicht alle der angefragten Lebensretter erklärten sich bereit, die Geschichte noch einmal zu erzählen und sich so ins Schaufenster zu stellen — einer sagte: «Als mir der mit Geld dotierte Preis der Carnegie-­Stiftung zugesprochen wurde und die Medien darüber berichteten, gab es plötzlich Stimmen im Umfeld, die ­meinten, ich würde aus dem Ereignis Kapital schlagen oder mich einfach zu sehr exponieren.» Ähnliches erlebte ein junger Mann, der einem Kind das Leben gerettet hatte. Edith Graf-Litscher ­findet: «Es ist bedauerlich und absurd, Rettern Profilierungsabsichten zu ­unterstellen. Ich erlebe sie alle als sehr zurückhaltend. Noch nie ist einer von sich aus auf uns zugekommen, um zu ­sagen, er oder sie habe die Auszeichnung verdient — wir werden ja aufgrund der Polizeiprotokolle auf die Retter aufmerksam. Und: Auch die Retter brauchen oft sehr lange, um das Erlebte zu verarbeiten.»

«Es hat uns zusammengeschweisst»

Das Einfamilienhaus in Beringen brannte lichterloh.
Das Einfamilienhaus in Beringen brannte lichterloh.

15. Juni 2011, Beringen SH +++ Feuer in einem Einfamilienhaus +++ Frau im 1. Stock gefangen +++ Die Nachbarinnen Manuela Furrer und Angela Kempter eilen mit Leiter zu Hilfe

Manuela Furrer sass mit ihrer zehnjährigen Tochter am Wohnzimmertisch und löste Hausaufgaben. Als ihr Blick nach draussen schweifte, meinte sie, beim Nachbarhaus Dampf zu sehen. Doch dann fielen Vorhänge runter — und ihr war schlagartig klar: Da brennts! Die 40-Jährige eilte nach draussen. Näher beim Nachbarhaus, erkannte sie, dass es im Wohnzimmer sogar lichterloh brannte. Weil kein Auto vor dem Haus stand, dachte sie, immerhin sei niemand zu Hause.

Doch in dem Moment kam eine andere Nachbarin an­gerannt, Angela Kempter, ­rufend und gestikulierend. Nun sah auch Manuela Furrer, dass die Bewohnerin am Fenster des Schlafzimmers im oberen Stock stand. Die ­beiden Helferinnen überwanden einen hohen Zaun (Furrer: «Wie das ging, kann ich mir heute nicht mehr erklären.»), packten die Leiter, die im Garten lag, und hofften, dass die Nachbarin in ihrer Panik nicht vorzeitig aus dem Fenster sprang. Dass die beiden sich selber in Gefahr begeben hatten, war ihnen zwar bewusst, «aber man ­zögert keine Sekunde, wenn man ein Menschenleben retten kann», erklärt Manuela Furrer, die schon lange bei den Samaritern aktiv ist. Es kam alles gut: Ihre Nachbarin konnte sich über die Leiter ins Freie retten, und die Feuerwehr rückte an. Sie kam mit einer leichten Rauchvergiftung und einem Schock davon. Manuela Furrer und Angela Kempter blieben bei ihrem Einsatz unverletzt.

Im Nachhinein erfuhren sie, dass eine defekte Stromleitung den Brand verursacht hatte. In der Stras­se sei man später auf die Idee gekommen, eine Liste zu erstellen mit allen Handy- und Geschäftsnummern der Männer. «Das Bewusstsein wird durch ein solches Ereignis schon geschärft», sagt die dreifache Mutter Manuela Furrer. «Zeuseln ist seither absolut tabu.» Aber das Ereignis habe sie alle enorm ­zusammengeschweisst.

Franz Janka und Andreas 
Roth
Franz Janka (links) und Andreas 
Roth auf der Wiese, wo damals der Stier angriff.

«Dass man hilft, ist doch selbstverständlich, oder?»

Zeitungsausriss über die Muniattacke
Auch die Medien berichteten über den Vorfall. Das Ehepaar Roth sah sich nach der unerwarteten Publizität mit Ressentiments konfrontiert.

22. September 2010, Obersaxen GR +++ Stier greift Mann an und verletzt ihn schwer +++ Nachbar eilt zu Hilfe +++ Beide leben noch

Zwei Jahre ist es her, dass Franz Janka in Obersaxen von einem wilden Stier angegriffen wurde. Janka ist nicht etwa ein unerfahrener Wanderer — er lebt im Ort und hat selber Schafe.

An jenem Septemberabend schaute er bei der Mutterkuhherde eines Bekannten noch einmal nach dem Rechten und putzte die verstopfte Tränke. Das passte dem Stier, der mit der Herde auf der Weide war, nicht. Er umkreiste die eingezäunte Tränke und Janka und muhte bedrohlich. Der Bauer und Familienvater Andreas Roth, der soeben zu Hause angekommen war, sah das und erkannte sofort: Da stimmt etwas nicht. Er suchte einen Stecken, um Janka zu Hilfe zu eilen. Da entfernte sich der Stier etwas von der Tränke — Janka dachte, das sei der richtige Moment, um zu fliehen. Er wagte es. Doch der wild gewordene Stier war schneller. Er rammte Franz Janka und trat mehrmals auf ihn ein. Andreas Roth versuchte, den Stier mit Brüllen und Fuchteln von Janka abzubringen. Doch der stiess den kräftigen Mann den Hang hinunter, 200 Meter weit. Janka glaubte nicht mehr ans Überleben. Doch plötzlich entfernte sich der Stier. Roth eilte dem Angegriffenen zu Hilfe und rief die Ambulanz.

Der Befund: neun gebrochene Rippen, ein angerissener Wirbel und eine kaputte Schulter. Sie schmerzt zwar noch heute, aber Franz Janka lebt. Ende gut, alles gut?

Nicht ganz. Das Ehepaar Roth sah sich nach der unerwarteten Publizität — Andreas Roth war 2010 für den Prix Courage der Zeitschrift «Beobachter» nominiert — mit Ressentiments konfrontiert. «Das hat uns überrascht», sagt der mutige ­Retter, «denn dass man in ­einer solchen Situation hilft, ist doch selbstverständlich, oder?»

Ursula und Hans-Ulrich Erb an 
Bord ihrer Segeljacht «Nils».
Ursula und Hans-Ulrich Erb an 
Bord ihrer Segeljacht «Nils».

«Jemand rief: ‹Ich kann nicht mehr›»

19. Juni 2011, mitten auf dem Bodensee +++ Sturm kommt auf +++ Motorjacht kentert +++ 12 junge Menschen über Bord +++ Hans-Ulrich und Ursula Erb bringen sich bei der Rettungsaktion selber in Lebensgefahr

«Mein erster Gedanke war, bei diesen hohen Wellen können wir niemanden auf die Segeljacht hieven. Ich dachte, die Rettungskräfte zu alarmieren, sei die einzige Hilfe, die wir bieten können. Aber dann hörte ich, wie jemand ‹ich kann nicht mehr› rief. Instinktiv wussten wir, was zu tun war.» Hans-Ulrich und Ursula Erb segelten letztes Jahr auf dem Bodensee zufällig an der Stelle vorbei, an der ein Sturm zuvor eine Motorjacht zum Kentern gebracht hatte, und retteten zwölf Menschen das Leben. Die Verunglückten trieben, weit voneinander entfernt, sechs Kilometer vom Ufer weg im 17 Grad kalten Wasser – seit einer halben Stunde und ohne Schwimmwesten. Ihre Kräfte schwanden, sie klammerten sich an alles Mögliche.

Obwohl die Erbs drei Notrufe abgesetzt hatten, kam anderthalb Stunden lang keine Hilfe. Hätten sie nicht entschlossen gehandelt — die zwölf jungen Menschen hätten ab diesem Abend vermutlich als verschollen gegolten. Ein Drama, das die Schweiz und Deutschland über Wochen beschäftigt hätte. So gab es nur eine kleine Meldung in der Regionalzeitung.

Ein gutes Jahr später schauen Hans-Ulrich und Ursula Erb mit grosser Dankbarkeit zurück: «Man stellt sich vor, wie es gewesen wäre, wenn wir nicht alle hätten retten können. Die Belastung wäre ungeheuer.» Das Ehepaar ist in der Zwischenzeit mehrfach geehrt worden, so auch mit der Rettungsmedaille des Landes Baden-Württemberg. Mit den Geretteten sind sie heute noch in Kontakt. Eine von ihnen, die 29-jährige Lina Segelbacher, sagte anlässlich der Ehrung: «Im Nachhinein ist es fast unvorstellbar, wie es überhaupt möglich war, bei diesem Wellengang alle zwölf an Bord zu holen und damit allen Verunglückten das Leben zu retten. Mit einem völlig überladenen Schiff habt ihr den Hafen von Horn angesteuert. Euer ‹Nils› (die Jacht, Anm. der Red.) wurde schwer von uns beansprucht, alles wurde durch uns unter Wasser gesetzt und geschunden durch unser permanentes Erbrechen.» Dem Migros-Magazin schreibt sie: «Das Schiff der Erbs schwankte sehr stark, wir hatten alle panische Angst, dass auch dieses wieder kippen könnte. Obwohl wir die Erbs nicht kannten, hatte ich Ursula instinktiv vertraut, als sie mir immer wieder sagte, dass ‹Nils› nicht kippen könne und ich keine Angst mehr haben müsse. Im Nachhinein haben wir erfahren, dass Ursula nicht gut schwimmen kann.» Lina Segelbacher und der ebenfalls gerettete Marius Reichle haben am 9.7.2011 geheiratet — strahlende Ehrengäste waren Hans-Ulrich und Ursula Erb.

Autor: Esther Banz

Fotograf: Samuel Trümpy