Archiv
05. Dezember 2016

Stille Freude

Bob Dylan
Respekt für einen, der nicht tut, was die Öffentlichkeit von ihm erwartet.

Punkt eins kann ich abhaken: «Erstens fordere ich, dass Bob Dylan endlich den Literaturnobelpreis erhält», schrieb ich hier im Februar 2015. Und er wird ihn erhalten, am 10. Dezember, in Stockholm. Nur: Dylan wird nicht dort sein. Er fühle sich geehrt, liess er nach Wochen des Schweigens wenigstens verlauten, sei aber zu beschäftigt, um den Preis persönlich entgegenzunehmen.

Bänz Friedli (51)
Bänz Friedli (51) gönnt Bob Dylan den Nobelpreis.

Undankbarer Kerl!, hiess es allenthalben. Da werden ihm als erstem Rockmusiker höchste literarische Weihen zuteil, und er lässt die Verleihung schnöde aus … Verdient hat er den Preis, keine Frage. Sein Sprachrhythmus, ­seine Stimmungsbilder, sein ­Erzählen, das so innig ist und dem Zuhörer doch so viel Raum lässt – unerreicht. Fast ­beiläufig schildert er menschliche Abgründe, unbarmherzig verdichtet er Gefühle des Hasses und der Liebe, und manches hat er in einer einzigen Zeile gehaltvoller ausgedrückt als andere auf 600 Seiten. Kaum eine Lebenssituation, zu der mir kein Dylan-Song einfiele. Und entdecke ich einen aus dem Fundus neu, muss ich ihn während Monaten immer und immer wieder hören, zuletzt «Don’t Fall Apart on Me Tonight».

Was wohl mein Vater, der Deutschlehrer, von der Preisvergabe gehalten hätte? Er starb, als ich ein Bub war. Nach der Beerdigung stand ich vor der Kirche, das ganze Dorf zog an mir vorbei und wollte die Trauer in meinen Augen sehen. Doch ich weinte nicht. Und seither bin ich skeptisch gegenüber Erwartungen, wie es gefälligst in einem Menschen auszusehen habe. Die Trauer kommt erst auf, wenn einen keiner mehr beobachtet und auch niemand mehr versteht, dass man noch immer trauert.

Und das ist das Grossartige an Dylans Verweigerung: dass er denen, die ihn auszeichnen, die Gelegenheit versagt, sich mit ihm zu schmücken. Einem, der nicht tut, was die Öffentlichkeit von ihm erwartet, gebührt Respekt. Als Kariem Hussein eben Europameister über 400 Meter Hürden geworden war, wollte ein Reporter ihn jubeln sehen. Der Athlet hatte jahrelang darauf hingearbeitet, hatte sich auf den einen Moment konzentriert – und sollte nun sogleich gelöst sein? Hussein sagte: nichts. Ausser, dass er momentan «einfach leer» sei. Irritierend ehrlich. ­Jubeln auf Knopfdruck, Tränen vor laufender Kamera – das kennen wir zur Genüge. Aber man muss Regungen nicht mit der ganzen Welt teilen.

Er habe von seinem Judolehrer gelernt, sagte mir einst ein Freund, «nicht alle Freude aufs Mal rauszulassen», sonst habe er sie ja nicht mehr in sich drin. Und wissen Sie, was? Ich glaube, Bob Dylan freut sich über den Preis. Still und leise.

Bänz Friedli live: 7. 12. Zürich, 8./9. 12. Winterthur, 17. 12. Arosa

Die aktuelle Bänz-Friedli-Hörkolumne, gelesen vom Autor (MP3)
Abonnieren: Hörkolumnen mit RSS-Client
Website: www.baenzfriedli.ch

Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli