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25. November 2013

«Wir erfüllen fast jeden Tag einen Wunsch»

Seit 20 Jahren erfüllt die Stiftung «Kinderhilfe Sternschnuppe» Wünsche von kranken und behinderten Kindern. Die Co-Leiterinnen Sandra Colombo und Nicole Sami über ungewöhnliche Wünsche, freiwillige Helfer und eine Privataudienz bei Katy Perry.

Sandra Colombo (links) und Nicole Sami von der Stiftung Sternschnuppe
Sandra Colombo (links) und Nicole Sami freuen sich besonders über ungewöhnliche Kinderwünsche.

Sandra Colombo und Nicole Sami ‒ erinnern Sie sich an Ihre eigenen Kinderträume?

Colombo: Ich wollte immer reisen und freute mich sehr, wenn ich in die Ferien durfte. Das Land meiner Träume war Amerika, und mit 16 absolvierte ich dort ein Austauschjahr.

Ist es manchmal nicht schöner, wenn ein Wunsch unerfüllt und als Sehnsucht erhalten bleibt? Oder ist das zu erwachsen gedacht?

Colombo: Das ist ganz klar eine erwachsene Sicht der Dinge, denn bei Kindern ist die Wunscherfüllung total wichtig.

Ihre Stiftung gibt es seit 20 Jahren. Da sind sicher einige Wünsche zusammengekommen.

Colombo: Am Ende dieses Jahres werden es über 1800 Wünsche sein, die wir bisher erfüllen konnten.

Wie gelangen diese Anfragen zu Ihnen?

Sami: Auf unterschiedlichen Wegen. Es gibt ein Onlineformular auf der Website, man kann uns anrufen, ein E-Mail oder einen Brief schreiben. Meist ist es so, dass die Wünsche über Eltern oder andere Bezugspersonen zu uns gelangen. Wichtig ist für uns die Zusammenarbeit mit den Spitälern: Oft sind es Ärzte, Pflegepersonal oder Angestellte der Sozialdienste, die uns von den Herzenswünschen eines Kindes erzählen.

Peter trifft Formel-1-Star Felipe Massa.
Ein lang gehegter Traum geht in ­Erfüllung: Peter trifft Formel-1-Star Felipe Massa. (Bild: Hilfswerk Kinderhilfe Sternschnuppe)

Was sind das zum Beispiel für Wünsche?

Sami: Am meisten freue ich mich, wenn es ungewöhnliche Wünsche sind, die wir so noch nie gehört haben.

Durften Sie dabei sein?

Colombo: Nein, aber unsere Mitarbeiterin, die alles organisiert hatte, war dort.

Ein erfüllter Wunsch kann sehr nachhaltig wirken.

Sie selber wollten nicht?

Sami: Oh doch, das wäre toll gewesen. Aber wir können leider nicht überall dabei sein.

Sophie auf Tuchfühlung mit einem jungen Löwen.
Sophie auf Tuchfühlung mit einem jungen Löwen. (Bild: Hilfswerk Kinderhilfe Sternschnuppe)

Werden Helikopterflüge häufig gewünscht?

Colombo: Ja, dafür gibt es auch eine einfache Erklärung: Meist kommen sie von Kindern, die im Spital sind und den Rega-Heli landen sehen. Da die Rega keine gesunden Menschen transportiert, erfüllen wir diesen Wunsch, indem die Kinder mit ihrer Familie die Rega besuchen dürfen und dann mit einem regulären Helikopter nach Hause geflogen werden.

Bei welchen Wünschen wird es schwierig?

Sami: Manchmal wollen die Kinder einen Superstar treffen. Da kommt es vor, dass wir die Familien teilweise jahrelang vertrösten müssen, weil dieser Star fast unerreichbar ist. Letztlich scheitert es auch ab und zu an den Launen der Stars, die sich dann plötzlich zu müde fühlen, um eines der Kinder zu treffen.

Wie schwierig ist es, an Stars heranzukommen?

Colombo: Wir hatten schon sehr schöne Begegnungen mit Schweizer Prominenten wie Bligg, Géraldine Knie oder Peter Reber. Eher schwierig ist es, internationale Stars wie Heidi Klum oder Robert Redford zu erreichen. Aber wir bleiben dran und sind für jede Hilfe oder für Kontakte dankbar.

Wie schwer fällt es Ihnen, Wünsche nicht erfüllen zu können? Gibt es da manchmal heftige Reaktionen seitens der Kinder?

Sami: Warten ist allgemein nicht die grösste Stärke von Kindern. In den meisten Fällen klappt es aber, auch wenn es zwei Jahre dauert. Wirklich grosse Enttäuschungen gibt es sehr selten.

Was zwingt Sie eher, Wünsche auszuschlagen: fehlendes Geld oder fehlende Möglichkeiten?

Sami: Manchmal haben die Kinder die herzige, naive Vorstellung, dass irgendwelche amerikanischen Superstars bei ihnen zum Znacht vorbeikommen. In solchen Situationen hat es keinen Sinn, wenn wir ihnen das Gefühl vermitteln, dies sei realistisch. Wir versuchen herauszufinden, was möglich ist, und suchen einen Kompromiss.

Wie entscheiden Sie, welche Wünsche erfüllt werden und welche nicht?

Sami: Wir wollen Erlebnisse schenken, die man mit Geld nicht kaufen kann. Ein iPad oder Töffli schenken wir nicht. Ein spezieller Skischlitten für ein gehbehindertes Kind hingegen ist etwas anderes, weil wir damit ein schönes Erlebnis auf der Skipiste ermöglichen können.

Leonardo zu Besuch bei der Flughafenfeuerwehr.
Leonardo zu Besuch bei der Flughafenfeuerwehr. (Bild: Hilfswerk Kinderhilfe Sternschnuppe)

Haben Wünsche von todkranken Kindern Priorität?

Sami: Jedes betroffene Kind hat bei uns einen Wunsch zugute. Natürlich müssen wir darauf achten, gewisse Wünsche möglichst schnell zu erfüllen, weil das Kind es sonst nicht mehr erleben kann.

Berücksichtigen Sie die Einkommensverhältnisse der Familien?

Sami: Für uns ist nicht relevant, ob eine Familie reich oder arm ist. Jede Familie durchlebt das gleiche Schicksal, also soll jedes Kind gleich behandelt werden.

Also könnten Sie sich nur auf die reichen Kids konzentrieren, um mehr Geld hereinzuholen.

Colombo: Das machen wir sicher nicht. Aber falls jemand solche Spenden in Aussicht stellt, gehen wir als Geschäftsleitung dem auf eine sympathische Art nach — damit auch andere Kinder davon profitieren können.

Wir wollen Erlebnisse schenken, die man nicht kaufe. kann.

Die Erfüllung eines einzigen Wunsches pro Kind muss sich doch manchmal anfühlen wie ein Tropfen auf den heissen Stein?

Colombo: Wenn Kinder krank sind und eine längere Phase der Behandlung durchstehen müssen, ist eine Wunscherfüllung in der Zukunft wie ein schönes Ziel in der Ferne. Ist der Wunsch dann erfüllt, ist das manchmal wie der symbolische Abschluss einer Krankheit. So etwas kann sehr nachhaltig wirken.

Letztes Jahr hat die Stiftung 216 Wünsche erfüllt. Das klingt nicht gerade nach viel …

Sami: Wir erleben eher, dass viele erstaunt sind, dass wir fast jeden Tag einen Wunsch erfüllen. Wenn man bedenkt, wie viel Aufwand beispielsweise ein Pippi-Langstrumpf-Fest mit sich bringt, ist das eine Zahl, mit der wir zufrieden sein dürfen.

Einmal Lokiführer sein: Alois im Führerstand eines Zuges der Rhätischen Bahn. (Bild: Hilfswerk Kinderhilfe Sternschnuppe)

Wie gehen Sie mit den Wünschen Ihrer eigenen Kinder um? Erhalten sie die ultimativen Geschenke, da ihre Mütter ja Vollprofis sind?

Colombo: Meine Kinder sind 11 und 13 Jahre alt, ihre Wunschliste hat sich in den letzten Jahren sehr verändert. Sie haben im November und Dezember Geburtstag, daher gibt es meist kombinierte, grosse Geschenke.

Vor einigen Jahren titelte eine Zeitung «Wunderlampe heizt der Stiftung Kinderhilfe Sternschnuppe ein». Wie gross ist die Konkurrenz? Gibt es ein Buhlen um Kinderwünsche?

Sami: Das empfinde ich überhaupt nicht so. Es gibt sogar Wünsche, bei denen wir zusammenarbeiten. Etwa, wenn zwei Kinder den gleichen Star treffen wollen. Was uns vielleicht von anderen unterscheidet, sind die Freizeitangebote, die wir für Familien und Institutionen anbieten.

Rund 70 Freiwillige begleiten die Kinder und ihre Familien während der Wunscherfüllung. Was sind das für Menschen, die jährlich beeindruckende 5000 Stunden freiwillige Arbeit leisten?

Sami: Sehr engagierte Menschen, denen es ein Anliegen ist, anderen Menschen eine Freude zu bereiten. Sie kommen aus allen möglichen Berufen, teilweise sind es auch Studenten und Pensionierte. Diese grosse Bandbreite ist wichtig, weil wir darauf achten, dass die Wunschbegleiter zu den Familien passen.

Wie rekrutieren Sie die Freiwilligen?

Colombo: Da Wunschbegleiter für ihre Arbeit nicht bezahlt werden, müssen sie sich zu allererst freiwillig melden. Sie müssen reisegewandt, belastbar, flexibel und kreativ sein. Und ganz wichtig: Sie müssen sich abgrenzen können, schliesslich werden sie teilweise auch mit happigen Schicksalen konfrontiert.

Sieht man eine Sternschnuppe, so darf man seinen Wunsch nicht verraten. Machen Sie heute eine Ausnahme und verraten Sie uns Ihren Herzenswunsch für die Zukunft?

Colombo: Gesundheit — auch für die Sternschnuppe.

Autor: Nathalie Bursać

Fotograf: René Ruis