Archiv
09. Januar 2017

Steinzeit-Geburten

Mutter mit Neugeborenem
Mutter mit Neugeborenem (Bild: Getty Images)

Meine erste Schwangerschaft liegt neun Jahre zurück, also eine Ewigkeit. Obwohl ich damals wild entschlossen war, mein Kind natürlich zur Welt zu bringen, kam es leider anders. Notkaiserschnitt statt Gebärwanne. Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, was damals alles schiefgelaufen ist. Es war nicht der eine blöde Arzt, nicht der eine auffällige Absacker auf der Wehenkurve. Es waren viele Faktoren.

Heute weiss ich, dass auch ich Fehler gemacht habe. Ich war zu passiv, war schlecht auf die Schmerzen vorbereitet und hatte im Vorfeld zu wenig klar formuliert, was mir wichtig war. Zumal es ihn nicht gibt, den berühmten Königsweg, der allen Frauen ein schönes Geburtserlebnis (inklusive gesunden Säuglings) beschert. Jede Familie muss selbst entscheiden, was ihr wichtig ist. Wenn Sie nun auf das «Amen» warten, müssen Sie sich gedulden. Vorher kommt noch ein «aber».

In den letzten Jahren ist etwas geschehen. Ich kann es nicht exakt erfassen, aber ich glaube, das Pendel hat umgeschlagen. Nein, ich korrigiere mich: Ich habe das Gefühl, das Pendel wurde aus seiner Verankerung gerissen. Es gibt eine zunehmende Zahl Schwangere, die sich bewusst und komplett von der Schulmedizin abwendet. Ultraschalltermine werden nicht wahrgenommen, Wehenschreiber sind Teufelsmaschinen, und die Hebamme darf – wenn überhaupt – nur noch mit dem Hörrohr an den Bauch der werdenden Mutter. Man geht in einen Hypnosekurs statt zur Schwangerschaftsgymnastik. Und das Kind soll in einem aufblasbaren Pool im Wohnzimmer und bei Kerzenschein in die Realität gleiten. Abgenabelt wird nicht, stattdessen tragen die Wöchnerinnen die eigene Plazenta samt Nabelschnur in einem Beutel mit dem Kind herum, bis die Schnur von selbst abfällt.
Neulich schrieb eine Anhängerin dieser (in meinen Augen) steinzeitlichen Philosophie, so lange die Mütter nur in sich hineinhorchen würden, könne während der Schwangerschaft, unter der Geburt und im Wochenbett quasi nichts schiefgehen.

Nochmals, damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich hatte ein traumatisches Geburtserlebnis in einem hochaufgerüsteten Spital. Ich bereue, dass es damals so und nicht anders lief. Und ich bin definitiv für mehr Selbstbestimmung in diesem Bereich. Aber es käme mir nicht in den Sinn, die Zeit um 50’000 Jahre zurückzudrehen.
Ich muss mir nur meine eigene Ahnengalerie ansehen, die ich bis ins 17. Jahrhundert nachverfolgen kann. Viele meiner männlichen Vorfahren heirateten mehrmals, weil ihnen die Frauen wie die Fliegen wegstarben. Meine Ururgrossmutter verblutete 1907 mit 41 Jahren bei der Geburt ihres letzten Kindes. Und eine Tante meines Vaters verlor in den 1950er-Jahren bei der Entbindung ihr Baby. Geburtsstillstand, Sauerstoffmangel beim Säugling, Tod. Ich finde: Wer glaubt, die Natur werde es schon richten, der ist bemerkenswert naiv. Es muss doch einen Mittelweg zwischen diesen Extremen geben, oder etwa nicht?

Autor: Bettina Leinenbach