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30. Januar 2012

Steinwände statt Wellblech

Ein Schweizer hilft, in den Armenvierteln Guatemalas Steinhäuser zu erstellen. Unterstützt wird er von Freiwilligen aus aller Welt.

Stefan Ege mit zwei Bauarbeitern in San Pedro de las Huertas.
Stefan Ege mit zwei Bauarbeitern auf einer eben ausgehobenen Baustelle in San Pedro las Huertas.

Wer als Tourist oder Sprachstudent nach Antigua reist, sieht bunte Häuser, dekorativ zerfallende Kirchen und kann sich am ganzen Charme der früheren spanischen Kolonialzeit erfreuen. Nur gerade eine Viertelstunde ausserhalb des Zentrums bietet sich ein ganz anderes Bild: Erdige Schotterstrassen mit riesigen Schlaglöchern, notdürftig zusammengezimmerte Wellblechhütten mit nacktem Erdboden, viele Hunde, viele Kinder. An den vulkanischen Hängen um die Stadt liegen einige Armenviertel.

Rund die Hälfte der 14 Millionen Einwohner Guatemalas lebt in bitterster Armut, die meisten davon sind Indigene. Das lokale Hilfswerk Constru Casa versucht den Menschen mit besseren Häusern zu helfen. Gut zwei Jahre lang, bis letzten November, war der Schweizer Stefan Ege der Leiter der verschiedenen Bauprojekte in den Armenvierteln des Landes. Pro Jahr entstehen knapp 100 Häuser, finanziert mit Spenden, gebaut von lokalen Arbeitern und Freiwilligen aus aller Welt, die in ihren Ferien etwas Gutes tun wollen, statt an einem Pool zu sitzen und Drinks zu schlürfen.

San Pedro las Huertas bei Antigua.
Der Bau eines Steinhauses in San Pedro las Huertas bei Antigua.

«Volunteers sind für uns ein Weg, mehr Geld zu bekommen und unsere Arbeit via Mund-zu-Mund-Propaganda zu verbreiten», erklärt der 31-jährige Zürcher. «Menschen, die hierher kommen und lokale Familien kennenlernen, sehen, wie das hier läuft, sie vertrauen uns und unserer Arbeit eher – und bei Spenden läuft viel über Vertrauen.» Allerdings hat die Freiwilligenarbeit auch Grenzen: Am meisten Häuser werden um Antigua gebaut. «Die Freiwilligen wollen in der Regel nicht raus aufs Land, denn dort gibts keine Restaurants und komfortablen Hotels, in die man sich nach der Arbeit zurückziehen kann.»

Eine Gruppe, mit der Constru Casa zusammenarbeitet, ist die kalifornische Creating Partnerships for Progress (cpp). Leiterin Angela Wendel sammelt Menschen aus der ganzen Welt zusammen, die sich online bei cpp melden und dann aus ihrer jeweiligen Heimat zu einem bestimmten Zeitpunkt einfliegen, um gemeinsam Häuser zu bauen. «Man braucht dafür keine besonderen Fähigkeiten», erklärt Wendel, die im Oktober mit einer solchen Gruppe in Antigua vier Häuser gebaut hat, darunter Amerikaner, Kanadier und auch Europäer. «Wir bauen unter der Anleitung von Experten. Und jeder kann einen Graben für ein Fundament ausheben oder Steine aufeinander schichten.»

Eine künftige Bewohnerin (rechts).
Rechts Maria Estrela Olayo, die mit ihrer Familie in den fertigen Neubau einziehen wird.

Ein solches Haus entsteht in zwei Wochen: Drei Räume, ein WC, kein Schnickschnack. Lokale Bauarbeiter, die regulär bezahlt werden, sowie ein Helfer aus der Familie, die das Haus danach bewohnt, sind am Bau beteiligt. Contru Casa arbeitet mit anderen Hilfswerken vor Ort zusammen, die näher an den Menschen dran sind und der Organisation die Familien für neue Häuser vorschlagen. Diese müssen am Ende 25 Prozent der Kosten selbst tragen, dürfen sie aber über vier Jahre abzahlen. Umgerechnet sind das etwa 20 Franken pro Monat, rund 10 Prozent eines durchschnittlichen Familieneinkommens. Die Gesamtkosten für ein Haus liegen bei rund 3500 Franken. «Entwicklungshilfeorganisationen haben realisiert, dass es ein Fehler ist, Dinge gratis abzugeben, es funktioniert nicht. Viel wirksamer ist es, wenn sich die Betroffenen mitengagieren», sagt Ege. Die Familie wird nach dem Hausbau vier Jahre lang weiterbetreut, um sie zu unterstützen, auch sonst ihr Leben besser zu meistern und ihnen aus der Armut zu helfen. «Ziel ist, dass die Kinder dieser Familien eine Chance haben, anständige Jobs zu bekommen, und keine Hilfsorganisationen mehr brauchen.»

Entwicklungshelfer Stefan Ege.
Entwicklungshelfer Stefan Ege, hier auf der Baustelle vor einer Wellblech-Behausung.

Ege kam im Jahr 2000 erstmals nach Guatemala, ebenfalls für Freiwilligenarbeit im Zusammenhang mit Häuserbau. Nach dem Ethnologiestudium in Zürich suchte er einen Weg in die professionelle Entwicklungshilfe und erhielt nach einem weiteren Besuch in Guatemala durch Beziehungen das Angebot von Constru Casa als Projektmanager. «Für mich war das eine Chance, ein Einstieg in die Entwicklungshilfe, um erste Erfahrungen in einer Leitungsfunktion zu sammeln», sagt Ege.

Er war zu lokalen Bedingungen angestellt, verdiente 800 Franken im Monat und konnte damit in Antigua ganz komfortabel leben. «Ich habe ein schönes Haus gemietet, konnte in guten Restaurants essen, aber wenn ich in die Schweiz fliegen wollte, musste ich zusätzlich noch ein paar Kulturprojekte aufgleisen, um genügend Geld zusammenzubekommen.» Dann kam das Angebot der Caritas, in einer Leitungsfunktion nach Haiti zu gehen, ebenfalls um Häuser zu bauen. «Ich vermisse Antigua und meine Freunde dort», sagt Ege. «Es ist ein schöner Ort, wo man sich frei bewegen und das Leben geniessen kann. Auf Haiti sind die Lebensbedingungen härter und meine Bewegungsfreiheit kleiner – ein bisschen komme ich mir hier vor wie in einem goldenen Käfig.»

www.construcasa.org

http://creatingpartnerships.org

Fotograf: Paco Carrascosa