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28. November 2011

Steiner Schule fürs Leben

Vor 150 Jahren wurde Rudolf Steiner geboren. Seine pädagogischen Ideen stehen im Gegensatz zum heute weit verbreiteten Materialismus. Nach einer Krise in den 90er-Jahren steigen die Schülerzahlen heute wieder. Bekannte Ehemalige erinnern sich gerne an ihre Schulzeit.

Steiner Schule
Das Rudolf Steiner Schulhaus in Ittingen BE wurde in den 70er-Jahren gebaut. Gebäude der antroposophischen Architektur sind den Formen der Natur nachempfunden. Stilmerkmale sind gerundete organische, teils auch geometrische Formen. (Bild: Rudolf Steiner Schule)

Chinesische Supermütter setzen bei der Erziehung auf Drill und Strenge, damit der Nachwuchs schon im Kindesalter Höchstleistungen vollbringt. Ganz anders die Waldorf-Pädagogik von Rudolf Steiner: Sie stellt die Entwicklung des ganzen Menschen in den Mittelpunkt. Neben intellektuellen Fähigkeiten sollen gleichgewichtig auch soziale und handwerklich- künstlerische Talente angesprochen werden. In Zeiten von Pisa-Stress und Leistungsdruck setzt die Steiner- Schule also erfolgreich auf das chinesische Gegenmodell. Sie lässt den Kindern Zeit in ihrer Entwicklung - ohne Notendruck, ohne Sitzenbleiben. Kann das funktionieren? Ehemalige prominente Steiner-Schüler aus Wirtschaft, Politik und Kultur sagen: prinzipiell ja. «Die durchschnittlichen Leistungen in den Maturitätsprüfungen liegen nicht unter denen der Schüler von staatlichen Schulen », bestätigt der deutsche Erziehungswissenschafter und Rudolf-Steiner-Biograf Heiner Ullrich (siehe Interview weiter unten).

Unterricht im Freien
Unterricht im Freien: Schüler der Rudolf-Steiner-Schule in Schafisheim AG schaffen mit einer Pflanzaktion ein kleines Ökosystem. (Bild: Rudolf Steiner Schule)

Die Rudolf-Steiner-Schulen sind öffentliche und unabhängige Schulen ohne staatliche Subventionierung in privater Trägerschaft. Die Eltern übernehmen daher die Hauptverantwortung für die Finanzierung. Zum Waldorfschulbund gehören heute weltweit über 1000 Schulen. In der Schweiz sind es 30 und 100 Vorschulangebote, die von 6900 Schülern aus rund 4500 Familien besucht werden. Mehr als 3000 Bauernhöfe praktizieren weltweit die von Steiner begründete biologisch-dynamische Landwirtschaft (rund 200 in der Schweiz). Rudolf Steiner steht für organische Architektur und ganzheitliche Medizin. Doch wer genau war Rudolf Steiner? Heiner Ullrich verweist auf die vielen Gesichter Steiners: Goethe-Forscher, idealistischer Philosoph, atheistischer Freigeist im Gefolge Nietzsches, Mystiker, Theosoph, Anthroposoph, Christ, Künstler und Lebensreformer. «Die von ihm inspirierten pädagogischen, medizinischen, agrarischen und künstlerischen Lebenspraxen sind bis heute attraktiv, kaum die dahinter steckende Lehre. Verkürzt gesagt: die Praxis beeindruckt, die Theorie bleibt dubios.»

«Spirituelle Erneuerung ist Steiner-Anhängern wichtig»

Heiner Ullrich
Heiner Ullrich, Professor für Erziehungswissenschaften an der Uni Mainz und Rudolf-Steiner-Biograf. (Bild. zVg.)

Heiner Ullrich ist Professor für Erziehungswissenschaften an der Uni Mainz und Rudolf-Steiner-Biograf.

Heiner Ullrich, wie erklären Sie den Erfolg Rudolf Steiners und seiner Lehren in unserer heutigen materialistischen und schnelllebigen Welt?

Eine Erfolgsbedingung sind die idealistisch agierenden Anhänger Steiners, die weniger an materiellem Erfolg als an spiritueller Erneuerung interessiert sind. Eine andere ist die steigende Nachfrage in Milieus, in denen Selbstverwirklichung, bewusste Lebensführung und sorgsamer Umgang mit den natürlichen Ressourcen zentrale Wertorientierungen sind.

Welche Stärken und Schwächen haben Rudolf-Steiner- beziehungsweise Waldorf-Schulen?

Absolventenstudien zeigen, dass ehemalige Waldorfschüler überwiegend positive Erfahrungen an ihrer Schule gemacht haben; sie sehen sich als kreativere und gemeinschaftsfähigere Personen und wählen stärker soziale Berufe als ökonomische Leistungskarrieren. Ihre durchschnittlichen Leistungen in den Maturitätsprüfungen liegen nicht unter denen der Schüler von staatlichen Schulen. Waldorfschüler kommen allerdings in viel höherem Masse aus akademisch gebildeten Elternhäusern. Vor der Matura beziehungsweise dem Abitur nehmen sie übrigens überdurchschnittlich oft privaten Nachhilfeunterricht in Anspruch.

Warum ziehen Eltern das Schulmodell Steiners den staatlichen Schulen heute noch vor?

Eltern wählen Steiner-Schulen aus unterschiedlichen Gründen, die wenigsten übrigens wegen der Anthroposophie. Die Entscheidung fällt gegen die Staatsschule wegen des ganzheitlichen Bildungsanspruchs der Waldorfpädagogen und der bewusst gesuchten gemeinschaftlichen Nähe zwischen Eltern- und Lehrerschaft in solch kleinen Schulen. Die Waldorfschule wird auch gewählt, wenn das eigene Kind mit den Lernund Leistungsansprüchen der staatlichen Primarschulen nicht zurechtkommt — sozusagen als pädagogische Reparaturstätte. Diese Rolle sollte man übrigens nicht negativ beurteilen.

Reformansätze der Waldorfpädagogik sind heute auch in staatlichen Schulen verwirklicht – von Projektwochen bis zu Schulwerkstätten. Hat die Waldorfschule Nachhilfeunterricht erteilt?

Ich sehe nicht, dass die staatlichen Schulen vieles aus den Waldorfschulen übernommen haben, was anregenden Wert hat — zum Beispiel die Schularchitektur, die Schulautonomie, die anschauliche Didaktik, das praktische Lernen oder das Schultheater. Andererseits tun sich auch die Waldorfschulen schwer, Innovationen aus dem staatlichen Bereich zu adaptieren, etwa in der Fremdsprachendidaktik, Medienpädagogik oder bei der Organisation der Schulleitung.

Heiner Ullrich, Rudolf Steiner Leben und Lehre, C. H. Beck, 2011
Helmut Zander, Rudolf Steiner, Die Biografie, Piper, 2011
Miriam Gebhardt, Rudolf Steiner Ein moderner Prophet, DVA, 2011

Rudolf Steiner
Der Österreicher Rudolf Steiner (1861–1925) beeinflusste mit seiner Lehre Bereiche wie Pädagogik, Medizin, Kunst und Landwirtschaft. (Bild: akg images)

Prominente Rudolf-Steiner-Schüler

Der amtierende norwegische Ministerpräsident Jens Stoltenberg
Der amtierende norwegische Ministerpräsident Jens Stoltenberg sagt über seine Waldorfschulzeit: «Sie hat mich ermutigt, mich stets darum zu bemühen, ein besserer Mensch zu werden.» (Bild: Picture Alliance)

Die US-Schauspielerinnen Jennifer Aniston und Sandra Bullock sind ehemalige Waldorfschülerinnen. Jennifer Aniston sagt über ihre Schulzeit:«An der Steiner-Schule wurde ich ermutigt, eine Schauspielkarriere zu wagen. Es herrschte ein freier Geist, und unsere Kreativität und Individualität wurden gefördert.»

Der deutsche Schriftsteller Michael Ende («Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer», «Die unendliche Geschichte», «Momo») erklärt im Rückblick: «An der Waldorfschule habe ich meine Fantasie wiederentdeckt.» Aus ehemaligen Rudolf-Steiner-Schülern wurden nicht nur Schauspielerinnen und Schriftsteller, sondern auch Wirtschaftspersönlichkeiten. Ferdinand Alexander Porsche, Sprössling des Porsche-Clans, designte den 911er – sein bekanntestes Werk. American-Express-Konzernchef Kenneth Chenault führt heute ein weltbekanntes Milliardenunternehmen und hat ein Jahresgehalt von 17,4 Millionen Dollar. «Meine Eltern hatten eine Schule gesucht, bei der die ganze Persönlichkeit einbezogen und gefördert wird. Sie waren auch der Meinung, dass die Waldorfschule ein offeneres Umfeld für einen Afroamerikaner ist. Ich lernte an der Schule, Verantwortung für meine Entscheidungen zu tragen.»

Der amtierende norwegische Ministerpräsident Jens Stoltenberg sagt über seine Waldorfschulzeit: «Sie hat mich ermutigt, mich stets darum zu bemühen, ein besserer Mensch zu werden.» Schöne Abgängerinnen kann die Waldorfschule ebenfalls vorweisen: Das australische Topmodel Jessica Hart («H&M»), Model und Ex-Bond-Girl Cecilie Thomsen sowie Veronica Webb, die als erstes Model mit dunkler Hautfarbe einen Werbevertrag mit einem international bekannten Kosmetikunternehmen bekam.

Folgende prominente Eltern schickten eines oder mehrere ihrer Kinder in eine Waldorfschule:Schauspielerei:Jean-Paul Belmondo, Clint Eastwood, Paul Newman
Politik: Silvio Berlusconi, die deutschen Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder und Helmut Kohl, Hans-Dietrich Genscher
Schriftsteller: Friedrich Dürrenmatt, Max Frisch, Hans-Magnus Enzensberger, Martin Walser
Sport: Skilegende Franz Klammer
Musik: Tom Waits, Nena, Nina Hagen
Diverse: Apollo-9-Astronaut Russell Schweickart, Erotikkonzerngründerin Beate Uhse, der deutsche Computerpionier Heinz Nixdorf

Autor: Judith Wyder