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05. Mai 2014

Statiönchen des Lebens

«Schau! Dort habe ich lesen gelernt», rufe ich dem Hans zu, der einige Meter vor mir fährt. Wir beide sind auf Velotour, fahren bei wunderbarem Frühlingswetter in fünf Tagen von Thun nach Zürich. Als wir bei Rubigen das Restaurant Campagna passieren, sprudelts aus mir heraus: «In dieser Beiz lernte ich lesen! Ich war vier oder fünf, da zeigte Jean-Rodolphe, ein Freund der Familie, auf ein Fläschchen und sagte: ‹Wenn du das lesen kannst, bezahl ich dir eines.› Das war nicht so schwierig; das i kannte ich bereits, es konnte also nicht Coca-Cola heissen. Genau genommen lernte ich nicht lesen, sondern erriet bloss, was geschrieben stand: Rivella.»

Auf der Velotour mit seinem Sohn Hans kommen beim Hausmann viele Erinnerungen hoch.
Auf der Velotour mit seinem Sohn Hans kommen beim Hausmann viele Erinnerungen hoch.

Stünde nicht «Heute Ruhetag» auf einem Schild, ich hätte den Hans bestimmt zu einem Gedenk-Rivella auf die Terrasse genötigt. Denn es gehört zu den peinlichen Angewohnheiten von uns Eltern, Statiönchen der eigenen Biografie zu überhöhen. «Gäu, lustig?», heische ich Zustimmung. Ihn interessierts mässig. Vermutlich gehört die Episode in die Kategorie «Pflegte er zu sagen …», sprich: Ich habs wohl schon öfter erzählt, wenn wir auf der Autobahn vorbeirasten.

Also unterdrücke ich im Bemühen, nicht dauernd auf früher zu verweisen, Bemerkungen wie: «Lueg! Da wohnten Jüre und Gresi. Und, Du! Als ich zum ersten Mal bei denen eingeladen war, es muss Anfang 1985 gewesen sein, kochte sie Chüngel mit so viel Knoblauch, dass ich den halben Abend wegen Dünnpfiffs auf dem WC verbrachte», «Dort trainierte ich als Junior den 1500-Meter-Lauf» und «Schau, Hans! Die Wohleibrücke! Da haben wir als Giele mal …».

All dies denke ich nur still für mich, lasse dem Hans sein eigenes Erleben, lasse ihn schauen und staunen. Und staune selber über die schönen Landschaften, durch die wir der Aare entlang fahren. All die Bauern an der Arbeit, die vertraute und doch so fremde Hüsli-Schweiz, all die kleinen Welten: diejenige der Hundeerzieherin von Wichtrach, der Blumenfrau von Belp, die Welt des Vereins Schrebergärten Burgmatt. Kurz vor der Ortstafel Vehweid entdecken wir eine Reitschule für Islandpferde. Ich habe zuvor weder gewusst, dass es Islandpferde gibt, noch, dass ein Weiler namens Vehweid existiert. Am Wohlensee hat der Club der Kleintierfreunde der Stadt Bern ein ganzes Dorf mit fensterlosen Häuschen aufgestellt.

Sieht eigenartig aus. Keine Ahnung, was drinsteckt. Kaninchen, Papageien? Wir stossen auf eine Westernranch im Solothurnischen, fragen uns, weshalb in Schwarzhäusern alle Häuser weiss seien, sehen zahllose Landjugendhütten und Pfadiheime, und bei jedem zweiten ruft Hans: «Wow! Da sollten wir unser nächstes Lager durchführen!» In einer Nische der Solothurner Altstadt finden wir das Atelier eines Mannes, der fürs Leben gern legölet und in einem Lädeli Eigenkreationen sowie vergriffene Modelle anbietet. Die beiden Legofans, der Bub und der erwachsene Bub, kommen aus dem Fachsimpeln kaum heraus, und wir verlassen den Laden mit einer R2D2-Rarität. (Sagen Sie bloss, Sie wüssten noch immer nicht, wer oder was R2D2 ist?! Der geniale Roboter aus «Star Wars», dänk.)

An einem der Abende holte uns meine Mutter, die in der Nähe wohnt, vom Zeltplatz ab, und wir gingen mit ihr essen. Schon fing sie an: «Schau, Hans, die Kirche! Dort wurde ich anno 1953 konfirmiert. Oder war es 1952? Und dort drüben, das Türmlischuelhuus!

Da ging ich zur Schule, und wenn ich nach Hause kam, fragte meine Mutter stets, weshalb die Nachbarskinder, die denselben Schulweg hatten, schon vor einer halben Stunde heimgekommen seien. Ich war wohl eine Träumerin …» Und wissen Sie, was? Hans fands zum Quietschen komisch und wollte von seiner Grossmutter immer mehr und noch mehr erfahren. Vielleicht sollte ich doch mehr von früher erzählen?

ANNA LUNA GOES WEST

Bänz Friedlis Tochter Anna Luna berichtet während ihres Austauschsemesters in den USA, wie es ihr ergeht. Ihr Bruder Hans antwortet aus Schweizer Sicht. Lesen Sie aktuell, ob Anna bei den Pferdewetten Glück hatte. Zum Blog

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Autor: Bänz Friedli

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