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07. September 2015

«Unser Berufssystems reguliert sich selbst»

Mauro Dell’Ambrogio verwaltet als Staatssekretär für Bildung, Forschung und Innovation ein Budget von rund 7 Milliarden Franken. Er ist überzeugt, dass der Bund nicht zu zentralistisch steuern darf und der Lehrplan 21 Sache der Kantone ist. Besonders stolz ist der siebenfache Vater auf seine Tochter, die sich als selbständige Coiffeuse nicht vom Staat bezahlen lasse.

Mauro Dell'Ambrogio
170 Millionen Franken bezahlt die Schweiz pro Jahr für die europäische Raumfahrt. Dell'Ambrogio: «Für die Schweiz ein guter Deal.»

Mauro Dell’Ambrogio, wie war Ihr Studentenleben?
Erfolgreich. Ich hatte immer beste Noten und habe alles in Rekordzeit absolviert.

Haben Sie gearbeitet neben dem Studium?
Ja, als Aushilfslehrer an Tessiner Gymnasien. Ich habe von Sport über Mathematik bis Griechisch praktisch alles unterrichtet.

Sie sind ein Verfechter eines Teilzeit-Masters: Geht das auch auf Ihre eigenen Erfahrungen zurück?
Arbeit ist die beste Art zu lernen. Deshalb finde ich die Idee gut, nur Studierende, die gleichzeitig arbeiten, zum Master zuzulassen. Berufsbegleitende Studiengänge sind an den Fachhochschulen die besten. Das würde dem Fachkräftemangel vorbeugen.

Hier wäre das Bildungssystem gefordert, den richtigen Nachwuchs zu stellen.
Unser System stützt sich erstens auf die freie Wahl des Individuums. Zweitens ist es unmöglich vorauszusagen, was die Wirtschaft übermorgen braucht. Vor acht Jahren schrie noch alles nach Finanzspezialisten, und die ETH-Absolventen fehlten der Industrie. Sie wurden von den Banken abgeworben.

4000 Maturanden melden sich jährlich für ein Medizinstudium an. Es gibt aber nur 1200 Studienplätze. Nicht einmal jeder Dritte, der Arzt werden möchte, kann studieren.
Der Ärztemangel ist ein Beispiel dafür, was passiert, wenn der Staat plant. Man war vor 20 Jahren überzeugt: Wenn wir die Gesundheitskosten in den Griff bekommen wollen, müssen wir die Anzahl Ärzte einschränken. Heute importieren wir viel mehr Ärzte aus dem Ausland, als wir selber ausbilden.

Wie wollen Sie das Problem lösen?
In den letzten Jahren haben die Kantone die Studienplätze um 30 Prozent erhöht, und wir fördern eine weitere Erhöhung. Aber das Studium dauert halt auch sechs Jahre.

Sie haben sieben inzwischen erwachsene Kinder: Haben diese auch studiert?
Die Mehrheit hat eine Berufslehre absolviert. In der Familie galt: Entweder man gehört zu den 20 Prozent Besten in der Schule und studiert, oder man lernt einen Beruf und entwickelt sich später weiter. Eine meiner Töchter hat Coiffeuse gelernt. Sie führt nun einen Salon und ist die Einzige, die selbständig ist. Sie lässt sich nicht vom Staat bezahlen und ist ihre eigene Chefin – auf sie bin ich besonders stolz.

Und dennoch haben viele Berufslehren ein schlechtes Image.
Es gibt Berufe, die fast nur von Ausländern ausgeübt werden – auch im europäischen Ausland, wo die Arbeitslosenquote hoch ist. Die grosse Herausforderung besteht darin, diese Berufe attraktiv zu machen.

Wie wollen Sie vorgehen?
Die Stärke unseres Berufssystems besteht darin, dass es sich selber reguliert. Die Fleischbranche klagt nicht, der Staat liefere zu wenig Nachwuchs. Sie schaut selber,
dass ihre Berufe attraktiver werden – mit Technologie und besseren Arbeitsbedingungen. Dies ist die effektivste Art und Weise, um es zu versuchen.

Der Staat kann hier nicht viel machen?
Wir fahren die grosse Berufsbildungskampagne und unterstützen Projekte. Vorwiegend sind die Berufsverbände gefordert. Demgegenüber sollte der Staat sicher nicht den Fehler machen, die Ansprüche ans Gymnasium zu senken.

Ein Argument fürs Studium ist die Flexibilität. Mit einer breiten Allgemeinbildung ist es meist einfacher, sich weiterzubilden.
Meist, ja. Aber Fachidioten gibt es auch unter den Studenten. Wenn man sein ganzes Leben in einem theoretischen System war, heisst das nicht unbedingt, dass man flexibel wird. Zudem gibt es Berufslehren, die generalistische Fähigkeiten schulen. Ein Verkäufer zum Beispiel versteht sehr viel von Psychologie und Kommunikation.

Es wurde Ihnen vorgeworfen, dass sie sich zu wenig um die Berufsverbände kümmerten und lieber ins Ausland reisten.
Die Mehrheit meiner Kinder hat eine Berufslehre absolviert, und ich habe eine Fachhochschule geleitet, also bitte! Ich lasse mich nicht von Leuten unter Druck setzen, die, oft mit Blick auf mehr Einfluss und Geld, sagen, Dell’Ambrogio sei Akademiker und lebe im Elfenbeinturm. Letztes Jahr war ich 30 Tage dienstlich im Ausland. Das ist nicht überdurchschnittlich oft für einen Staatssekretär.

Im ersten Halbjahr 2015 haben Sie an zehn internationalen Konferenzen teilgenommen.
Das Bildungswesen in der Schweiz ist föderalistisch organisiert: Die Schule ist Sache der Kantone. Die Hochschulen und die Forschung sind autonom. Operative Aufgaben hat mein Amt dagegen in der Berufsbildung und ganz besonders in der internationalen Zusammenarbeit. Bei allen internationalen Organisationen und Programmen, bei denen die Schweiz mitmacht, müssen wir die Interessen der Schweiz vertreten.

Was heisst das konkret?
Wir zahlen zum Beispiel Beiträge für Teleskope der Europäischen Organisation für Astronomie (ESO) oder arbeiten an den Raketen der europäischen Weltraumagentur (ESA) mit. Bei Letzterer hat die Schweiz das Co-Präsidium der Minister. Wir müssen uns regelmässig treffen, um namentlich strategische und finanzielle Fragen zu klären.

Mit welchem Betrag beteiligt sich die Schweiz derzeit an der Raumfahrt?
170 Millionen Franken jährlich. Aber für die Schweiz ist das ein guter Deal. Die ESA bezieht für rund 150 Millionen Technologie von der Schweizer Industrie, die für ein Mehrfaches dieses Betrags ähnliche Produkte an weitere Abnehmer liefert. Die Hülle der «Ariane» wird in der Schweiz hergestellt und dasselbe Produkt unter anderem auch in die USA exportiert. In diesem Bereich machen wir gewissermassen Industriepolitik.

Warum ist es so wichtig, dass die Schweiz da mitmacht?
So bleiben wir an der Spitze, nicht nur in Technologie und Know-how, sondern auch wissenschaftlich. Wir sind ein kleines Land, aber in der Spitzenforschung ganz vorn mit dabei. Der erste Exoplanet wurde von Michel Mayor, einem Genfer Forscher, entdeckt – mit einem ESO-Teleskop in Chile. Die Infrastruktur ist international, aber der Ruhm fällt auf die Schweiz zurück. Es geht letztlich um die Attraktivität der Schweiz als Standort für Talente und Unternehmen und um Arbeitsplätze.

Das Bildungssystem steht im Zusammenhang mit der Digitalisierung vor einem gewaltigen Umbruch: Wie treiben Sie die nötigen Veränderungen voran?
Jeder kantonale Bildungsdirektor, jeder Schulleiter und bald jeder Lehrer stellt sich diese Frage. Die Wahrheit dazu gibt es nicht. Was wir auf Bundesstufe tun können, ist, das System so innovationsfähig wie möglich zu halten.

Wie konkret?
Wir dürfen nicht zu zentralistisch steuern. Da ist die Berufsbildung ein gutes Beispiel: Neue Berufe entstehen in der Schweiz nicht, weil das Ministerium glaubt, es wäre gut, den Beruf x oder y zu kreieren. Das macht die Arbeitswelt selber. Wir spielen den Schiedsrichter – wenn es zum Beispiel um die Diskussion geht, ob ein Landschaftsgärtner anders ausgebildet werden soll als ein normaler Gärtner, mit allen Konsequenzen bei den Inhalten und Benennungen von Lehrgängen und Diplomen.

Mauro Dell'Ambrogio
Mauro Dell'Ambrogio: «Ich finde die Idee gut, nur Studierende, die Arbeiten, zum Master zuzulassen.»

In 13 von 21 Kantonen sind Initiativen gegen den Lehrplan 21, also das Schulsystem interkantonal zu harmonisieren, geplant: Wie nehmen Sie da Ihre Schiedsrichterrolle wahr?
Das ist eine interne Angelegenheit der Deutschschweizer Kantone. Die Verfassung gibt vor, was im Bildungswesen in der ganzen Schweiz harmonisiert sein soll: das Schuleintrittsalter und die Schulpflicht, die Dauer und Ziele der Bildungsstufen und deren Übergänge sowie die Anerkennung von Abschlüssen. Wie die Kantone unter sich harmonisieren, steht ihnen frei. Da mischt sich der Bund nicht ein. Es ist wie in der Natur: Selektion in der Evolution kann nur stattfinden, wenn es Mutationen und damit Unterschiede gibt. Wenn wir von Beginn weg den Unterschied töten, sterben wir aus.

Wäre es nicht Ihre Aufgabe, beim Disput um den Lehrplan 21 einzugreifen?
Ich bin kein Pädagoge: Ich bin ein Bürokrat, mein Staatssekretariat verteilt Geld. Ich bin der Letzte, der sagen könnte, was in Lehrplänen zu stehen hat. Ein Beispiel dazu: Die ETH Zürich und die ETH Lausanne gehören beide dem Bund. Sie haben ganz unterschiedliche Haltungen, etwa zum Fernstudium. Und das ist gut. Nur so sehen wir in 10 oder 20 Jahren, wer recht hatte. Würde man sie gleichschalten, würde man vielleicht gar nicht merken, dass man nicht auf die beste Idee gesetzt hat – auch weil sich die Politik schwertut, Fehler einzugestehen.

Das hört sich so an, als ob in der Schweiz alles gut sei und wir vom Ausland nichts lernen könnten.
Ich will nicht so überheblich sein und sagen, es gäbe nichts zu lernen. Aber die Innovationspolitik der Schweiz besteht darin, dass wir keine explizite haben.

Aber Ihr Departement für Bildung, Forschung und Innovation trägt diesen Begriff im Namen.
Die öffentliche Hand investiert insgesamt um die 5 Milliarden in die Forschung in der Schweiz, die Firmen gut 11 Milliarden, wobei sie weitere 25 Milliarden in die Forschung ihrer Zweigniederlassungen im Ausland stecken. Das heisst, wenn etwa unsere Gesundheits- oder Umweltpolitik ungünstige Rahmenbedingungen für die Pharmaindustrie bestimmt, hat dies einen viel grösseren Einfluss auf die Schweiz als Forschungsstandort als die Entscheidungen in meinem Kompetenzbereich.

Was ist Ihr nächstes Ziel?
Ich könnte Ihnen von einer Reihe laufender Projekte erzählen. Aber ich werde in drei Jahren pensioniert. Diese Projekte dauern länger, und ich muss an meine Nachfolge denken.

Wer Ihr Nachfolger wird, können Sie nicht bestimmen.
Nein, natürlich nicht. Aber ich muss schauen, dass das Amt unabhängig von meiner Person gut funktionieren wird. Der neue Chef kann
im ersten Jahr vielleicht 10 Prozent der Tätigkeiten beeinflussen. Die Verwaltung ist wie ein Tanker.

Umso wichtiger wäre es, dass jemand am Steuer sitzt, der weiss, wo er hinfahren möchte.
Kein Schiff ist gleich zu führen. Ich war Oberst im Militär und Chef bei der Polizei im Tessin. Da galt es, über Nacht Entscheide zu fällen. In der Bildungspolitik geht das nicht. Auch Forschungsprogramme dauern oft Jahrzehnte.

Was raten Sie Eltern, die sich um die berufliche Zukunft ihrer Kinder sorgen?
Uns geht es immer noch besser als den meisten Ländern. Würden
sie in Syrien leben, hätten sie noch ganz andere Probleme. Zweitens: Die Planung einer Karriere gelingt nicht besser, wenn die Eltern drängen. Eltern können Werte vermitteln, Leidenschaft für etwas erzeugen und viel anderes Positives mehr.

In einem Interview mit Swiss-info.ch sagten Sie: «Wir sollten nicht überbewerten, was aus den Kindern wird.»
Heute setzen viele Eltern all ihre Hoffnung in ein Einzelkind oder vielleicht zwei. Was soll man tun: Mehr Kinder zeugen? Ich habe keine Antwort. Ich verstehe, dass sich die Eltern sorgen. Aber zu viel Sorge hilft den Kindern nicht.

Hatten Sie überhaupt Zeit für die Erziehung Ihrer sieben Kinder?
Nur wenig, vielleicht sind sie deswegen so schnell selbständig geworden.

Autor: Reto Wild, Andrea Freiermuth

Fotograf: Michael Sieber