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04. November 2013

«Starke Verarmung der sozialen Vielfalt»

Was Stadtsoziologe und ETH-Professor Christian Schmid im Interview zu weltweiten Trends wie der «Singapurisierung» der Weltstädte, dem spannenden Tokyo-Modell oder zu Phänomenen wie den Unruhen in Istanbul meint.

Platz im Zentrum Tokyos
Für ETH-Professor Christian Schmid Beispiel einer «differenzierten» Stadtentwicklung: Platz im Zentrum Tokyos. (Bild Keystone)

Christian Schmid, Sie sind gerade zurück aus Singapur, wo Sie für die ETH am Future Cities Laboratory Grossstädte erforschen. Was für Trends zeichnen sich weltweit ab?
Es gibt zwei grosse Tendenzen. Die eine ist eine weiterhin starke Differenzierung, dass sich also Städte wie Tokio, Paris, Lagos, Istanbul nach wie vor in ganz verschiedene Richtungen entwickeln, entsprechend ihrer Muster und Eigenheiten. Der andere Trend ist eine grosse Standardisierung, die vor allem die spannendsten Teile der Städte betrifft, also ihre alltags-weltlichen Zentren. Viele dieser Räume werden heute aufgewertet und luxussaniert, es kommt zu starken Verdrängungseffekten und zu einer starken Verarmung der sozialen Vielfalt. Das stellt man heute an sehr vielen Orten fest.
Eine globale Seefeldisierung also?
Man könnte auch von einer Singapurisierung sprechen, eine Entwicklung hin zu kommerzialisierten und kontrollierten Städten. Typisch dafür sind die Condominium Towers mit Eigentumswohnungen, die wie Gated Communities (abgeschottete Wohn- und Lebensbereiche, Anm. d. Red.) funktionieren. Die entstehen heute nicht nur in Schanghai, Toronto oder in Zürich West, sondern auch in Kolkata – und zwar im grossen Stil. Früher waren solche abgeschotteten Wohnanlagen am Stadtrand, nun stehen sie mitten im Zentrum, wo sie die Lebendigkeit der Stadt allein durch ihre Präsenz austrocknen. Es gibt derzeit eine starke Tendenz, das Urbane zu kommerzialisieren, weil sich damit sehr viel Geld verdienen lässt. Dabei sind solche kommerzialisierten Zentren unglaublich langweilig und humorlos. Der Grund für die grossen Demonstrationen in Istanbul dieses Jahr war ja nicht einfach die Zerstörung des Gezi-Parks, sondern die Kommerzialisierung und extreme Umgestaltung von grossen Teilen der Stadt. Die Menschen in Istanbul kämpfen für ihre Stadt.
Was ist gute Architektur?
Darüber könnte man stundenlang streiten. Meist ist ja nicht die Architektur das Problem, sondern das, was dahinter liegt. Also all die Entscheide, die fallen, bevor überhaupt ein Auftrag vergeben oder ein Architekturwettbewerb ausgeschrieben wird. Sie werden oft von Gemeindeverwaltungen gefällt, sind aber vielfach von Privaten beeinflusst. Das Schweizer Planungssystem ist sehr anfällig für Entscheide, die nicht sehr demokratisch und auch nicht sehr gerecht sind: Wenn der Gärtnermeister Gemeindepräsident wird, schaut er schon, dass sein Land eingezont wird. Man nennt das hier nicht Korruption, sondern betont, dass es «einvernehmlich ausgehandelt» wurde – der grosse soziale Druck, der gerade in kleinen Gemeinden auf Andersdenkende ausgeübt werden kann, wird dabei aber verschwiegen. Würden Gemeinden stärker kooperieren, könnten solche Sonderzügli viel weniger gefahren werden. Es gibt gute Planerinnen und Stadtbaumeister in diesem Land, aber sie wirken vor allem in den Städten, während die kleinen Gemeinden oft noch stark durch die Milizorganisationen bestimmt sind. Da könnte man mit einer gewissen Professionalisierung nur gewinnen.

Toll? Vielleicht Rom, Rom an den Rändern!

Nennen Sie uns ein paar tolle Städte.
Eine sehr spannende Stadt ist Tokio, weil sie auf den ersten Blick unglaublich homogen wirkt und auf den zweiten Blick sehr differenziert ist. Das ist eine Differenzierung, die nicht durch Immigration oder starke soziale und kulturelle Unterschiede entstanden ist, sondern sozusagen von innen heraus, von den Bewohnerinnen und Bewohnern entwickelt wurde. Spannend und unglaublich dynamisch ist auch Hongkong respektive das ganze Pearl River Delta in China. Dort wird das Urbane zwar ständig verdrängt, schlägt dann aber aus allen Ritzen wieder aus. Sobald irgendwo die Möglichkeit besteht, ein Restaurant oder einen Laden zu eröffnen, passiert das auch. New York bleibt natürlich sehr spannend. Berlin war lange eine aufregende Stadt, weil man sich in ihr verlieren konnte – sie hatte eine besondere Art von Offenheit, die jetzt zunehmend verloren geht. Paris und Barcelona waren sehr spannend, sind aber heute sehr saturiert. Vielleicht Rom, Rom an den Rändern!

Autor: Almut Berger