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26. Mai 2015

Stammkunde an der Migros-Kasse

In der Basler Migros-Filiale Claramarkt ist mit den Jahren eine Freundschaft entstanden: Kunde Arnold Waltisberg stellt sich immer bei der Kasse von Markus Zimmermann an.

Nachbarschaftlicher Schwatz an der Kasse: Markus Zimmermann (links) und Arnold Waltisberg kennen sich seit zwölf Jahren.
Nachbarschaftlicher Schwatz an der Kasse: Markus Zimmermann (links) und Arnold Waltisberg kennen sich seit zwölf Jahren.

Es ist Montagmorgen. In der Migros Claramarkt beginnt eine neue Woche mit rund 40 000 Kundinnen und Kunden aus dem kunterbunten Quartier, die regelmässig im Herzen Kleinbasels stöbern und einkaufen. Unter ihnen ein kleiner, grauhaariger Mann, in dessen Gesicht sich die Spuren eines bewegten Lebens eingegraben haben. Ansonsten: unauffällig. Bis ihn die erste Mitarbeiterin entdeckt. «Hallo, Noldi, wie gehts?», ruft sie fröhlich. «Miserabel, mir gehts wirklich hundsmiserabel! Ich bin zu bemitleiden», tönt es zurück. Die Mitarbeiterin lacht. Sie kennt Arnold Waltisberg (88). Alle Mitarbeitenden hier kennen ihn. Und einer kennt ihn besonders gut.

Es ist Markus Zimmermann (57), seit zwölf Jahren Kassier im Claramarkt Basel. Ist er beider Arbeit, reiht sich ArnoldWaltisberg mit seinen Einkäufen an seiner Kasse ein. Immer. Egal, wie lang die Warteschlange ist. Ist er nicht da, lässt er ihm einen Gruss ausrichten. Längst sind die beiden per Du. Markus Zimmermann weiss, dass «miserabel» Noldis Standardantwort ist auf die Frage, wie es ihm geht. Und er weiss auch, dass es ihm lange Zeit wirklich hundsmiserabel ging. Als er Arnold Waltisberg kennenlernte, kam dieser noch mit seiner Frau zum Einkaufen in den «Claramarkt». Irgendwann dann kam er allein. Seine Frau lag schwer krank zu Hause. Nach fünf Jahren der aufopfernden, liebevollen Pflege starb sie. Ein Wendepunkt in seinem Leben. «Fast 57 Jahre waren wir zusammen», erzählt Arnold Waltisberg, und seine Stimme wird brüchig. «Allein meiner Frau habe ich es zu verdanken, dass ich so alt geworden bin.»

Zimmermann kennt die Geschichte. Zwar waren es jeweils kaum mehr als ein paar Minuten, in denen er an der Kasse mit seinem Kunden sprechen konnte, dennoch weiss er, dass Arnold Waltisberg in seiner Frau die Liebe seines Lebens gefunden hatte. Ebenso registrierte er, wie ihr Tod aus ihm einen anderen Menschen machte. Er erfuhr, dass Arnold Waltisberg sieben Stunden täglich am Grab seiner Frau verbrachte; stehend, liegend, trauernd. «Sieben Stunden!», ruft Markus Zimmermann heute noch sichtlich bewegt, «das berührte mich sehr.» Wenn immer möglich nahm er sich Zeit für den gezeichneten Mann an seiner Kasse. Er plauderte mit ihm, versuchte, ihn aufzustellen. Längst war der «Claramarkt» zu Arnold Waltisbergs Lieblingsfiliale und zu einer Art zweiter Heimat geworden. Und irgendwann, Jahre später, ging es ihm besser. Zimmermann hat seinen Teil dazu beigetragen.

Autor: Janine Wagner

Fotograf: Salvatore Vinci