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08. Dezember 2014

Stallgeruch

Stinkendes fremdes Baby
Beim eigenen Kind kein Problem, beim fremden bräuchte frau eine Gasmaske... (Bild iStockPhoto)

Ich bin keine dieser zimperlichen, hyperempfindlichen Frauen. Regenwürmer in die Länge ziehen oder zweiteilen (um zu sehen, welcher Teil weiterleben kann) – kein Problem für mich. Meinen Kindern Popel aus der Nase operieren – jederzeit gern. Durchfallspritzer meiner lieben Kleinen von der WC-Brille kratzen – easy.

Es gibt aber eine Situation, da ziehe ich eine klare Grenze. Es ist eine sehr fette, sehr schwarze Linie. Ich habe grösste Probleme, volle Windeln anderer Kinder zu wechseln. Der Geruch fremder Kacke, die Konsistenz unbekannter Würstchen, das Geschmiere in exotischen Hautfalten – wähhh! Wenn ich nur daran denke, fangen meine Speicheldrüsen an, Amok zu laufen. Die Spucke sammelt sich unter meiner Zunge und ich muss schlucken, schlucken, schlucken. Mein Würgereflex ist so stark, dass man es von aussen hören kann. Plastisch genug für Sie? Gut.

Mit fremden Pampers ist es aber so wie mit der lieben Verwandtschaft. Man kann ihnen nicht entkommen. Wenn ein Windelträger bei uns zu Besuch ist (was öfter vorkommt), dann hat er garantiert nach wenigen Minuten das Gefühl, er müsse seinen Darminhalt seiner Pampers anvertrauen. Ausgerechnet in meiner Stube! Während die Kindsmütter noch ignorant an ihren Kaffeetassen nippen, schnüffle ich bereits wie ein Drogensuchhund am Zürcher Flughafen. Und, glauben Sie mir, ich täusche mich äusserst selten.
Manchmal sehe ich meinen Kolleginnen an, dass sie sich sehnlichst wünschen, ich würde aufstehen, mir das fremde Stinkstiefelchen schnappen – und es ganz selbstverständlich für sie wickeln. So von Freundin zu Freundin … – GEHT GAR NICHT! Das gilt übrigens auch für Verwandte. Neulich – mein kleiner Neffe Anton hatte gerade ein fürchterlich stinkendes Ei in seine Windel gedrückt – blickte mich meine Schwester fragend an. Als sie merkte, dass ich nicht reagierte, packte sie die grosse Keule aus: Gute Patentanten müssen ihren Patenkindern den Hintern abwischen. Gegenfrage: Was hat das Kind von einer Gotte, die besinnungslos neben dem Wickeltisch liegt? Eben.

Liebe Verwandte, Freundinnen, Kolleginnen, ihr könnt alles andere von mir haben. Ich gebe euch Geld, ich lasse euch in meiner Regendusche brausen, ihr dürft sogar meine Schokolade aufessen. Aber ich kann kein Kind wickeln, dessen Stallgeruch nicht mit meinem übereinstimmt. Und nehmt, wenn euch mein Leben irgendetwas bedeutet, bitte die vollgeschissenen Windeln mit, wenn ihr geht.

Autor: Bettina Leinenbach