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18. Mai 2015

«Meist sind es Leute auf dem Land, die sich über Dichtestress beklagen»

Der niederländische ETH-Professor Kees Christiaanse ist einer der weltweit führenden Experten für Städtebau. Er erklärt, was in Schweizer Städten gut funktioniert, wo es harzt und wie man auch ohne Hochhäuser verdichtet bauen kann.

Städtebau-Experte Kees Christiaanse
Der Städtebau-Experte Kees Christiaanse mit Skizze , ...

Kees Christiaanse, Sie wohnen im Stadtzürcher Quartier Oberstrass, in der Nähe der Universität Zürich und der ETH. Wie beurteilen Sie Ihre Wohnqualität?

Unser Quartier ist grün und gleichzeitig urban. Wir sind zu Fuss in zehn Minuten im Wald oder am Hauptbahnhof. Das ist einzigartig.

Was macht gute Wohnqualität für Sie aus?

Man muss für sich genügend Raum haben. Sehr wichtig finde ich die Art, wie die Gebäude städtebaulich zueinander stehen, damit ein guter sozialer Austausch entsteht.

Was heisst das konkret?

Es braucht viele Kontaktflächen zwischen den Gebäuden und dem öffentlichen Raum, also Türen und Eingänge. Auch Übergangsräume mit Treppen und Vorgärten sind wichtig. Und im Parterre brauchts Kleingewerbe und Einzelhandel. So begegnen sich die Bewohner und kommunizieren miteinander.

Sie fahren mit dem Velo in Ihr Atelier an der Limmat. Abends müssen Sie jeweils den Berg hoch.

Ja, das ist meine tägliche Jogging­übung. (lacht) Ich fahre Fahrrad, weil es schneller geht und man dabei fit bleibt. Ich bin kein Jogger. Das halte ich für Zeitverschwendung.

Was halten Sie als Niederländer von unserem Radnetz?

Es ist unterentwickelt. Und die Sicherheit für Radfahrer ist in der Schweiz katastrophal. Wenn ich hier auf dem Trottoir fahre, ist das normal. In den Niederlanden erhalte ich dafür sofort einen Strafzettel. Der aktuelle E-Bike-Boom rechtfertigt nun definitiv keine Ausreden mehr, in den Schweizer Städten nicht auch durchgehend Velowege zu schaffen.

Sie lebten in den Niederlanden, in Deutschland, sind beruflich aber auch in Singapur unterwegs. Welche Stadt hat Sie am meisten beeindruckt?

Jemand wie ich kann an vielen Orten leben. Klar, für immer möchte ich nicht in Asien wohnen, weil die Lebensqualität in Europa und der Schweiz besser ist. Wer in Asien qualitativ gut leben möchte, braucht viel Geld.

Sie loben die Schweiz. Nur: Vor der Masseneinwanderungsinitiative war hier von «Dichtestress» die Rede. Reagieren die Einwohner übersensibel?

Meist sind es Leute auf dem Land, die sich über Dichtestress beklagen, nicht die Städter. Es kommt zu Vorurteilen, die nicht mit der Realität übereinstimmen. Das Schweizer Mittelland etwa ist im Vergleich mitdem Ruhrgebiet oder dem Westen Hollands weniger alshalb so dicht besiedelt. Für mich als Städtebauer ist die Situation in der Schweiz überhaupt nicht kritisch.

Aber das Landschaftsbild leidet unter der Zersiedelung?

ETH-Professor Kees Christiaanse
ETH-Professor Kees Christiaanse.

ETH-Stadtsoziologe Christian Schmid schlug in einem Interview mit dem Migros-Magazin vor, in den Städten gleich einige 100 Wohntürme zu bauen. Was halten Sie davon?

Das wäre im quantitativen Sinn nicht notwendig. Man kann auch mit Häusern mit bis zu sieben Stockwerken verdichtet bauen. Aber Hochhäuser haben ideologische und symbolische Bedeutung, es wird sie daher immer geben. Wenn man sie bauen möchte, sollte man gute Hochhausensembles an zentralen Orten entwickeln.

Nur sieht das nicht schön aus.

Das ist Geschmackssache. In Zürich-West etwa hat es noch mehr Platz für Hochhäuser. Verdichtung an ehemaligen Industriestandorten ist generell sinnvoll. Unser Institut plant Quartiere, die aus einer Mischung bestehen: Reihenhäuser, neun Stockwerke hohe Appartementgebäude und an der Ecke Türme mit 15 Stockwerken. Diese Kombination ermöglicht dichtes Wohnen. Eine Alternative zu dieser durchmischten Wohnform zeigt das Beispiel Holland: Dort leben 60 Prozent der Bevölkerung in einem Reihenhaus mit Garten, wobei die monatliche Hypothek gleich hoch wie eine Miete ist.

Was spricht architektonisch für Reiheneinfamilienhäuser?

Damit kann man mehr Wohnungen auf kleineren Grundstücken bauen. Sie sind energetisch günstiger, weil sie die Mauern mit den Nachbarn teilen. Wir haben in Holland mit vier- bis fünfstöckigen Gebäuden experimentiert. Die lassen sich in zwei Maisonettewohnungen aufteilen. Oder in eine Praxis und eine Wohnung, in vier Alterswohnungen und so weiter. Das schafft urbane Flexibilität.

Viele träumen jedoch vom Einfamilienhaus im Grünen. Wie macht man den Leuten neue Wohnformen schmackhaft?

Das ist eine Marktlücke, die man in der Schweiz noch nicht richtig entdeckt hat, obwohl es auch hier Reihenhäuser gibt. In der Schweiz kann man übrigens mitten in den grössten Städten wohnen, 20 Minuten zu Fuss gehen – und schon ist man draussen in der Natur.

Das eigentliche Problem in der Schweiz sind die extrem hohen Wohnkosten.

Aber in der Stadt können sich Kinder nicht gleich frei bewegen wie im Dorf.

In unserem Quartier kann man das sehr wohl. Es hängt von den einzelnen Vierteln ab. Das eigentliche Problem in der Schweiz sind die extrem hohen Wohnkosten.

Wie sieht es in den Schweizer Städten in 20 Jahren aus?

Das Gute an der Schweiz ist, dass sie sich nicht so schnell verändert. (lacht) Wieso? Weil der Grundbesitz in der Schweiz zerstückelt ist und weil man gute Zonen- und Richtpläne hat. Deshalb sind grossflächige Veränderungen nicht so einfach umzusetzen. Wenn wir beispielsweise in den Niederlanden im Meer vor der Küste Land gewinnen, können wir auf einen Schlag eine neue Stadt bauen. Als ich geboren wurde, gab es Almere nicht. Heute ist sie mit fast 200 000 Einwohnern die siebtgrösste Stadt des Landes. In der Schweiz kann man fast nur noch umnutzen.

Was muss beim Städtebau in der Schweiz besser werden?

Bei der Planung von Wohnungen sollte man erstens vermehrt auf vermischte Gebäudetypologien setzen. Das ist in vielen Schweizer Agglomerationsgemeinden nicht der Fall. Auch in Zürich-West baut man Siedlungskomplexe, die überwiegend aus Wohnungen bestehen. Zweitens haben unsere Städtebauentwerfer zu wenig Einfluss auf die Verlegung der Bahn- und Strasseninfrastruktur, die das Landschaftsbild am meisten prägt.

Was meinen Sie damit?

Christiaanse mit einer seiner Publikationen
Christiaanse mit einer seiner Publikationen.

Vor fünf Jahren haben Sie und Ihr ETH-Team in Singapur «Future Cities Laboratory» gegründet. Sie untersuchen weltweit Urbanisierungsprozesse.

In Südostasien und damit Städten wie Hongkong, Bangkok, Kuala Lumpur, Jakarta, Dhaka oder Kolkata findet derzeit der schnellste Urbanisierungsprozess in der Geschichte der Menschheit statt. Wir sind vor Ort, um die Probleme aufzuzeichnen. Diese Erfahrungen tragen zu unserem Wissen über Urbanisierungsprozesse bei und helfen uns bei der Planung anderswo. Gleichzeitig nützt unser Know-how den Asiaten beim Städtebau.

Welches sind dort die wesentlichsten Probleme?

Abwasser, Müllentsorgung, Mangel an gut funktionierenden Mobilitätssystemen. Und das grösste Problem: die enorme Zuwanderung aus ländlichen Gebieten. So entstehen Megastädte, was wiederum Schwierigkeiten mit Slums und eine katastrophale Verkehrslage verursacht.

Die beste Technologie nützt nichts, wenn sich die Menschen selbst nicht nachhaltig verhalten.

Wie kann Ihr Team da helfen?

Wir sind keine Zauberer. Wir Städtebauer können nur kleine Schritte machen. Die beste Technologie nützt nichts, wenn sich die Menschen selbst nicht nachhaltig verhalten.

Trotzdem erwartet man von der ETH Lösungen.

Wir unterrichten und bilden lokale Experten darin aus, wie man nachhaltig plant. In Entwicklungsländern bauen wir Quartiere mit günstigen, erweiterbaren Wohnungen. Einheimische bekommen eine Infrastruktur mit Wasseranschluss. In manchen Quartieren wird Bambus angebaut, den man als Konstruktionsmaterial einsetzen kann. Viele Menschen in Schwellenländern müssen ansonsten mit einer unglaublich unnachhaltigen Infrastruktur leben: Die Fäkalien gehen ungefiltert ins Wasser, Abfall landet am Boden. Aber pro Kopf verbraucht eine durchschnittliche indonesische Stadt immer noch weniger CO2 als eine Stadt in der westlichen Welt – weil sie weniger industrialisiert ist.

Autor: Reto E. Wild, Andrea Freiermuth

Fotograf: Gian Marco Castelberg