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04. November 2013

«Man baut und baut, aber es reicht nie»

Der Platzmangel und die Zuwanderung sind eine Folge des enormen Wirtschaftsbooms in der Schweiz, sagt ETH-Stadtsoziologe Christian Schmid. Für mehr Wohnraum sollte über die Gemeindegrenzen hinweg gemeinsam geplant werden, damit weitere urbane Räume entstehen können.

ETH-Professor 
Christian Schmid unter einer grossen Brücke
ETH-Professor 
Christian Schmid 
erforscht seit 
Jahren das Leben in urbanen Räumen. (Bild: Gerry Nitsch)
Zentraler Platz in Tokyo
Mehr als verdichtet: Zentraler Platz in Tokyo. (Bild Keystone)

«STARKE VERARMUNG DER SOZIALEN VIELFALT»
Mehr zum Thema: Was der Stadtsoziologe Christian Schmid zur «Singapurisierung» der Weltstädte, zum spannenden Modell Tokyo oder den Istanbuler Protesten um den Gezi-Park meint. Der Interviewteil zu den weltweiten Städtetrends

Christian Schmid, es ist enger geworden in der Schweiz, gerade in den Städten. In Hongkong aber lebt auf der Fläche des Kantons Zürich beinahe die Gesamtbevölkerung der Schweiz. Jammern wir auf hohem Niveau?

Auf sehr hohem Niveau sogar (lacht). Das Jammern erinnert mich an die immer wiederkehrenden Klagen über die «heutige Jugend», über die wir uns als Jugendliche schon lustig gemacht haben. Auch damals waren die Trams schon voll. Und Wohnungsnot hat es in Wellen immer wieder gegeben, gerade in Zürich. Das sind wiederkehrende Phänomene, wenn auch aus verschiedenen Gründen.

Wo liegen heute die Gründe?

Im Zürich von 1963 haben mehr Leute gelebt als heute und das bei sehr viel weniger Wohnraum. Man hat also sehr viel dichter gewohnt. Und damit sind wir bei Problem Nummer eins: Unsere Ansprüche sind massiv gestiegen, unser Verbrauch an Fläche — fürs Wohnen, für Arbeitsplätze, für Verkehr — hat enorm zugenommen. Das schafft eine ständige Knappheit. Man baut und baut, aber es reicht nie, weil wir einfach immer mehr Platz beanspruchen.

Woher kommt dieses Bedürfnis?

Natürlich hat man gern mehr Platz. Ausserdem haben sich die Lebenssituationen verändert: In den 50er-Jahren umfasste eine klassische Familie vier, fünf, vielleicht sechs Personen. Heute sind Einpersonenhaushalte die häufigste Wohnform. Auch die Wohnungsgrundrisse haben sich stark verändert: Früher hatte eine Vierzimmerwohnung rund 70 Quadratmeter, heute sind wir bei 120, möglichst lichtdurchfluteten Quadratmetern angelangt.

Hinzu kommt die Mobilität.

Es ist völlig normal, dass ein Paar irgendwo in einem Dorf im Aargau wohnt, er arbeitet in Bern, sie in Basel, beide pendeln. Auch viele Arbeitsplätze haben sich verlagert: aus den Zentren hinaus an die Peripherie. Wir pendeln über immer grössere Distanzen und ganz selbstverständlich. Die Bahn 2000 ist heute sozusagen die S-Bahn der Schweiz, und dann haben wir ja noch die eigentlichen S-Bahnen bis in die hintersten Winkel der Agglomerationen. Wir haben überall perfekte Anschlüsse und regen uns auf, wenn bei einem Viertelstundentakt der Zug mal zwei Minuten zu spät kommt. Das verbesserte Angebot hat die Nachfrage in die Höhe schiessen lassen. Und selbst wenn man weiter ausbaut, es wird nie genug haben! Es gibt keine natürliche Grenze für dieses Wachstum, ausser die Mobilität würde deutlich teurer.

Man müsste also die Preise erhöhen und GA und Halbtax abschaffen?

Das vielleicht nicht gerade, aber man sollte wenigstens das Angebot nicht mehr laufend ausbauen.

Und was ist mit der Einwanderung, ist die kein Grund für die zunehmende Enge?

Doch, aber auch das ist nichts wirklich Neues. Seit 60 Jahren haben wir ein starkes Wachstum: Alle zehn Jahre leben durchschnittlich etwa eine halbe Million Menschen mehr in der Schweiz. Das Wachstum ist ein Resultat unseres unglaublichen Wirtschaftsbooms. Auch andernorts in Europa jammern derzeit sehr viele Leute, aber über ganz andere Probleme als wir, das sollten wir nicht vergessen. Wir klagen nicht über eine Krise, sondern über die Kehrseite des Booms: Wachstum generiert Arbeitsplätze, und das zieht Leute an, die ihrerseits neue Jobs schaffen, weil sie Wohnungen brauchen, hier leben, essen, konsumieren.

Man müsste also das Wirtschaftswachstum verlangsamen, wenn man das nicht will.

Man kann das eine nicht ohne das andere haben. Es ist eine völlige Illusion, zu glauben, man könne die Einwanderung begrenzen und zugleich unser gegenwärtiges Wirtschaftssystem aufrechterhalten. Will man etwas weniger Wirtschaftswachstum, könnte man zum Beispiel einen weniger aggressiven Steuerwettbewerb betreiben, den Nachbarn auch etwas gönnen und nicht mit Steuerdumping alle Unternehmen anziehen.

Und alle Steuersünder ...

Genau (lacht). Es gibt Orte, die durch das Steuerregime ein enormes Wachstum erlebt haben und nun unter allen negativen Begleiterscheinungen leiden. Wo man Steuern senkt, steigen die Bodenpreise, und schliesslich werden die Leute verdrängt und können sich ihre Heimat nicht mehr leisten. Da und dort setzt nun ein gewisses Umdenken ein.

Nochmals zurück zur Einwanderung. Wir haben in den nächsten eineinhalb Jahren gleich drei Abstimmungen zum Thema: die SVP-Initiative gegen die Masseneinwanderung, Ecopop und das Referendum gegen die Personenfreizügigkeit mit Kroatien. Alle verlangen einen Stopp der Zuwanderung. Und Sie sagen, das bringt gar nichts?

Es ist nie gelungen, die Zuwanderung zu stoppen. Wenn die Wirtschaft wächst, dann kommen auch die Leute. Man müsste Massnahmen ergreifen, die gerade jenen Kreisen weh tun würden, die jetzt sehr stark für eine Einwanderungsbegrenzung eintreten. Es hat ja vor der Personenfreizügigkeit mit der EU während Jahrzehnten eine Kontingentierung der Einwanderung gegeben, aber wer hat sich dafür eingesetzt, dass diese Kontingente ständig erhöht wurden? Das Gewerbe, die Bauern, die billige Arbeitskräfte wollten, die Bauwirtschaft, die Handwerker brauchte. Da sollte man schon ehrlich sein. Heute sucht unsere hochspezialisierte Wirtschaft händeringend nach Fachleuten, Akademikern, Ärzten, weil die Schweiz nicht genügend von ihnen ausbildet.

Das Aarauer Telli-Quartier aus der Vogelperspektive.
Verdichtetes Bauen wie hier im Aarauer Telli-Quartier soll die Grünflächen ausserhalb der Stadt schonen. (Bild: Keystone/Alessandro Della Bella)

Wie aber lösen wir unser Platzproblem? Hochhäuser bauen und ein bisschen mehr werden wie New York oder Singapur?

Singapur hat ungefähr die halbe Fläche des Kantons Zürich und mehr als fünf Millionen Einwohnerinnen und Einwohner. Nun müssen wir uns nicht unbedingt Singapur zum Vorbild nehmen, aber es zeigt, dass man auch anders bauen kann, als wir es tun. Eines der gängigen Rezepte lautet: mehr Hochhäuser. Aber jene, die in Zürich oder Basel gebaut wurden, sind Bürohäuser oder bieten nur Luxuswohnungen. Sie tragen nichts dazu bei, dass unsere Platzprobleme abnehmen.

Was schlagen Sie vor?

Wenn man wirklich Wohnungen bauen will, müsste das im grossen Stil passieren – also nicht fünf Türme, sondern vielleicht einige Hundert. Bevor man aber anfängt, in Hochhäusern zu denken, könnte man sich die dichtesten Gebiete der Schweiz ansehen, unsere Altstädte: enge Gassen, verwinkelte Bauweise, eine ganz starke Ausnützung. Ein anderes gutes Beispiel sind die vier- oder fünfstöckigen Blockrandquartiere aus dem späten 19. Jahrhundert, etwa in den Zürcher Kreisen 4 und 5. Die sind sehr beliebt und dichter als manch ein Hochhausquartier im Ausland.

Die Blockrandbauweise ist die Lösung?

Ja, obwohl es dabei ursprünglich vor allem darum ging, möglichst günstig möglichst viel Wohnraum zu generieren. Aber sie bietet eine hohe Wohnqualität, eine grosse Flexibilität der Nutzung, viele Erdgeschossflächen und damit auch belebte Strassenräume, also eine hohe urbane Qualität.

Woraus besteht die?

Aus attraktiven öffentlichen Räumen, wo die Leute gern hingehen, wo Austausch stattfindet. Es geht um den Zugang zu kulturellen und sozialen Einrichtungen, Kinos, Restaurants, Läden in Fussdistanz. Es ist erstaunlich, dass man sich heute so schwertut, diese Qualitäten neu zu generieren.

Woran liegt das?

Das Problem ist die Planung. Man kann nicht wie etwa in Neu-Oerlikon in Zürich eine ganze Serie von Parks bauen und glauben, das sei nun ein attraktiver öffentlicher Raum. Es gibt zwar dort nun schöne Parks, aber in denen hat es wenig Menschen — weil im Quartier zu wenig Leute leben. Und das ist das Problem: Man hört in der Schweiz schnell auf zu bauen, weil man Angst hat, es könnte zu gross werden. Dabei hat ein innerstädtisches Quartier wie Zürich-Wiedikon fast 50'000 Bewohner.

Nur wo hat es Platz für solche Projekte?

Man muss an den Stadträndern weiterbauen. Das Problem ist ja nicht, dass es keinen Platz hat, das Problem sind die Gemeindegrenzen. Viele Schweizer Städte sind längst über ihr territoriales Korsett hinausgewachsen. Aber man sollte nicht einfach an der Grenze aufhören, sondern darüber hinausbauen.

Sie plädieren also für die Megastadt?

Wir sind in der Schweiz sehr weit von so etwas wie Megastädten entfernt, aber ich plädiere dafür, dass sich das Bauen stärker in ein zusammenhängendes, dichtes und gut gestaltetes Gebiet einfügt. Das bedingt aber, dass nicht jede Gemeinde nur für sich plant.

Das ist aber gerade in der förderalistischen Schweiz sehr schwierig.

Es ist sehr schwierig, denn so etwas braucht eine viel stärkere Kooperation. Und es haben eben alle ihre Sonderinteressen: Die einen wollen gute Steuerzahler anlocken, die anderen den Wald schützen. Im Kanton Zürich haben wir jetzt ein Gesetz zum Schutz der Fruchtfolgeflächen. Dort, wo wir weiterbauen könnten, hat es jetzt industriell bewirtschaftete Landwirtschaftsflächen, die geschützt sind. Dafür verbaut man an den Rändern der Agglomeration einzigartige Kultur- und Naturlandschaften. Wir hätten genügend Platz, wenn wir anders mit den vorhandenen Ressourcen umgehen würden.

Wir haben also zwei Optionen gegen die Enge: Wir reduzieren das Wirtschaftswachstum, oder wir denken unser gesamtes Planungs- und Bausystem neu?

Ja.

Was ist die realistischere Variante?

Wir sind bereits daran, neu zu denken, diese Auseinandersetzung läuft. Gemeindefusionen beispielsweise sind heute kein Tabu mehr. Eigentlich ist es ja paradox: Es wollen so viele Leute städtisch leben, dass es nicht genug Wohnungen hat. Gleichzeitig hat man grosse Angst davor, städtisch zu bauen. Da sitzt eine Bremse in den Köpfen, weil man falsche Bilder hat. Dabei ist die Lebensqualität in den Schweizer Städten hoch, es ist ja kein Zufall, dass wir bei den Städterankings immer so weit oben sind. Wir haben Flüsse, Seen, Wälder, wir können im Stadtzentrum losjoggen und sind schon bald in der Natur. Diese Qualitäten müssen wir erhalten. Und das tun wir nicht, indem wir die Landschaft weiter zersiedeln, sondern indem wir städtische Situationen erzeugen.

Es ist paradox: So viele Leute wollen städtisch leben, dass es nicht genügend Wohnungen hat. Gleichzeitig hat man grosse Angst davor, städtisch zu bauen.

Es ist noch nicht lange her, da zog es die Menschen raus aus der Stadt – seit einigen Jahren ist es genau umgekehrt. Was ist da passiert?

Unsere Gesellschaft hat sich grundlegend gewandelt, und zwar innert kürzester Zeit. Noch vor 40 Jahren war die Schweiz eine Industrienation – heute dominiert hier eine so genannte Headquarter Economy, eine Ökonomie, die auf ganz bestimmte Bereiche der Wirtschaft spezialisiert ist: Banken, Versicherungen, Forschung und Entwicklung, Hauptsitze von globalen Unternehmen. Bereiche, für die es hochqualifizierte Leute braucht und die eine hohe Wertschöpfung generieren. Damit verbunden sind auch ganz andere Lebensweisen: Der Mann drückt heute nicht mehr morgens und abends in der Fabrik die Stempelkarte, derweil die Frau zu Hause zu den Kindern schaut. Das heutige Lebensmodell ist hochmobil, wir müssen extrem flexibel sein, leben in allen möglichen Familienformen, wollen möglichst viele Angebote nutzen, von der Freizeit bis zur Kultur, und zwischendurch noch schnell etwas einkaufen. Die Stadt ist zum Ort geworden, wo all diese Möglichkeiten bestehen.

Gibt es denn überhaupt noch einen Unterschied zwischen Städtern und Dörflern?

Höchstens einen graduellen. Das, was man unter ländlichen Gebieten versteht, gibt es in der Schweiz heute nicht mehr. Es existieren schon noch Gegenden, die stark durch die traditionelle Landwirtschaft geprägt sind. Aber wenn man schaut, wie die Leute dort leben, ist das nicht so anders als in den Städten. Alle haben Internet, fahren die gleichen Autos, folgen der gleichen Mode. Klar, die einen stehen mehr auf Hip-Hop, die anderen auf Ländler, aber es wäre schwierig, das klar «der Stadt» oder «dem Land» zuzuordnen. So gesehen sind alle Menschen in diesem Land hoch urban.

Und wer auf dem Land lebt, der pendelt halt.

Genau. Aber es stellt sich die Frage, wie weit man die Zunahme der Mobilität noch unterstützen soll. Die Leute sind sich oft gar nicht bewusst, was für tolle Landschaften sie vor ihrer Haustür haben. Diese gilt es zu schützen als eine Qualität der Region. Das wäre viel besser, als die S-Bahn in den hintersten Winkel auszubauen.

Was spricht gegen einen Ausbau der S-Bahn?

Die neuen Siedlungen sollten dort gebaut werden, wo die ganze urbane Infrastruktur schon vorhanden ist. Zumal ja auch der Bedarf nach urbanem Wohnen bei weitem nicht befriedigt ist. Nur kommt dann der Gemeindepräsident und sagt, ich will aber auch noch Wachstum bei mir, wir brauchen neue Steuerzahler. Und dann müsste man sagen: Halt! Wie das jetzt bei der Zweitwohnungsinitiative passiert ist. Allerdings müsste es dann auch einen Ausgleichsmechanismus für Gemeinden geben, in denen bewusst nicht mehr weitergebaut wird.

Es wäre also der Bund gefragt?

Die Gemeindeautonomie kann sich nur selbst begrenzen. Ein Beispiel ist der Kanton Glarus, wo an der Landsgemeinde jemand den Vorschlag machte, aus 25 Gemeinden drei zu machen, damit künftig zukunftsorientiert gearbeitet werden kann. Und diese radikale Lösung ist durchgekommen! Der Bund kann so etwas nicht durchsetzen, aber er könnte zumindest falsche Anreize abschaffen – insbesondere im Steuerrecht und beim Ausbau der Infrastruktur.

Der Mensch ist ein Herdentier, gleichzeitig braucht er aber auch Rückzugsorte. Wie wirkt sich das Zusammenrücken auf uns aus?

Es gibt ganz verschiedene Menschen mit ganz verschiedenen Bedürfnissen. Und da ist die Kleinteiligkeit der Schweiz ein grosser Vorteil. Wenn man in Paris oder New York lebt, schafft man es kaum, aus der Stadt herauszukommen. Bei uns steigt man in die S-Bahn und fährt in die Berge. Genau diese Rückzugsräume gilt es zu erhalten, nicht das eigene Hüsli auf der grünen Wiese. Die Leute, die mit ihren Hüsli immer weiter in die Landschaft siedeln, zerstören die Rückzugsgebiete von anderen.

Es sind aber nicht nur mehr Menschen, es sind mehr unterschiedliche Kulturen, auch Schweizer Städte sind heute Melting Pots. Und wir reagieren unter anderem mit Abstimmungsinitiativen gegen zu viele Ausländer.

Die Frage ist: Wie viele verschiedene Menschen mit ihren unterschiedlichen Biografien und Lebensweisen verträgt es im gleichen Raum? Diversität und Differenz können unglaubliche Qualitäten sein, aber nur wenn man Spass am Anderssein des Nachbarn hat. Es gibt ja auch Leute, die ziehen gerade deswegen nach New York. Die dafür notwendige Grosszügigkeit, Offenheit und Neugier kann man aber nicht verlangen und schon gar nicht erzwingen. Es braucht deshalb auch Gebiete, wo Menschen leben können, die ihre Ruhe wollen und unter Gleichgesinnten bleiben. Davon gibt es aber in der Schweiz heute bereits mehr als genug. Im Gegenzug darf man jedoch jene Gebiete nicht zerstören, wo die unterschiedlichsten Kulturen aufeinander treffen, Orte wie die Zürcher Langstrasse. Genau die sind jedoch in Gefahr: Es kommen Leute mit viel Geld, die in luxussanierte Wohnungen ziehen und sich dann darüber beschweren, dass es dort Sexgewerbe und Betrunkene hat. Da frage ich mich schon, warum diese Leute nicht einfach in ihren jetzigen Wohnquartieren bleiben, statt dann sogar noch juristisch gegen die urbane Mischung vorzugehen. Ich finde, man sollte die Differenzen – Zürichberg und Langstrasse – nicht nur akzeptieren, sondern sogar verstärken.

New York löst die kulturellen Differenzen mit ethnischen Quartieren, Strassenzügen also, wo fast nur orthodoxe Juden leben, fast nur Kubaner, fast nur Inder.

Das ist ein möglicher Ansatz, und erst noch einer, der sich von selbst entwickelt hat. Auf die Selbstorganisation sollte man auch in der Schweiz mehr setzen. An der Langstrasse passieren trotz ihres zweifelhaften Rufs kaum Verbrechen, weil dies ein sehr öffentlicher Ort mit sehr unterschiedlichen Menschen ist. Diese Gruppen halten sich sozusagen gegenseitig in Schach. Probleme entstehen dann, wenn man zum Beispiel den Strassenstrich in ein Industriegebiet abschiebt. Dort gibt es keine Balance und keine soziale Selbstorganisation. Also schickt man dann die Polizei hin, um für Ordnung zu sorgen.

Wagen Sie für uns einen Blick in die Zukunft: Wie wird die Schweiz in 20 oder 50 Jahren aussehen?

Das kann niemand sagen. Es gibt einige aktuelle Prozesse, die sich in die Zukunft auswirken werden, etwa die grossflächige Luxussanierung der Innenstädte, von der bedauerlicherweise viele Schweizer Städte betroffen sind. Mit der Folge, dass wir eine Abnahme der Urbanität erleben und keine Zunahme. Aber auch hier würde ich nicht weiter vorausschauen wollen als zehn Jahre. Es passiert ständig etwas Neues, und die Umstände sind in jeder Stadt anders. Klar ist, dass wir vor einer Weichenstellung stehen – zwischen Enge und Offenheit. Die Schweiz hat immer sehr abwehrende Tendenzen gehabt, es gibt das Engstirnige und Abweisende. Aber auch eine grosse Offenheit war immer Bestandteil dieses Landes. Die Schweiz war eine der am frühsten industrialisierten Nationen der Welt, sie war bereits im 19. Jahrhundert das Land mit den meisten multinationalen Konzernen. Sie hat Flüchtlinge und Revoluzzer aller Art aufgenommen und sehr offene Geister hervorgebracht.

Und in welche Richtung werden wir die Weichen stellen?

Im Moment ist diese Auseinandersetzung sehr virulent, und es könnte durchaus sein, dass es wieder zu einer Abschottung und Schliessung auf breiter Front kommt. Die anstehenden Abstimmungen sind ja nur ein Teil davon, wenn auch ein sehr wichtiger mit grossen Konsequenzen. Die Auseinandersetzung läuft aber auch im Kleinen und äussert sich darin, wie viel Freiheit und wie viel Aufregendes man noch erträgt, wie schnell man sich abkapselt und sich über seinen Nachbarn beschwert. In Zürich wurde beispielsweise der Schulsilvester abgeschafft: Was ist das für eine arme Stadt, die wegen ein paar ausgehängten Gartentörchen und etwas Rasierschaum auf den Autorückspiegeln gleich eine lange gepflegte Tradition abschafft? In gleicher, fast schon hysterischer Weise wird heute an vielen Orten auf alle Formen von Lebendigkeit reagiert.

Was wären die Konsequenzen einer stärkeren Abschottung?

Das würde zu einem Land führen, in dem man wieder sehr viel ängstlicher, angepasster und normierter ist, wo man nichts mehr wagt, nichts mehr ausprobiert, wo man sich einschliesst und nachts lieber nicht auf die Strasse geht. Nicht weil es gefährlich wäre, sondern weil man diese Angst verinnerlicht hat. Aber vielleicht gelingt es ja auch, diesen Ängsten eine neue Qualität und Offenheit entgegenzusetzen, und dies mit einem gewissen Selbstbewusstsein und mit Spass. Mit der Zuversicht, dass wir ganz tolle Möglichkeiten in diesem Land haben und sie auch wahrnehmen sollten. Ich hoffe sehr, dass die Schweiz sich letztlich für das Lebendige entscheidet.

Autor: Almut Berger