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12. Mai 2014

Stadlzeit bei den Jungen

Sie hören Hip-Hop oder House, lassen sich aber auch von Schunkelmusik und Schuhplattler mitreissen: Die junge Generation entdeckt die Schlagerszene neu. Ein Augenschein beim TV-Klassiker «Musikantenstadl», der in Fribourg gastierte.

Punkt 20.15 Uhr erdröhnt die Eurovisionsfanfare, ein Mann mit Föhnfrisur erscheint strahlend auf der Bühne. Es ist Andy Borg (53), Moderator des «Musikantenstadls». Beschwingt springt er die Treppe hinunter und singt: «Oh, jetzt ist Stadlzeit, wir sind bereit, für eine wunderschöööne Zeit.» Die Halle tobt. 3400 Zuschauer freuen sich im Forum Fribourg auf zwei Stunden Heimatliebe und Herzschmerz.

Der «Musikantenstadl» ist der Dinosaurier unter den Samstagabendkisten: Seit 33 Jahren wird die Volksmusiksendung nun schon ausgestrahlt. Das Format erreicht im Schnitt vier Millionen Zuschauer in Deutschland, Österreich und der Schweiz. In Zukunft ­könnten es sogar noch mehr sein: Gemäss dem deutschen Bundesverband Musikindustrie interessieren sich auch die Jungen wieder vermehrt für Schunkelmusik: Von zwei auf fünf Prozent ist der Anteil der unter 19-Jährigen in der Fangemeinde gestiegen – innerhalb eines einzigen Jahres.

Tina Wiederkehr, vorne im Bild, hat ihr Dirndl nur ausgeliehen, will sich aber bald ein eigenes kaufen.
Tina Wiederkehr, vorne im Bild, hat ihr Dirndl nur ausgeliehen, will sich aber bald ein eigenes kaufen.

Auch an jenem Freitagabend in Fribourg sitzen längst nicht nur Senioren im Publikum. Da ist zum Beispiel Tania Heldner (20), die mit ihrem Vater aus Basel angereist ist: «Ich finde die Stimmung super.» Die Volksmusik wirke irgendwie verbindend und mache einfach gute Laune. Die Gymnasiastin hat mit ihren Kollegen auch schon die Basler Wiesn (Oktoberfest in Basel) besucht, findet den Volksmusikevent aber um einiges besser: «Da gibts nicht nur Bier, sondern eben auch ganz viel Unterhaltung.» Der «Stadl», den sie vor einem halben Jahr zum ersten Mal in Basel miterlebt hat, sei ein optisches und akustisches Spektakel.

Die Jurassier lassen es zum Geburtstag krachen

Eben hat Moderator Borg Ex-Miss-Schweiz Linda Fäh (26), «dieses bezaubernde Wesen», angekündigt. Die ehemalige Bankangestellte schwebt im feuerroten Kleid, hinten lang und vorne kurz, auf die Bühne und haucht: «Ich will dich, ich brauch dich, so seeeehr.»

Kylian Sylvestre (20) und seine Kollegen johlen und schwenken die Humpen in der einen und die mitgebrachten Fähnchen in der anderen Hand. Die französischsprachigen Jurassier haben nicht gewusst, dass die Ex-Miss auch singt, und sie haben auch nicht alles verstanden, was auf der Bühne gesprochen und gesungen wird. Aber egal: Heute lassen sie es krachen. Sie haben die Tickets bereits vor sechs Monaten gekauft, als Geburtstagsgeschenk für Kylian, der irgendwann beiläufig erwähnt hatte, dass der «Stadl» doch mal einen Ausflug wert wäre: «Wie es in der Disco läuft, wissen wir ja bereits. Das hier ist mal was anderes.»

Als nächster Gast tritt der deutsche Sänger und Trompeter Stefan Mross (38) auf die Bühne. Er gibt in engen Jeans und einem schnittigen Jackett ein Solo zum Besten, die Backen gebläht, obwohl bekanntlich alles Playback ist. Alsbald greift der Star zum Mikrofon, stürzt sich von der Bühne ins Publikum, springt auf die Tische und heizt die Stimmung mit einem Medley seiner bekanntesten Songs an. Anschliessend unterhalten sich Borg und Mross über das «Maibaum-Kraxeln», einen bayrischen Brauch, bei dem junge Burschen ihre körperliche Tüchtigkeit beweisen, indem sie auf einen geschmückten Baum klettern. Diese Tradition soll ein Hit sein. Um dies zu verdeutlichen, greifen die beiden Schlagersänger im Duett auf Freddie Mercury zurück. Aus «We Will Rock You» wird «Wenn der Maibaum wieder am Dorfplatz steht und sich alles um die Madeln dreht, wenn sie ihre feschen Dirndl zeign und mir Burschen uns die Augen reibn».

Im Dirndl unterwegs ist an diesem Abend auch Carmela Wiederkehr (31) aus Otelfingen ZH: «Ich trage das Kleid heute zum ersten Mal. Nach dem letzten Oktoberfest fand ich, ein Dirndl muss frau einfach haben.» Mit dem «Stadl» habe sich endlich eine Gelegenheit ergeben, das Kleid auszuführen. Ihre Schwägerin Tina Wiederkehr (33) aus Waltenschwil AG trägt ebenfalls einen Rock mit Schürze. Sie hat das Kleid ausgeliehen, will sich demnächst aber auch eine bayrische Tracht kaufen. Ihrem Zivilstand entsprechend hat sie ihre Bauchschleife rechts gebunden. Für Insider ein Zeichen, dass sie vergeben ist.

In einer anderen Ecke der Halle bandelt Andy Borg derweil mit dem Publikum an und setzt sich an den Tisch von Kathrin Döring (27) und Manuela Baumann (27) aus Olten SO. Die beiden Angestellten einer Schönheitsklinik haben ihren Chef, einen bekennenden Schlagerfan, zum «Stadl» eingeladen – und sind erst mal baff, dass sich der Moderator plötzlich zu ihnen setzt.

Eine Welt mit Sexbomben, Stofftieren und Selfies

Auf der Bühne geht die Show derweil mit der deutschen Sängerin Tanja Hewer alias Michelle (42) weiter, die im knappen Glitzerkleid ihre zahlreichen Tattoos zeigt. Stephan Waeber (27) und seine Kollegen stehen auf der Festbank, heben die Hände und schaukeln im Rhythmus des Lieds. «Michelle ist super. Nur Helene wäre noch besser.» Der Fribouger meint damit Helene Fischer, die Sexbombe unter den Schlagerköniginnen und derzeit der absolute Superstar der Szene.

Davon ist Linda Fäh noch weit entfernt. Sie nimmt die Chance für einen weiteren Auftritt wahr und hat sich von der Regie für den Maibaum-Kraxel-Wettbewerb einspannen lassen. Stefan Mross klettert mit Hilfe von vorgefertigten Sprossen auf den Baum, Andy Borg lässt sich mit dem Seil hochziehen, und Linda Fäh schlägt die Glocke im Baumwipfel mit einem langen Stock. Hossa!

Noch ein paar Mal pflügen sich Andy Borg und andere Stars durchs Publikum. Zuschauer winken mit Stofftieren in die Kamera. Und dann ist die Show auch schon vorbei. Die Baslerin Tania Heldner steht für ein Selfie mit Linda Fäh an. Kathrin Döring und Manuela Baumann wollen ein Autogramm von Andy Borg, der aber bereits verschwunden ist. Die beiden jungen Frauen trösten sich mit den Jurassiern, die immer noch in bester Partylaune sind. Die Praxisassistentinnen aus Olten und die Studenten aus Pruntrut sprechen zwar nicht die gleiche Sprache. Aber egal: Schlager verbindet.

Autor: Andrea Freiermuth

Fotograf: Mischa Imbach