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02. Juni 2014

Stadt im Nirgendwo

Die Schweizer Nati spielt in der Millionenstadt Manaus, die mitten im Dschungel liegt. Ilse Walker und Peter Hagnauer haben hier eine neue Heimat gefunden. Sie erzählen, wie die Stadt tickt. Bald berichtet Reisexperte Reto Wild aus Brasilien.

Das Opernhaus mit der gelb-grünen Kuppel ist das Wahrzeichen von Manaus.
Das Opernhaus mit der gelb-grünen Kuppel ist das Wahrzeichen von Manaus.

Sie ist nicht unbedingt eine Schönheit, in die man sich auf den ersten Blick verliebt. Heruntergekommene Hotels wechseln sich ab mit hässlichen Wohnsiedlungen, und dazwischen erheben sich ein paar Wolkenkratzer. Und doch zählt die brasilianische Grossstadt Manaus – dreieinhalb Flugstunden nordnordwestlich von São Paulo – gegen zwei Millionen Einwohner. Einen Grund muss es also geben, dass so viele Menschen mitten im Nirgendwo leben, an einem Ort, der nur aus der Luft oder auf dem Amazonas erreichbar ist. Ein wichtiger heisst Gummibäume: Zwischen 1870 und 1910 erlebte die Stadt am Rio Negro einen Kautschukboom. Das machte sie zu einer der reichsten Metropolen der Welt.

Wer heute der damaligen Prachtsstrasse Eduardo Ribeiro entlangschlendert, die vom weltbekannten Opernhaus zum Hafen führt, sieht vom einstigen Reichtum nicht mehr viel. Ein paar Meter Schienen erinnern daran, dass hier einst ein Tram gefahren ist. Da werben Imbissbuden für ihre Leckereien, Uhrenmechaniker bieten ihre Dienste an Ständen an, Verkäufer verkaufen Handyhüllen oder Früchte aus dem Amazonasgebiet. In der Nähe der Kathedrale warten leicht bekleidete Frauen auf Kunden, während scheinbar auf jedem zweiten vorbeifahrenden Auto ein Kleber angebracht ist, auf dem entweder steht «Deus é fiel» (Gott ist treu) oder «Jesus Voltará» (Jesus wird zurückkommen). Der Uhrenturm, ein beliebter Treffpunkt, läuft dank eines Schweizer Uhrwerks sehr präzise.

Die Altstadt von Manaus soll in alter Schönheit erblühen

Der Schweizer Peter Rolf Hagnauer (51) lebt seit November 2011 in Manaus. Er erinnert sich: «Als ich Brasilien 1984 als Rucksacktourist erstmals bereiste, war es hier schmutziger. Nun sieht ein Projekt der Stadtverwaltung vor, der Altstadt ihre einstige Schönheit zurückzugeben.» Der Hauptmarkt Adolpho Lisboa wurde letztes Jahr nach einer Umbauzeit von sieben Jahren wiedereröffnet und fällt durch seine Sauberkeit auf. Das gilt jedoch nicht für die Strassenküche. Wegen mangelnder Hygiene warnt Hagnauer: «Finger weg!» Im Mai und Juni sei die Strasse Eduardo Ribeiro voll Wasser vom Rio Negro, das sich mit den Abwässern von Manaus vermische. Dann könne es auch einmal 45 Grad heiss werden.

Am 25. Juni kämpft die Schweizer Nati in Manaus gegen Honduras. Hagnauer, der seit Februar dieses Jahres stolzer Besitzer eines brasilianischen Passes ist und fliessend Portugiesisch spricht, rechnet mit rund 1200 Nati-Fans, die ihr Team vor Ort anfeuern werden. Er muss es wissen, denn mit seinem lokalen Reisebüro All Brazil Tours mischt er im Geschäft mit. «Praktisch alle Hotels sind ausgebucht – zu bis zu drei Mal höheren Preisen.» Normalerweise kostet eine Nacht im Drei-Sterne-Hotel im Zentrum rund 70 Franken.

Die Nati spielt in der Arena da Amazônia, dem über 270 Millionen Franken teuren, laut der deutschen Zeitung «Welt» absurdesten WM-Stadion. Absurd, weil sich zu den Spielen der lokalen Mannschaften ansonsten ein paar Hundert Zuschauer einfinden. Der Tempel aber weist eine Kapazität von über 40 000 Plätze auf.

Tägliches Verkehrschaos und 600 internationale Fabriken

Hagnauer, der in Manaus zum zweiten Mal eine Familie gegründet hat, muss während den Stosszeiten mit 100 Minuten für eine sonst 20-minütige Autofahrt rechnen. «Das ist absoluter Wahnsinn!» Denn öffentlicher Verkehr existiert praktisch nicht, je nach Linie wartet man 90 Minuten auf einen Bus. Täglich quälen sich Lenker von 600 000 Fahrzeugen durch den Verkehr. Hagnauer gibt zu bedenken, dass die Stadt allein in den letzten gut 20 Jahren rund 700 000 Einwohner mehr beherbergt. 600 Fabriken multinationaler Firmen wie Siemens, Samsung, Sony oder Honda haben sich zwischen der Altstadt und dem Flughafen angesiedelt.

Trotzdem mag der jung gebliebene Schweizer seine Wahlheimat, vermisst von der Schweiz «nur seine Mutter und ein gutes Stück Tilsiter». Mit Unterbrüchen lebt er seit 28 Jahren in Brasilien und kann sich nicht vorstellen, in einem anderen Land zu leben. In Manaus fühle er sich wegen der Menschen besonders wohl. Sie seien umgänglicher, aufgeschlossener und ehrlicher als die Einwohner von Rio. Dort hat Peter Hagnauer vorher gelebt. Freundschaften seien im Amazonasgebiet Brasiliens solider und intensiver. Der Fischverkäufer im Quartier lade ihn zu einem Bier ein. «Und für mich zählt die Nähe zur Natur. Es ist ein Privileg, mit dem Boot auf dem Amazonas zu tuckern und die frische Luft einzuatmen.» Oder er fährt mit seiner Familie aufs Land, isst einen Fisch und erfrischt sich im Rio Negro.

Die Nähe zur Natur geniesst auch Ilse Walker (84) – an ihrem Arbeitsplatz. Die Biologin arbeitet seit 1976 am staatlichen Forschungsinstitut Inpa. Das Gelände des Instituts, 15 Fahrminuten vom Zentrum entfernt und Teil des Stadtgebiets, ist umgeben von Regenwald. Dieser wirkt unwirklich, als ob die Stadtplaner der Nachwelt zeigen wollten, wie die Umgebung einst ausgesehen hat. Die in Turbenthal im Zürcher Oberland aufgewachsene Schweizerin erzählt: «Als ich 1976 nach Manaus auswanderte, zählte die Stadt 300 000 Einwohner. Damals sah ich noch den Sternenhimmel. Die Stadt endete in der Nähe der Oper. Es gab praktisch keine asphaltierten Strassen.» Während einer Feldexpertise begegnete die allein stehende Ökologin im Dschungel einem Jaguar.

Heute fährt die 84-Jährige noch immer praktisch jeden Werktag zum grössten Forschungsinstitut der Tropen, an dem mehr als 250 Professoren lehren. Sie hört sich Vorträge von Absolventen an, die über ihre Diplomarbeit berichten. Walker hat sich ihren Lebenstraum erfüllt, wollte sie doch schon als Kind in die Tropen ziehen, nachdem Missionare im Pfarrhaus im Zürcher Oberland vom Urwald berichtet hatten.

Seit sie 18 Jahre alt ist, lässt sich die rüstige Dame ihr Feierabendbier nicht nehmen. Am liebsten geniesst sie es im einfachen Restaurant Casa do Pensador, am Praça do Teatro vor dem Opernhaus. «Wir haben viel Verkehr und viele Autos. Aber die Menschen hier sind freundlicher als in der Schweiz.» Sie nimmt einen grossen Schluck und freut sich auf die Opernvorstellung, die sie gebucht hat.

UNSER MANN IN BRASILIEN
Der Blog:Journalist Reto E. Wild reist nach Brasilien und berichtet aktuell weniger über das Fussballgeschehen als über das Essen und andere touristische Erfahrungen aus Südamerika.

Lesen Sie hier auch die bisherigen «Wilds Welt»-Reiseerlebnisse.

Autor: E. Wild_, Reto

Fotograf: Koutaniemi (6), Meeri